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Ludwig Erhard "Interventionistischer als viele denken"

Wie die deutschen Historiker Albrecht Ritschl und Volker Hentschel im Gespräch mit der WirtschaftsWoche die Rolle und Bedeutung Ludwig Erhards bewerten.

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Albrecht Ritschl ist seit 2007 Professor für Wirtschaftsgeschichte an der London School of Economics, zuvor lehrte er an der Humboldt-Universität Berlin. Der gebürtige Münchner ist Mitherausgeber eines neuen vierbändigen Werkes zur deutschen Wirtschaftsgeschichte zwischen 1917 und 1990.

„Ludwig Erhards Verdienste werden heute oft falsch eingeschätzt. Seine Leistungen liegen auch an anderen Stellen, als seine Jünger und Adepten glauben. Die große Leistung von Erhard besteht weniger darin, Reformen gestaltet zu haben – sondern darin, falsche Entscheidungen verhindert zu haben. Erhards Wirtschaftsministerium war ein Verhinderungsministerium, darin lag seine Stärke und sein Verdienst. Vor allem hat er dafür gesorgt, dass Deutschland nach dem Krieg nicht in eine staatliche Lenkungswirtschaft im Stil der frühen Dreißigerjahre zurückfiel. Das hätte auch anders ausgehen können, Erhard war in dieser Frage selbst in der CDU in einer Minderheitenposition. 

Seine politische Karriere war ein langer und nur halbwegs erfolgreicher Abnutzungskampf gegen restaurative Versuche, eine andere Wirtschaftsordnung zu schaffen, als ihm selbst vorschwebte. Das Wirtschaftsministerium hatte zunächst nur wenig direkte Kompetenzen, Erhard musste als Minister sozusagen ein Fußballspiel bergauf gegen das Sonnenlicht führen. Und er musste sich einer Mehrheit im Bundestag erwehren, die noch immer stark dem Interventionismus der Weltwirtschaftskrise und frühen Nazi-Jahre verhaftet war.

Drei Fakten zu Ludwig Erhard

Das zeigte sich vor allem bei der Gewerbefreiheit. Diese ist im Grundgesetz nicht klar verankert und erst im Laufe der Jahre durch Richterrecht und Urteile des Bundesverfassungsgerichts abgesichert worden. Es gab starke Kräfte in der deutschen Politik, die ein restriktives Gewerbezulassungsrecht wie in der Zeit des Nationalsozialismus wollten. Die Wiedereinführung der behördlichen Bedürfnisprüfung von Firmengründungen hat Erhard mit letzter Kraft verhindern können. Erst Anfang der 60er Jahre war der Konflikt um die Fundamente der Marktwirtschaft entschieden und die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik vorläufig abgesichert.

Wer glaubt, Erhard habe als Wirtschaftsminister die Ordnungspolitik der liberalen Freiburger Schule durchgesetzt, liegt trotzdem falsch. Erhard war im politischen Alltag interventionistischer als viele denken. Er verfolgte eine Politik des abgefederten Strukturwandels, bei der sich Walter Eucken heute bei hoher Drehzahl im Grabe umdrehen würde. Er hat zum Beispiel mit beträchtlichen Subventionen den Aufbau einer deutschen Mineralölindustrie gefördert und gleichzeitig den Abbau des Kohlebergbaus abgefedert. Auch das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz ist noch unter Erhards Kanzlerschaft vorbereitet worden, es ist nicht Karl Schillers Erfindung.

Es geht im Übrigen zu weit, Erhard als Vater der Deutschen Mark zu bezeichnen. Die großen Linien der Währungsreform wurden in den USA entwickelt.  Die Ideen der Amerikaner trafen sich allerdings mit Erhards Vorstellungen.

Erhards Verdienste lagen dann eher in der Umsetzung der Reform. Als Chef der Wirtschaftsverwaltung sorgte er mit eiserner Hand dafür,  dass alle nötigen Begleitgesetze rechtzeitig und in einwandfreier Form verabschiedet wurden. Insgesamt kann man sagen: Ludwig Erhard war vor 1949 mächtiger als danach.“

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