Lohn-Preis-Spirale: Hören Sie die Signale, Herr Hofmann!

Die IG Metall fordert für Beschäftigte in der Stahl-Industrie 8,2 Prozent mehr Lohn – dabei stehen Stahlkocher wie Thyssenkrupp oder Salzgitter unter Druck wegen hoher Energiekosten.
Foto: dpaVielleicht formuliert man eine solche Forderung ganz locker, wenn man wie IG-Metall-Chef Jörg Hofmann lange genug im Amt ist. Mindestens 7 Prozent soll das nächste Gehaltsplus betragen, „eine kräftige Lohnerhöhung“. Das sagte er der „Süddeutschen Zeitung“ im Interview mit Blick auf die anstehende große Tarifrunde: die der Metall- und Elektroindustrie mit 3,7 Millionen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und entsprechend großer Signalwirkung.
Er selbst nennt das „vernünftig“ und gibt sich bescheiden. Denn die Forderung basiere auf der EZB-Zielinflation von zwei Prozent und nicht auf der aktuellen Inflation von knapp acht Prozent: „Dann wäre unsere Forderung zweistellig.“ Ach so?
Damit ist der IG-Metall-Chef in bester Gesellschaft. Verdi bestreikt aktuell Flughäfen, um fünf Prozent mehr Lohn durchzusetzen. Für Hafenarbeiter verlangt Verdi einen „tatsächlichen Inflationsausgleich“ sowie eine Erhöhung der Stundenlöhne um 1,20 Euro – eine Lohnsteigerung von bis zu 14 Prozent.
So plausibel die Forderungen nach Lohnerhöhungen angesichts steigender Preise sein mögen, so vorsichtig und moderat sollten Gewerkschaften sie formulieren.
Befeuern Sie keine Dauer-Inflation, Herr Hofmann!
Denn Lohnkosten sind neben denen für Energie ein wichtiger Faktor für die Inflationsentwicklung. Nicht ohne Grund verweisen Ökonomen und Unternehmen auf die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale, den gefährlichen Mechanismus, wenn sich Löhne und Preise gegenseitig aufschaukeln: Arbeitnehmer fordern höhere Löhne, um die gestiegenen Preise auszugleichen, was zu höheren Kosten für Unternehmen führt – weshalb sie wiederum ihre Preise anheben. Fast 90 Prozent der Mitglieder des Familienunternehmer-Verbands sehen diese Gefahr als „groß“ oder „sehr groß“, zeigt eine aktuelle Umfrage.
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Wie das in der Realität aussehen kann, zeigt ein Blick in die Siebzigerjahre. Hofmann, der 1955 geboren ist, dürfte sich an die Ölkrise erinnern. Die Deutschen klagten über hohe Preise für den Energieträger, ausgelöst durch einen Öl-Boykott der arabischen Förderstaaten. Sogar Sonntagsfahrverbote verhängte die Regierung. Heinz Kluncker – damals Chef der Gewerkschaft ÖTV – boxte Lohnerhöhungen von elf Prozent im Jahr 1974 durch. In anderen Branchen hatte es Anfang der Siebzigerjahre bei sprunghaft steigenden Preisen sogar Tarifanhebungen bis zu 15 Prozent gegeben. Die Folge von über einem Zehntel Gehaltsplus: Die Inflation schoss weiter nach oben, die Arbeitslosenquote auch, die Kaufkraft sank.
Eine der vor einem solchen Szenario warnenden Stimmen ist die des ehemaligen Wirtschaftsweisen Peter Bofinger. Der Ökonom mahnt in Medienberichten, schon ein Gehaltsplus von drei oder vier Prozent reiche für diesen Mechanismus aus. In den USA sehen Beobachter die Negativspirale schon längst in Gang gesetzt.
Die mächtigste Gewerkschaft Deutschlands sollte deshalb ihre Füße still halten und Forderungen nach einem Gehaltsplus mit Umsicht formulieren. „Kräftig“ ist in diesem Zusammenhang gefährlich – und hat herzlich wenig mit „Vernunft“ zu tun.
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