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Lohnarbeiter „Die Pandemie bringt viele Missstände ans Licht“

Die Arbeitsbedingungen von Schlachtarbeitern aus Südosteuropa stoßen zunehmend auf Kritik. Quelle: imago images

Die Gewerkschafterin Sevghin Mayr berät seit Jahren Lohnarbeiter aus Rumänien. Im Interview erklärt sie, was das Ende der Werkverträge in Schlachtbetrieben bedeuten würde – und in welchen Branchen getrickst wird.

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Sevghin Mayr, studierte Romanistik und Interkulturelle Kommunikation an der LMU München. Beim Beratungsprojekt „Faire Mobilität“ für mobile Beschäftigte aus Mittel- und Osteuropa des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) berät sie Arbeiter aus Rumänien im Kontext der Arbeitsmigration und Freizügigkeit. „Faire Mobilität“ verfügt bundesweit über neun Beratungsstellen und verfolgt das Ziel, gerechte Löhne und faire Arbeitsbedingungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt für Arbeiter aus Südosteuropa durchzusetzen.

WirtschaftsWoche: Frau Mayr, die Arbeitsbedingungen von Schlachtarbeitern aus Südosteuropa stoßen zunehmend auf Kritik. Mit welchen Problemen wenden sich Arbeiter aus Schlachtbetrieben in der Regel an Sie?
Sevghin Mayr: Es sind fast immer die Themen Lohn, Kündigungen und die Wohnbedingungen. Wir sind seit Jahren damit konfrontiert, dass Arbeiter aus südosteuropäischen Staaten wie Rumänien oder Bulgarien oft unter Mindestlohn arbeiten und in teils sehr unhygienischen Massenquartieren leben müssen. Die Menschen haben Angst, ihre Rechte einzufordern, weil sie Angst haben, ihre Arbeit zu verlieren. Die Not ist oft sehr groß. Teils bekommen die Arbeiter gar keine Lohnabrechnungen und wenn, sind diese oft sehr intransparent. Da werden etwa Vorschüsse abgezogen, die niemals ausbezahlt wurden. Covid 19 verschärft die Lage für die Arbeiter, gerade was die Wohnquartiere betrifft. Andererseits deckt die Pandemie gerade sehr viele Missstände auf und bringt die rauen Arbeitsbedingungen und Schikanen der Arbeitgeber ans Licht.

Welche Branchen sind neben der Fleischbranche noch von schlechten Arbeitsbedingungen für Lohnarbeiter aus Südosteuropa geprägt?
Die meisten Anfragen erreichen uns derzeit aus der Fleischbranche. Die Rumänen und Bulgaren, die sich an uns wenden, klagen über überlange Arbeitszeiten und nicht vollständig ausgezahlte Löhne. Und auch in der Baubranche klagen viele über Massenquartiere. Sehr viele Anfragen bekommen wir auch von Paketzustellern. Zu den überlangen Arbeitszeiten kommt bei ihnen der Druck hinzu, den Arbeitgeber oft ausüben, damit möglichst viele Päckchen pro Stunde ausgeliefert werden. Zudem haben sich viele Erntehelfer an uns gewandt, die deutsche Landwirte während der Pandemie eingeflogen haben.

Deutschland hat im April und Mai eine Luftbrücke für Erntehelfer von Rumänien nach Deutschland aufgebaut, da die Landwirte dringend nach diesen Arbeitskräften verlangt hatten. Mit welchen Problemen sind die Erntehelfer konfrontiert?
Das beginnt schon bei den Kosten für den Flug hierher. Eigentlich hieß es, dass die Landwirte die Kosten für die Sonderflugzeuge von Rumänien nach Deutschland übernehmen. Das stimmte mich schon damals skeptisch, da solche Transportkosten in der Regel auf die Arbeiter abgewälzt werden. Und jetzt zeigt sich, dass die Skepsis angebracht war. Denn immer mehr Erntehelfer berichten uns, dass sie an den Kosten für die Flüge beteiligt werden. Auch das passiert wie so oft verschleiert, indem irgendwelche „Vorschüsse“ vom Lohn abgezogen werden. Wer für die Rückflüge zahlt, ist indes noch vollkommen offen.

Arbeitet „Faire Mobilität“ denn mit der Polizei und dem Zoll zusammen, um solche Missstände zu ahnden?
Wir informieren regelmäßig die Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls über die Missstände, die uns Ratsuchende erzählen. Erst vor wenigen Wochen hatten wir einen Fall in Rheinland Pfalz, wo einige Erntehelfer fristlos gekündigt wurden, obwohl diese in Quarantäne waren. Der Landwirt hat sie einfach am Bahnhof abgeladen und sie dort sich selbst überlassen. Es war ein klarer Verstoß gegen Quarantäneregeln. Das „Vergehen“ dieser Erntehelfer war übrigens, dass sie vom Landwirt die Personalausweise zurück haben wollten und eine klare Abrechnung zu ihren Arbeitsstunden gefordert haben.

Welchen Stundenlohn bekommen Erntehelfer denn in Regel?
Die Erntehelfer haben Anspruch auf den Mindestlohn und der beträgt zurzeit 9,35 Euro pro Stunde. In der Praxis ist es aber so, dass die Arbeitszeiten oft stark ausgeweitet werden und nur nach Akkord bezahlt wird. Viele Erntehelfer arbeiten eben nicht acht Stunden auf dem Feld, sondern bis zu zwölf Stunden. Das ist bis Ende Oktober gesetzlich erlaubt. Wenn man aber den Akkordlohn durch die richtige Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden teilt, verdienen viele Erntehelfer deutlich unter dem Mindestlohn. Aber wie gesagt sind diese Tricksereien nicht nachweisbar, weil sie in der Regel keine Lohnabrechnungen bekommen.

Sevghin Mayr

Die Politik überlegt, Werkverträge in der Schlachtbranche abzuschaffen. Würde das die Lage zum Positiven ändern?
Das käme in der Schlachtbranche einer Revolution gleich und würde die Arbeitsbedingungen definitiv verbessern. Aber auch die Arbeitgeber würden von der Abschaffung der Werkverträge profitieren: Dadurch gebe es weniger Fluktuation der Arbeiter. Insgesamt würde dieser Schritt für sehr viel mehr Stabilität in der Branche sorgen. Zudem ist das generelle Verbot der Werkverträge in der Schlachtbranche längst überfällig. Die Missstände sind seit Jahren bekannt. Es ist gut, dass die Politik jetzt entschieden handelt.


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