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Lohndebatte Lieber Niedriglöhner in Deutschland als Durchschnittsverdiener in Bulgarien

Der Vergleich schreckt auf: Mehr Geringverdiener in Deutschland als in Bulgarien! Hinter der überraschenden Nachricht steckt aber vor allem eines: Statistik.

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Was vom Lohn übrig bleibt
Ein Frau hält einen Geldbeutel in Händen Quelle: dpa
LohnsteuerEhepaar (Doppelverdiener im Eigenheim, zwei Kinder, Köln) Klasse 3/2 und 5 (Wegen der Einkommenshöhe werden Kinderfreibeträge berücksichtigt, und das Kindergeld wird entsprechend abgezogen): 3518,43 Euro Ehepaar (ein Verdiener, zwei Kinder, Dresden) Klasse 3/2 (Wegen der Einkommenshöhe werden Kinderfreibeträge berücksichtigt, und das Kindergeld wird abgezogen): 502,66 Euro Single (Göttingen): 1431,25 Euro Quelle: Fotolia
Ein Nonne hält einen Rosenkranz Quelle: dapd
Eine Rentnerin geht mit einem Rollator einen Gehweg entlang Quelle: dpa
Eine Frau ist auf dem Weg zur Agentur für Arbeit Quelle: dpa
Ein Arzt behandelt eine Patientin Quelle: dpa
Ein Pfleger betreut einen älteren Herrn Quelle: dpa

Das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB), der wissenschaftliche Ableger der Bundesagentur für Arbeit, hatte mal wieder den Niedriglohnsektor in Deutschland eingehend untersucht. Dabei stellten die Wissenschaftler auch Vergleiche mit anderen Ländern in Europa an. So ermittelten sie, dass knapp ein Viertel aller hiesigen Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor tätig ist – genau 24,1 Prozent. In anderen Ländern ist der Anteil teilweise deutlich geringer. In Dänemark, Finnland und Belgien liegt er unter zehn Prozent, am anderen Ende rangiert, direkt vor Deutschland, nur noch Litauen. Besonders plakativ ist dann ein Vergleich, dass der Anteil der Niedriglöhner hierzulande sogar größer ist als in Bulgarien oder auf Zypern.

Wie die Armut in Deutschland aussieht
Der Graben zwischen Arm und Reich ist tiefer geworden . Auf die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte entfielen 53 Prozent (Stand: 2008, neuere Zahlen liegen nicht vor) des gesamten Nettovermögens. 1998 lag die Quote bei 45 Prozent. Die untere Hälfte der Haushalte besaß zuletzt lediglich gut ein Prozent des Nettovermögens. 2003 waren es drei Prozent. Von 2007 bis 2012 hat sich das Gesamtvermögen der Haushalte trotz der Finanzkrise um weitere 1,4 Billionen Euro erhöht. Quelle: dapd
Fast jeder vierte Beschäftigte arbeitet in Deutschland für einen Niedriglohn von weniger als 9,54 Euro pro Stunde. Ihr Anteil an allen Beschäftigten war im Jahr 2010 mit 24,1 Prozent so groß wie in kaum einem anderen Staat der Europäischen Union (EU). Selbst in Zypern oder Bulgarien gibt es weniger Niedriglöhner. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Unter den 7,1 Millionen Beziehern von Niedriglöhnen hierzulande sind Geringqualifierte fast die Ausnahme: Mehr als 80 Prozent der Geringverdiener in Deutschland hätten eine abgeschlossene Berufsausbildung. Besonders hoch sei der Anteil der Niedriglöhner bei Frauen und Teilzeitbeschäftigten. Quelle: dpa
Der Staat ist ärmer geworden . Sein Nettovermögen schrumpfte zwischen Anfang 1992 und Anfang 2012 um über 800 Milliarden Euro, während es sich bei den privaten Haushalten um gut fünf Billionen Euro mehr als verdoppelte. Zu dieser Entwicklung trug die Privatisierungspolitik aller Regierungen in diesem Zeitraum bei. Die Erlöse aus dem Verkauf öffentlichen Tafelsilbers versickerten in den Haushalten. Quelle: dapd
Die „Armutsgefährdungsschwelle“ liegt nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes bei 952 Euro im Monat. Je nach Datengrundlage gilt dies für 14 bis 16 Prozent der Bevölkerung. Hauptgrund für Armut ist Arbeitslosigkeit. Auch für Alleinerziehende ist das Risiko hoch. Quelle: dpa
Der Anteil der Beschäftigten im Niedriglohnsektor stieg und lag zuletzt zwischen 21 und 24 Prozent. Im Jahr 2010 waren 7,9 Millionen Arbeitnehmer betroffen. Die Niedriglohngrenze liegt bei 9,15 Euro pro Stunde. Quelle: dpa
Nur 2,6 Prozent der über 65-Jährigen sind derzeit auf Grundsicherung im Alter angewiesen. Quelle: dpa
Die Arbeitslosigkeit sank im Berichtszeitraum auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen reduzierte sich zwischen 2007 und 2012 von 1,73 Millionen auf 1,03 Millionen oder um mehr als 40 Prozent. In der EU weist Deutschland aktuell die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit aus - begünstigt von der Hartz-IV-Gesetzgebung: Seit 2005 müssen Langzeitarbeitslose auch schlecht bezahlte Jobs annehmen. Die Ausweitung von Niedriglohnsektor und atypischer Beschäftigung (Zeitarbeit, Teilzeitarbeit, Minijobs) ging laut Bericht nicht zulasten von Normalarbeitsverhältnissen. Quelle: dapd

Doch diese Zahlen sagen nichts über Armut und Bedürftigkeit; sie bilden lediglich die Einkommensverteilung bei den Beschäftigten ab, beinhalten auch keine sonstigen Einnahmen. Ausgangspunkt der Berechnungen des IAB ist der so genannte Medianlohn. Er teilt die Gesamtheit der Beschäftigten in zwei gleich große Gruppen: Die eine Hälfte verdient mehr als dieser Betrag, die andere weniger. In Deutschland sind dies 14,31 Euro. (Nicht zu verwechseln mit dem Durchschnittslohn, dessen Wert höher liegt, da einige wenige Spitzenverdiener den Wert nach oben ziehen.)

Der Niedriglohnsektor beginnt nach international angewendeter Definition bei zwei Dritteln des Medianlohns. Für Deutschland sind das also 9,54 Euro. Wer weniger als diese 9,54 Euro als Lohn erhält, arbeitet als Geringverdiener. Das gilt eben für 24,1 Prozent aller Beschäftigten oder rund 8,3 Millionen Menschen. Wobei etwas weniger als die Hälfte von ihnen bei einem Stundenlohn zwischen sieben und 9,54 Euro liegt.

Armut bilden diese Werte nichts ab. Wer Vollzeit arbeitet und 9,54 Euro verdient, trägt am Monatsende 1526 Euro brutto nach Hause. Auch nach Abzug von Steuern und Sozialversicherung ist das mehr als der Hartz-IV-Satz - für einen Single wohlgemerkt. Zum Ernähren einer vierköpfigen Familie reicht dieser Betrag natürlich nicht aus.

Verteilung der Einkommen

So ist es um die Armut in Europa bestellt
Platz 27: Am wenigsten armutsgefährdet sind die Menschen in Dänemark. Das ergab eine Studie des Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Als armutsgefährdet gilt nach einer Definition der EU, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens eines Landes zur Verfügung hat. Das IW nahm diese Definition als Grundlage für ihre Forschung, kombinierte sie jedoch noch mit weiteren Faktoren, zum Beispiel die subjektive Einkommensarmut und die Deprivation, also das, worauf Menschen aus finanziellen Gründen verzichten müssen. Heraus kam: Nur ein Prozent der Bevölkerung in Dänemark ist arm. Auf Platz 26 schafft es Luxemburg. Quelle: REUTERS
Platz 25: Immer mehr Menschen sind von Armut betroffen - egal ob in Deutschland oder europaweit. In der EU gilt fast jeder Vierte als armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Die Menschen in den Niederlanden kommen dabei noch gut weg und landen auf Platz 25: Nur jeder Neunte ist armutsgefährdet. Quelle: AP
Platz 24: Schweden. Nur ein Prozent der Bevölkerung in Schweden muss erhebliche materielle Entbehrungen hinnehmen. Auf Platz 23 und 22 folgen Finnland und Österreich. Quelle: dpa
Platz 21 für Deutschland - damit liegen wir im europäischen Vergleich nur im Mittelfeld. Besonders betroffen von Armut sind in Deutschland Migranten, Alleinerziehende und Arbeitslose. 30 Prozent der Arbeitslosen sind einkommensarm. Quelle: dpa
Platz 20: Vereintes Königreich. Die Briten gehören ins Mittelfeld - ebenso wie Frankreich (Platz 19), die Tschechischen Republik (Platz 18), Belgien (Platz 17) und Slowenien (Platz 16). Doch es gibt deutliche Unterschiede: Während die Tschechen EU-weit die niedrigste Einkommensarmutsquote hat, sind die Briten bei der subjektiven Armut vorne. Quelle: REUTERS
Platz 15 bis 13: Slowakische Republik, Malta, Spanien. Die Länder gehören in Sachen Armut in das untere Mittelfeld. Quelle: AP
Auch die Iren gehören noch ins Mittelfeld, wenn auch ins untere - und belegen im Ranking Platz 12. Etwas größer ist die Armutsgefahr für Estland (Platz 11). Quelle: dpa

Viel sagen die Werte dagegen über die Verteilung der Einkommen. Wenn die Lohnspreizung, also der Abstand zwischen hohen und niedrigen Löhnen groß ist, klaffen auch die Beträge eher stärker auseinander. Der skurrile Extremfall: Ohne Lohnspreizung – also bei einem Einheitslohn für alle – gäbe es nicht mal einen Niedriglohnsektor. Weil alle denselben Stundenlohn kassieren, hat auch niemand weniger als zwei Drittel des Medianlohnlohns. Der hohe Anteil der Geringverdiener zeigt, dass es für unterschiedliche persönliche Wertschöpfung (inzwischen) in Deutschland  auch wieder Beschäftigungsmöglichkeiten gibt.

Noch ein zugespitztes Beispiel: Verlören diese acht Millionen Arbeitnehmer in Deutschland ihre Niedriglohn-Jobs, würde der Medianlohn natürlich drastisch ansteigen. Denn dann wäre neu abzuzählen, bei welchem Lohn die untere und die obere Hälfte der Einkommensbezieher gleich groß ist; der niedrigste Lohn wären dann 9,54 Euro, der Median läge nicht mehr bei 14,31 Euro, sondern dürfte um die 18 Euro liegen. (Natürlich gäbe es dann auch wieder einen Niedriglohnsektor, weil man auch hier wieder die zwei Drittel des neuen Medians errechnen kann). Im Ergebnis wäre der Medianlohn deutlich höher, die Arbeitslosigkeit aber auch.

Deutschland



Das andere Extrem zeigt der Vergleich mit Bulgarien. Dort liegt der Wert, ab dem die Arbeitnehmer nicht mehr als Niedriglöhner gelten, nicht bei 9,54 Euro, sondern bei 1,08 Euro. Wer weniger als diese Summe pro Stunde kassiert, zählt im südosteuropäischen Krisenstaat als Geringverdiener. Bei diesen Beträgen ist relativ schnell klar, dass es davon nicht viele in Bulgarien geben kann (ganz abgesehen davon, dass auch die soziale Unterstützung in Deutschland deutlich kräftiger ist als in Bulgarien). Eine große Einkommensspreizung nach unten kann es hier nicht mehr geben, sonst würden die Menschen verhungern.

Der Geringverdiener in Deutschland steht finanziell deutlich besser da als der bulgarische Arbeiter, der den Medianlohn von 1,62 Euro bekommt. Das ist nicht neu und auch nicht überraschend. Aber es wirkt ganz anders als die plakative Feststellung, in Deutschland gäbe es mehr Niedriglöhner als in Bulgarien oder Zypern.

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