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Marcel Fratzscher und Sahra Wagenknecht "Der Kampf tobt doch längst"

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"Eine Marktwirtschaft funktioniert nur, wenn Menschen Risiken eingehen"

Wenn man Ihnen zuhört, denkt man: Die Fünfzigerjahre müssen eine sehr schöne Zeit gewesen sein.

Wagenknecht: Mein Modell bedeutet kein Zurück in die Fünfziger. Ich plädiere für mehr Wettbewerb, mehr Markt, mehr Chancengerechtigkeit. Es wird heute viel vom Markt geredet, in Wahrheit wächst die Wirtschaftsmacht weniger Großunternehmen, die gerade in Brüssel extreme Lobbymacht haben. Wenn Demokratie wieder leben soll, brauchen wir eine Stärkung staatlicher Souveränität.

Fratzscher: Das sehe ich entschieden anders. Die große Stärke der deutschen Wirtschaft ist doch gerade die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Es sind Exportunternehmen und mittelständische Industriebetriebe, die die guten Jobs schaffen, die Geld investieren, die hohe Einkommen zahlen. Wir sollten sie nicht schwächen, indem wir sie beschneiden.

Wagenknecht: Das ist kein Widerspruch. Ich möchte wirtschaftlich starke europäische Länder, die international gefragte Produkte produzieren. Ich finde nur, dass wir nicht immer mehr Kompetenzen auf die europäische Ebene übertragen sollten. Die Brüsseler Institutionen sind weit weg von den Bürgern.

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    Jetzt klingen Sie wie die AfD.

    Wagenknecht: Die AfD spielt die nationale Karte, mir geht es um Demokratie. Für mich ist die Frage: Wie kann Demokratie funktionieren? Und in Europa funktioniert sie nicht.

    Fratzscher: Wir müssen aufpassen, dass wir keine Neiddebatte entfachen, wenn wir mit dem Finger immer auf „Die Großen“ zeigen und von einer Verschwörung des Kapitals, der Reichen sprechen. Mich stört nicht, dass die reichsten zehn Prozent der Deutschen viel Vermögen haben, sondern, dass die unteren 40 Prozent fast keines haben.

    Wagenknecht: Die massive Konzentration von Wirtschaftsmacht schwächt uns letztlich, denn sie minimiert die Fähigkeit, eine innovative Wirtschaft zu entwickeln. Bei großen Kapitalgesellschaften haben Sie doch das Problem, dass die Shareholder vor allem auf hohe Ausschüttungen drängen. Bei Siemens sagen Ingenieure, Innovationen, die nicht 16 Prozent Rendite versprechen, werden nicht verfolgt. Und wer den Markt beherrscht, kann Kunden und Zulieferern die Konditionen diktieren.

    Ist der Unterschied zwischen Ihnen nicht einfacher: Herr Fratzscher findet es okay, wenn ein Vorstandschef 15 Millionen Euro verdient, Frau Wagenknecht nicht.

    Wagenknecht: Früher hatte ein Vorstandschef das 20-Fache eines Arbeiters, nicht das 200-Fache. Und unser Wirtschaftswachstum war eher höher. Aber das Grundproblem ist nicht das Vorstandseinkommen, sondern leistungslose Einkommen aus bloßem Vermögensbesitz. Ein Vorstandschef hat zweifellos viel Verantwortung, die auch ein hohes Einkommen rechtfertigt. Aber wer Aktienpakete in Milliardenhöhe erbt, was leistet der für seine Millioneneinkommen? Oder ein Vorstandschef, der die Aktienoptionen hält, die gerade dadurch an Wert gewinnen, dass Jobs vernichtet oder durch Leiharbeit ersetzt werden.

    Die Top-Verdiener der Dax-Konzerne
    Volkswagen-Chef Martin Winterkorn Quelle: dpa
    Dieter Zetsche Quelle: dpa
    Karl-Ludwig Kley Quelle: AP
    Kasper Rorsted Quelle: dpa
    Joe Kaeser Quelle: REUTERS
    Frank Appel Quelle: dpa
    Auch RWE-Chef Peter Terium ist im Gehälter-Ranking der Dax-Vorstandschefs nach vorne gerückt. Er bekam im vergangenen Jahr nur etwas mehr Gehalt ausgezahlt als 2013. In der Summe waren es 5,7 Millionen Euro. Quelle: AP

    Fratzsche: Sicherlich gibt es Missbrauch. Aber eine Marktwirtschaft funktioniert nur, wenn Menschen auch Risiken eingehen. Wir wollen, dass Menschen Ideen verfolgen, von denen man nicht weiß, was aus ihnen wird. Und wenn sie dann Erfolg haben, muss sich das lohnen. Die großen Unternehmen sind ja häufig die innovativsten.

    Wagenknecht: Innovativ sind doch eher die mittleren, die Hidden Champions. Je größer das Unternehmen, desto größer oft die staatliche Unterstützung – von Forschungsgeldern bis Krisenhilfe. Da, wo besonders viel Wirtschaftsmacht ist, werden Risiken oft genug vom Staat übernommen.

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