Manager-Schreck Greenpeace „Friedliche Blockaden sind ein legitimes Mittel“

Greenpeace-Geschäftsführer Martin Kaiser (li) und Aktivisten der Umweltorganisation im Braunkohletagebau Garzweiler. Quelle: imago images

Greenpeace-Chef Martin Kaiser setzt Unternehmen mit spektakulären Aktionen unter Druck. Konfrontation bleibt Teil der Auseinandersetzung, sagt er im Interview.

  • Teilen per:
  • Teilen per:

Greenpeace ist ein Angstgegner für jeden Manager: Gerät sein Unternehmen ins Visier der Umweltaktivisten, muss er mit Reputationsschäden und Ertragseinbußen rechnen. (Lesen Sie dazu die große Analyse der WirtschaftsWoche.) Martin Kaiser, der Deutschland-Chef von Greenpeace, spricht im Interview über die Macht seiner Organisation, vergangene Erfolge und zukünftige Entwicklungen.

WirtschaftsWoche: Herr Kaiser, ist Greenpeace mächtig?
Martin Kaiser: Wir verfügen schon über einen gewissen Einfluss, aber bei weitem nicht über so viel, um die zahlreichen globalen Übel und Krisen vernünftig adressieren zu können. Dafür braucht es nun mal die Politik und viele andere. Ich frage mich, warum die Politik auf die wissenschaftlich belegten Defizite beim Klima- und Artenschutz so zögerlich reagiert und so wenig versucht, mit einer passenden Kommunikation die Menschen zu erreichen. Das war schon vor der Coronakrise ein Problem. Mehr Einfluss wäre gut, aber es muss vor allem an anderen Stellen funktionieren.

Greenpeace hat drei Millionen Mitglieder weltweit, 630.000 Unterstützer allein in Deutschland und erhielt zuletzt mehr als 80 Millionen Euro Spenden jährlich.  Wie viel Macht und Mittel brauchen Sie noch?
In der Wahrnehmung der Politik sind wir nur eine von vielen Stimmen. Auch wenn wir von 630.000 Menschenbei unserer Arbeit unterstützt werden, sagt deshalb noch keine Partei: Huch, die haben aber mehr Fördermitglieder als wir Parteimitglieder. Ich denke, dass die Politik noch von ganz anderen Zusammenhängen und Gruppen dominiert wird als jetzt nur von der Stimme der Umwelt.

Ist das eine Kritik daran, dass Wirtschaftsvertreter weiter Einfluss auf die Politik nehmen oder auch in die Politik wechseln?
Nein. Aber Tatsache ist, dass nicht immer alle Stimmen gehört werden. Ein Beispiel: Die Autogipfel haben in der Ära Merkel eine enorme Bedeutung bekommen. Da gab es die berechtigte Kritik, warum bei so einem Gipfel nur die Automobilindustrie und die Kanzlerin zusammenkommen und nicht auch die Zuliefererbetriebe und die Menschen, die weltweit von deren Unternehmenspolitik beeinflusst werden. VW ist mit seinen Produkten für mehr als ein Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich – deshalb finde ich es durchaus berechtigt, dass auch die Fürsprecherinnen und Fürsprecherin dieser Menschen mit am Tisch sitzen.

So gibt Greenpeace in Deutschland das Geld aus

Akzeptieren Sie die Kritik daran, dass Jennifer Morgan von Greenpeace direkt als Staatssekretärin in die Bundesregierung wechselt? Würden Sie so einen Fall bei einem Wirtschaftsvertreter nicht auch kritisieren?
Das ist eine persönliche Entscheidung von Frau Morgan, die muss ich akzeptieren. Von ihrer Expertise kann man sich keine bessere Frau für dieses Amt wünschen. Sie ist weltweit nicht nur bei NGOs, sondern auch bei Regierenden und in der Wirtschaft sehr stark akzeptiert. Transparency International hat es gut auf den Punkt gebracht: Bei so einer Gezeitenwende wie jetzt – die Ära Merkel geht zu Ende, die Ampel-Koalition fängt neu an – da muss auch neue Expertise in eine Regierung kommen. Und die Klimakrise drängt so sehr, dass ungewöhnliche Maßnahmen wie diese um so nötiger sind.

Was ist mit Wechseln von Wirtschaftsleuten in die Politik?
Wir sehen eher den Wechsel zurück in die Wirtschaft kritisch, da muss es Karenzzeiten geben, um nicht die Vorteile des Netzwerks aus der Politik mitzunehmen.

Aber Karenzzeiten für einen Wechsel aus Nichtregierungsorganisationen in die Politik braucht es nicht?
Das ist praktisch schwierig umzusetzen. Ich selbst wurde auch erst kurz vorher informiert über den bevorstehenden Wechsel von Jennifer Morgan. Das Kabinett hat unmittelbar danach entschieden. Dass jemand von allen Ämtern zurücktritt und nicht sagt, was danach kommt, ist wahrscheinlich unrealistisch. Hinzu kommt: Wenn sich jemand für den Klimaschutz einsetzt, den 195 Staaten in Paris beschlossen haben und den Deutschland ratifiziert hat, dann kann nicht erkennen, wofür eine Karenzzeit nötig sein sollte.

von Max Biederbeck, Jacqueline Goebel, Daniel Goffart, Christian Ramthun, Dieter Schnaas, Cornelius Welp, Silke Wettach

Was heißt das für die Organisation Greenpeace, wenn so plötzlich die Führungsperson geht?
Das war schon eine große Überraschung auch für die globale Organisation, dass wirklich von jetzt auf gleich die internationale Geschäftsführerin weg ist. Und ja – das hat natürlich eingeschlagen.

Ist das auch eine neue Ära für Greenpeace – so wie nun die Politik die Ära nach Merkel einschlägt?
Jennifer Morgan war sechs Jahre im Amt, nicht so lange wie die Kanzlerin. Aber als internationale Geschäftsführerin war sie eine wichtige Person. Deshalb geht jetzt natürlich die Suche nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger los. Aber wir haben 28 Länderbüros, und die Ausrichtung und die Werte von Greenpeace werden von der ganzen internationalen Organisation getragen und fortgesetzt.

Wie steht Greenpeace wirtschaftlich da? Die Zahl der Mitglieder und Spenden steigt ja unaufhörlich?
Der nächste Wirtschaftsbericht kommt erst im Mai. Aber die Zahlen werden ähnlich sein wie 2020. Wir waren sehr dankbar, dass auch in der Coronazeit die Unterstützung zugenommen hat. Wir werden ausschließlich von Privatspenden gefördert, darin enthalten sind auch Erbschaften. Aber im Unterschied zu anderen nehmen wir von der Wirtschaft und vom Staat keine Gelder an. Die große Unterstützung von so vielen Menschen macht uns nicht nur dankbar und demütig; wir sehen darin auch den klaren Auftrag, weiterhin eine deutliche Stimme im umweltpolitischen und klimapolitischen Diskurs zu sein.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%