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Machtkampf in der Union „Söder ruht nicht, bis Laschet am Boden liegt“

Je offener der unterlegene Bayer Markus Söder (re.) gegen Armin Laschet stichelt, je mehr er vorprescht, um auch noch die kleinste Hoffnung auf Jamaika zu zerstören, desto lauter wird der Groll – vor allem in der CDU. Quelle: imago images

Der Feldzug des CSU-Chefs Markus Söder gegen den CDU-Vorsitzenden Armin Laschet zieht die Union immer weiter in die Krise. Laschet äußert seine Bereitschaft zum Rückzug, aber die Machtfrage wäre auch dann nicht geklärt.

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Es gibt einen Satz von Armin Laschet, der sich bei Markus Söder eingebrannt hat. Es sind nur sechs Worte, aber die schmerzen den CSU-Chef bis zum heutigen Tag. Er hat sie vor Vertrauten einmal mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Spott wiederholt und man merkt dem bayerischen Ministerpräsidenten bis heute bei jedem seiner Auftritte an, dass er immer noch wütend ist und große Mühe hat, seinen Groll gegen Laschet zu zähmen. Es war in jener Nacht im Reichstagsgebäude, als Söder und Laschet bei Wolfgang Schäuble auf der Präsidialebene saßen und auch nach tagelangem Ringen keiner bereit war, dem anderen die Kanzlerkandidatur zu überlassen. „Mit dir verlieren wir die Wahl“, hat Laschet damals zu Söder gesagt und sich am Ende mit diesem Argument, das eine bloße Behauptung war, beim CDU-Establishment durchgesetzt.

„Mit dir verlieren wir die Wahl!“ – wenn man den Satz heute in Kenntnis der Lage langsam wiederholt, wird die Enttäuschung über die Niederlage und die verpasste Chance greifbar, ja man kann hautnah fühlen, dass Söder sich von Laschet um die Erfüllung seines politischen Lebenstraums betrogen fühlt. Denn mit ihm, daran lässt der CSU-Chef keinen Zweifel, hätte die Union ganz klar vor der SPD gelegen und damit wäre der Weg ins Kanzleramt frei gewesen. Söder sagt das nicht selbst, er lässt seinen Generalsekretär Markus Blume offen aussprechen, was er im Stillen denkt. „Natürlich stünden wir mit Markus Söder besser da“, teilte Blume der Öffentlichkeit mit, denn Söder sei ja auch der Kandidat der Herzen, der Basis, der Mehrheit – kurzum der Kandidat des zweifelsfreien Sieges gewesen.

Söder kann seine Niederlage nicht verwinden

Eigentlich könnte das nun egal sein, denn die Wahl ist gelaufen, die Ampel blinkt und die Chance ist verpasst. „Hätte, hätte, Fahrradkette“, kalauerte Peer Steinbrück damals im Angesicht seiner Niederlage gegen Angela Merkel. Nicht so Markus Söder. „Er kann es einfach nicht überwinden“, sagt einer von den alten CSU-Recken und erinnert daran, wie Söder im jahrelangen Dauermobbing schon Horst Seehofer aus dem Amt in München gedrängt hatte. Seehofer beklagte sich damals öffentlich über „Schmutzeleien“ und sprach Söder die charakterliche Eignung und Reife für das Amt des Ministerpräsidenten ab.

Seehofer ist nicht der einzige CSUler, der den Franken bis heute äußerst kritisch sieht. „Stellen Sie sich vor, der wäre wirklich Kanzler geworden“, sagt eine Frau aus der CSU-Führungsriege und schüttelt den Kopf. Die ständigen Querschüsse, die Andeutungen, die Gesten, die sich im Wahlkampf alle gegen Laschet richten, sind nicht vergessen, auch nicht bei denen, die anfangs für Söder waren und Laschet eher skeptisch sahen. Doch je offener der unterlegene Bayer gegen Laschet stichelt, je mehr er vorprescht, um auch noch die kleinste Hoffnung auf Jamaika zu zerstören, desto lauter wird der Groll – vor allem in der CDU.

Söder habe in seinem Leben noch nie wirklich verloren, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter, der ihn aus nächster Nähe kennt. Wer sich ihm nicht füge, sich ihm sogar offen entgegenstelle, werde kaltgestellt. „Söder wird nicht ruhen, bis Laschet am Boden liegt“, sagt der ehemalige Vertraute, er lasse erst von ihm ab, bis der CDU-Vorsitzende und Kanzlerkandidat zum einfachen Bundestagsabgeordneten ohne Amt und Würden geschrumpft sei.

Einzige Option Opposition?

Dass Söder bei seinem Rachefeldzug gegen Laschet die gesamte CDU mitreißt und die 196 Unionsabgeordneten des neuen Bundestages quasi von München aus in die Opposition schickt, sorgt für wachsende Verärgerung in der CDU. Vergeblich drängen sie Söder, die Türen nicht zuzuschlagen. „Ich kann mit Blick auf Berlin nur davor warnen, die Chance auf Jamaika fahren zu lassen“, sagt Christian Baldauf, CDU-Fraktionsvorsitzende in Mainzer Landtag und Mitglied im CDU-Bundesvorstand, Es müsse zwar „eine Fehleranalyse geben, aber alles zu seiner Zeit“. Dass die Union nach dem Verlust der Regierungsmacht durchatmen und rasch wieder zurückkommen könne, glaubt Baldauf mit Blick auf die lange Durststrecke seiner Landes-CDU nicht. „Es läuft nicht automatisch besser, wenn man vier Jahre oder länger in die Opposition geht“.

Zumal nach dem Machtverlust neue Führungskämpfe in der CDU unvermeidlich sind. Laschets alte Rivalen sind immer noch in Stellung; sowohl Norbert Röttgen als auch Friedrich Merz würden sich nach einem Rückzug von Laschet sicherlich in die Nachfolgedebatte einschalten, ebenso wie Jens Spahn. Und auch Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus wird nach Einschätzung vieler versucht sein, Fraktions- und Parteivorsitz in einer Hand zu bündeln.



Laschet bereit zum geordneten Rückzug

Dass Söder Laschet zum vorzeitigen Rücktritt drängen und dann selbst noch einmal Anlauf auf eine Jamaika-Koalition und das Kanzleramt nehmen könnte, falls die Ampel-Gespräche scheitern, gilt in Berlin zwar als eine mögliche Variante, wird aber von der CSU brüsk zurückgewiesen. Es würde niemandem helfen, „die Ereignisse und Einlassungen der letzten Stunden umzuinterpretieren“, sagte CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt am Mittwoch, als SPD, Grüne und FDP die Aufnahme von Sondierungen ankündigten. Die Union verharre nicht in Wartestellung, fügte Dobrindt hinzu: „Die Reise geht Richtung Ampel.“

In der CDU ist die Begeisterung für Söder merklich abgekühlt. Zum einen hat die Partei unter seiner Führung bei der Bundestagswahl das schlechteste Ergebnis aller Zeiten eingefahren, zum anderen macht sich inzwischen so etwas wie Mitleid mit Laschet breit. Der habe zwar Fehler gemacht, aber die Union sei schon vorher in eine katastrophale Lage geraten, sagt ein Vorstandsmitglied. Außerdem trage Söder durch sein Verhalten „so etwas wie eine Mitschuld“.

Laschet selbst erklärte am Donnerstagabend zunächst in einer Sondersitzung der Unionsfraktion und dann in einer Pressekonferenz, den Weg für eine personelle Neuaufstellung frei machen zu wollen. Wenn es mit einer anderen Person an der Spitze besser gehe, wolle er einem möglichen neuen Anlauf für ein Jamaika-Bündnis nicht im Weg stehen.

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Seine Hoffnung, es dürfe keine „erneute Personalschlacht geben“ wird sich aber kaum erfüllen, denn bei der Suche nach einem neuen Vorsitzenden dürfte die CDU nicht so schnell handlungsfähig sein. Der Mittelstand-Vorsitzende Carsten Linnemann sprach sich dafür aus, die Mitglieder über einen neuen Vorsitzenden entscheiden zu lassen. Das kann dauern. Die Regierungsbildung in Richtung Ampel wäre dann kaum noch zu stoppen sein – auch nicht von Markus Söder.

Mehr zum Thema: Seit dem Wahlabend vergeht kein Tag ohne Attacken auf CDU-Chef Armin Laschet – der sie allesamt stoisch erträgt. Wie man solche Nehmerqualitäten entwickelt und was das über seine Restchancen im Koalitionspoker verrät, erklärt der Politpsychologe Roman Trötschel.

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