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Mächtiger Gewerkschaftsboss Das Netzwerk von Michael Vassiliadis

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Tausende Jobs stehen auf der Kippe

Das Netzwerk des IG-BCE-Chefs. Für die Gesamtansicht auf das Bild klicken Quelle: Robert Poorten für WirtschaftsWoche

Weltrettung? Die hat er in der Tat nicht im Sinn. Vassiliadis verfolgt knallharte organisationspolitische Interessen. Wenn die Energiekosten weiter steigen, gibt es weniger zu verteilen. Die Klientel der IG BCE arbeitet fast ausnahmslos in energieintensiven Branchen, etwa in der Chemie, der Aluminium- und Papierherstellung oder der Zementproduktion. „Wir haben ein ureigenes Interesse daran, dass die Energiewende nicht vor die Wand fährt“, sagt Vassiliadis. In den Stromkonzernen, wo Tausende Jobs auf der Kippe stehen, sind 40 bis 70 Prozent der Leute gewerkschaftlich organisiert, in der Kohle weit über 90 Prozent. Der boomende Markt der erneuerbaren Energie hingegen mit seinen Dienstleistern, Zulieferern und dezentralen Stromproduzenten ist vielerorts fast gewerkschaftsfrei. Das ist hässlich für eine Gewerkschaft, die in den vergangenen zehn Jahren 17 Prozent ihrer Mitglieder verloren hat.

Die Industrie registriert den Kurs der IG BCE mit Wohlwollen – zumal Vassiliadis in mehreren Konzernen selbst mitmischt. Er sitzt im Aufsichtsrat von Steag, BASF, dem Essener Spezialchemiekonzern Evonik sowie dem Kasseler Düngemittelkonzern K+S. Bei BASF drängte Vassiliadis 2010 darauf, dass die Ludwigshafener den deutschen Chemiekonzern Cognis übernehmen – auch um Arbeitsplätze zu sichern. Ein anderes Mal kämpfte er erfolgreich dafür, dass die BASF ihre europaweiten Personal- und Finanzdienstleistungen in Berlin bündelt statt im billigeren Bratislava.

Entscheidenden Einfluss

Mit Evonik-Chef Klaus Engel hat Vassiliadis gemeinsam das Buch „Werte, Wissen, Wachstum“ über den Wirtschaftsaufschwung Deutschlands herausgegeben. Die beiden haben aber auch sonst miteinander zu tun: Vassiliadis ist Vize-Chef im Kuratorium der RAG-Stiftung, die ab 2019 für die Milliardenschäden aus dem Bergbau aufkommen soll und über zwei Drittel an Evonik kontrolliert. Vassiliadis hatte 2012 entscheidenden Einfluss bei der Inthronisierung von Werner Müller als Stiftungsvorsitzenden – ein politischer Schlüsselposten im Ruhrgebiet. Die konservativen Kräfte im Kuratorium, etwa Bundesfinanzminister Schäuble, sollen gegen den ehemaligen Wirtschaftsminister im Kabinett von SPD-Kanzler Gerhard Schröder massive Vorbehalte gehabt haben.

Vassiliadis und Müller bilden seither ein gutes Team. Vor wenigen Wochen schlug der Gewerkschafter vor, alle deutschen Steinkohlekraftwerke in einer gemeinsamen Gesellschaft zu bündeln. Schließlich hätten die Betreiber der Kraftwerke in Zeiten der Energiewende wirtschaftlich das Nachsehen. „Das ist eine sehr vernünftige Idee“, lässt sich Müller nun vernehmen.

Manchmal hat es den Eindruck, Vassiliadis sonne sich geradezu in der Sympathie des Kapitals. Wer ihm Übles will, attackiert ihn als Marionette der Konzerne, so wie es 2013 Aktivisten von Greenpeace in einem „Schwarzbuch Kohlepolitik“ taten. Das hat ihn ordentlich geärgert.

Der unausgesprochene Deal

Fakt ist, dass er den konsensorientierten Kurs seiner Vorgänger Hermann Rappe und Hubertus Schmoldt nahtlos fortsetzt. Dies gilt nicht nur bei Energiefragen, sondern auch im gewerkschaftlichen Kerngeschäft, der Tarifpolitik. Aus dem Stegreif kann Vassiliadis Elogen auf die Sozialpartnerschaft halten; den vorerst letzten Streik in der Chemieindustrie gab es 1971. Der unausgesprochene Deal mit den Arbeitgebern: Die IG BCE macht keinen Radau, dafür zicken die Arbeitgeber nicht beim Lohn rum und bilden vernünftig aus. Bei den kampferprobten Kollegen von Verdi und IG Metall sorgt der Kuschelkurs zwar bisweilen für Spott. In den vergangenen Jahren lagen die Tarifabschlüsse in der Chemieindustrie allerdings über vielen anderen Branchen. Den jüngsten Abschluss (3,7 Prozent) hat im Tarifjahr 2014 noch keine andere Gewerkschaft übertroffen. „Michael Vassiliadis steht für den Willen zum Konsens und ist offen für innovative Konzepte. Es macht Freude, sich mit ihm zu streiten, und es ist möglich, sich mit ihm zu einigen“, lobt Margret Suckale, Präsidentin des Bundesarbeitgeberverbands Chemie.

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