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Lockdown In diesen Bundesländern ist die wirtschaftliche Not am größten

Die von der Bundesregierung geplante bundesweite Corona-Notbremse bremst schon vor ihrer parlamentarischen Verabschiedung – nur leider nicht das Virus Quelle: imago images

Die Lockdown-Maßnahmen treffen die Bundesländer unterschiedlich hart – und verstärken das regionale Wachstumsgefälle. Die Corona-Notbremse verbreitet schon jetzt Sorgen in den Ländern. Wer sind die größten Verlierer? 

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Die von der Bundesregierung geplante Corona-Notbremse bremst schon vor ihrer parlamentarischen Verabschiedung – nur leider nicht das Virus. Sondern die Laune der Unternehmer und Analysten. Am Dienstag brach der vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ermittelte Index der Konjunkturerwartungen für Deutschland zum ersten Mal seit November wieder ein. 

Volkswirte schrauben ihre Wachstumsprognosen mit Blick auf die bevorstehenden neuerlichen Geschäftsschließungen drastisch nach unten. Die Ökonomen vom Bankhaus Lampe rechnen nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 3,0 Prozent statt wie bisher 3,7 Prozent für dieses Jahr. „Der Konjunkturdurchbruch verzögert sich ein weiteres Mal“, sagt Alexander Krüger, Chefvolkswirt bei Lampe. Mehr öffentliches Leben werde frühestens ab Mitte Juni möglich sein. 

Auch die Wirtschaftsforschungsinstitute, die am Donnerstag ihr Frühjahrsgutachten vorlegen, werden darin wohl nicht gerade Euphorie verbreiten. Denn die von der Bundesregierung geplante Änderung des Infektionsschutzgesetzes, die bei bestimmten Schwellenwerten für Neuinfektionen bundeseinheitliche Lockdown-Maßnahmen vorsieht, wird nach aktuellem Stand drei von vier deutsche Landkreise und kreisfreie Städte treffen. Den wirtschaftlichen Schaden eines neuerlichen Lockdowns beziffert die Commerzbank auf 10 Milliarden Euro. Pro Monat. 

Das Betätigen der Notbremse soll künftig nach bundeseinheitlichen Kriterien erfolgen. Doch die Wirkungen der Bremse werden ganz und gar nicht bundeseinheitlich sein. Ebenso wenig wie es die bisherigen Lockdown-Maßnahmen waren, die die Wirtschaft in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich stark belastet haben. Wie tief die Bremsspuren durch das Herunterfahren der Wirtschaft ausfallen, hängt maßgeblich von der Branchenstruktur sowie der Resilienz der Unternehmen in den Regionen ab.

Absturz in Bayern und Baden-Württemberg 

Als die Bundesregierung im Frühjahr vergangenen Jahres den ersten Lockdown verhängte, mussten nicht nur Geschäfte, Hotels und Gaststätten schließen. Auch viele Industriebetriebe stellten ihre Produktion ein. Der Grund: Lieferketten zerbrachen durch das globale Herunterfahren der Wirtschaft, Grenzkontrollen verhinderten die rechtzeitige Warenlieferung. Die deutschen Exporte brachen im März und April vergangenen Jahres um insgesamt knapp ein Drittel gegenüber dem Vorkrisenniveau ein. Der Output in der Industrie ging um ein Viertel zurück. 



Darunter litten vor allem die Bundesländer mit einem hohen Wertschöpfungsanteil der Industrie, unter ihnen auch die erfolgsverwöhnten Südländer Bayern und Baden-Württemberg. Das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Baden-Württemberg, wo das Verarbeitende Gewerbe fast 30 Prozent der Bruttowertschöpfung ausmacht, schrumpfte um 5,5 Prozent. Im Bundesdurchschnitt ging das BIP im vergangenen Jahr nur um 4,9 Prozent zurück. 

Ebenso groß war der Einbruch in Bayern, wo der Wertschöpfungsanteil der Industrie bei 23 Prozent liegt. Gleichwohl blieben beide Bundesländer – nicht zuletzt dank der großzügigen Kurzarbeiterregelungen – von Massenarbeitslosigkeit verschont. Die Arbeitslosenquoten stiegen zwar, blieben aber im bundesweiten Vergleich mit 3,9 Prozent (Bayern) und 4,3 Prozent (Baden-Württemberg) gering. (Siehe Grafik weiter unten)

Noch heftiger fiel der Wirtschaftseinbruch in Hamburg (minus 5,8 Prozent) und in Bremen (minus 7,0 Prozent ) aus. Ausschlaggebend für den Absturz in Bremen waren die „coronabedingten Produktionsausfälle im Fahrzeugbau, vor allem bei Autos, Flugzeugen und Schiffen“, sagt eine Sprecherin des Bremer Senats für Wirtschaft. Diese Branchen stellen den Kern der besonders exportabhängigen Bremer Industrie dar.

Stabile Küstenländer 

Deutlich glimpflicher kamen die industrie- und strukturschwachen Bundesländer wie etwa Brandenburg (BIP: minus 3,2 Prozent), Mecklenburg-Vorpommern (minus 3,2 Prozent) sowie Schleswig-Holstein (minus 3,4 Prozent) bislang durch die Krise. Was normalerweise wie ein Hemmschuh wirkt, erwies sich für sie in der Krise als Glücksfall: Der vergleichsweise geringe Anteil der Industrie an der regionalen Wertschöpfung, der nur zwischen 10 und 14 Prozent liegt. Er dämpfte den wirtschaftlichen Einbruch im Gefolge des Lockdowns. 



In Schleswig-Holstein kam hinzu, dass die regionale Industrie, etwa die Nahrungs- und Futtermittelindustrie sowie die Medizintechnik, trotz oder gar wegen der Pandemie gut liefen. Einen maßgeblichen Beitrag zur Stabilisierung der Wirtschaft hat zudem „der für Schleswig-Holstein relativ wichtige Baubereich geliefert“, sagt ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums in Kiel. 

In diesem Jahr könnte sich die Situation ändern – und die Verlierer aus dem ersten Corona-Jahr zu den Gewinnern des zweiten Corona-Jahres werden. Denn anders als im Frühjahr ist die Industrie derzeit von der Anti-Corona-Politik kaum betroffen. Im Gegenteil. Weltweit steigt die Nachfrage nach industriell erzeugten Produkten. Manche Branchen klagen bereits über Lieferengpässe. In China ist die Pandemie weitestgehend überwunden, Großbritannien und die USA dürften dank der Impferfolge den Krisenmodus bald ebenfalls hinter sich lassen. 

Zugleich pumpen die Notenbanken und Regierungen rund um den Globus Geld in die Wirtschaft als gäbe es kein Morgen mehr. Die US-Notenbank will die Wirtschaft heiß laufen lassen, um Jobs zu schaffen. Das dürfte die Nachfrage nach Investitions- und Konsumgütern made in Germany kräftig ankurbeln.

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