Mammutaufgabe Lindner muss die FDP vor der Spaltung bewahren

Beim Parteitag im Dezember wird sich die Zukunft der FDP entscheiden. Christian Lindner will den Rechtsschwenk vermeiden - doch mehr als gute Laune fällt ihm bisher nicht ein.

Was machen jetzt die FDP-Spitzen?
FDP-Generalsekretär Patrick Döring hat seinen Rückzug aus der Bundespolitik angekündigt und sein Amt zur Verfügung gestellt. Er bezeichnete das Wahldebakel der Liberalen als tiefe Zäsur. Er habe dem wahrscheinlichen neuen Parteivorsitzenden Christian Lindner seinen Rücktritt angeboten, und der habe zu erkennen gegeben, dass er einen neuen Generalsekretär berufen wolle, sagte Döring. So lange wolle er im Amt bleiben. Der 40-jährige Niedersachse galt in der FDP-Führung als engster Vertrauter von Philipp Rösler. In einer E-Mail an Parteifreunde erklärte Döring, dass er zu seiner Arbeit in einer hannoverschen Versicherung zurückkehren werde. „Dass ich selbst jetzt die Möglichkeit habe, nach Rücksprache mit meinen Mitaktionären und Aufsichtsräten wieder voll in die Verantwortung für ein mittelständisches Versicherungsunternehmen mit mehr als 350 Beschäftigten treten zu können, ist eine Perspektive, die ich vielen Kolleginnen und Kollegen wünschen würde und macht vieles leichter“, zitiert die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ aus dem Schreiben. Quelle: dpa
Bundesaußenminister Guido Westerwelle hatte stets ein zweites Standbein neben der Politik. Seit 1991 ist der 52-Jährige als Rechtsanwalt zugelassen. Quelle: dpa
Als Konsequenz aus dem historischen Debakel seiner Partei trat FDP-Chef Philipp Rösler einen Tag nach der Wahl zurück. Jetzt könnte der 40-Jährige von seiner medizinischen Ausbildung profitieren. Seinen Facharzt in Augenheilkunde schloss er zwar zugunsten seiner Karriere in der Partei nicht ab, dennoch promovierte er bei der Bundeswehr zum Dr. med.. Quelle: dpa
Ebenfalls gute Chancen auf einen Neuanfang außerhalb des Bundestages hat der amtierende Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr. Der studierte Ökonom gilt nicht nur in der Gesundheitsbranche als gut vernetzt. Zu einem direkten Wechsel in die Wirtschaft dürfte es aber nicht kommen: Bahr hatte stets Gerhard Schröder für dessen Job bei Gazprom kritisiert, den dieser bereits kurz nach der verlorenen Bundestagswahl 2005 angetreten hatte. Quelle: dpa
Ähnliches gilt für Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Auch sie ist noch als Rechtsanwältin zugelassen. Der bundesweit bekannte Name und die während der Politik-Karriere geknüpften Kontakte können im Leben als Rechtsanwalt natürlich behilflich sein. Quelle: AP
Auf Rainer Brüderle kommt in Berlin noch einiges an Arbeit zu. In seiner Position als Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion muss er den Auszug der Abgeordneten und deren Mitarbeiter organisieren. Sobald der Auszug in einigen Wochen abgewickelt ist, dürfte sich der 68-Jährige in den Ruhestand verabschieden. Quelle: dpa
Ihre Sachen in Berlin packen muss auch die baden-württembergische FDP-Landesvorsitzende Birgit Homburger. Die studierte Diplom-Verwaltungswissenschaftlerin arbeitete in den 1990er Jahren in der Personalabteilung eines mittelständischen Unternehmens, bevor sie Karriere in der FDP machte. Ob Homburger in diesen Beruf zurückkehrt, ist noch nicht klar. Quelle: dpa

Der Neustart der FDP beginnt mit den fröhlichen Erinnerungen an alte Zeiten. Eine junge Frau wird auf die Bühne des Düsseldorfer Apollo-Theaters gebeten, seit einem Monat erst ist sie Parteimitglied, jetzt soll sie berichten, wie es dazu gekommen ist. Doch sie geht zurück in die Neunzigerjahre: ¨Damals im Eiscafé Cristallo, in Wermelskirchen, da hat mich der Guido Westerwelle mitgerissen.¨ Es folgt eine kurze Anekdote, in deren Mittelpunkt ihr Schulkamerad Christian steht, der sie als Jugendlicher für die Partei geworben hatte, erst als Wählerin, jetzt auch als aktives Mitglied. Christian steht neben ihr, er ist inzwischen der designierte Parteivorsitzende und will mit Events wie diesem die neue Mitglieder für die Partei begeistern.

Doch ob bewusst oder unbewusst, so schwingt viel Wehmut mit, wenn die FDP in diesen Tagen ihre angekündigte Wiederauferstehung zu zelebrieren sucht. Denn erste Indizien für einen begründeten Optimismus sind ja da. Seit den Bundestagswahlen erlebt die FDP neben der naheliegenden Häme auch viel unerwarteten Zuspruch, allein in den vergangenen sechs Wochen sind gut 1000 Menschen neu in die Partei eingetreten. Aufgabe und Chance des Kandidaten Lindner ist es nun, diese Stimmung zu kanalisieren. Denn am 8. Und 9. Dezember steht der Bundesparteitag an, dort will Lindner gewählt werden. Und nicht nur das: Es wird auch der Termin, an dem sich entscheidet, in welche Richtung die Partei sich entwickelt - oder ob sie zerbricht.

Christian Lindner steht dabei für viel Kontinuität, auch wenn er bei seinem Auftritt in Düsseldorf alles tut, um diesen Anschein zu vermeiden. Die Parolen des Wahlkampfes hat er aus seinem rhetorischen Repertoire weitestgehend verbannt, stattdessen spricht er jetzt lieber über Grundsätzliches. Er definiert seine Partei als die einzige, die lieber auf den einzelnen Menschen vertraue als auf den Staat. Er warnt vor dem flächendeckenden Mindestlohn, vor der bevormundenden Schulpolitik der NRW-Landesregierung. Es sind bekannte Begriffe, auch wenn sie bei Lindner immer ein wenig eleganter klingen als bei den meisten anderen. Den Verlust der parlamentarischen Vertretung im Bundestag deutet Lindner um, als Chance. ¨Wir sind jetzt wieder eine liberale Bürgerinitiative.¨

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