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Marktwirtschaft Chile ist ein Musterland

Chile hat sich zum marktwirtschaftlichen Musterland in Lateinamerika entwickelt. Einige Probleme muss es noch lösen.

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Ist das eine Metropole in Lateinamerika? Auf der Fahrt vom neuen Flughafen über die frisch asphaltierte Autobahn in die City passiert der Besucher weder Slums noch Müllhalden wie in São Paulo oder La Paz. Die Lastwagen rußen nicht, die Autos rasen nicht – obwohl sie es könnten: Viele Wagen der gehobenen Mittelklasse und Luxusjeeps fahren auf den Straßen. In der City das gleiche Bild: keine bettelnden Kinder, keine laute Musik, keine Straßenhändler. Die Menschen stehen diszipliniert vor einer roten Ampel. Die betagte Metro sieht aus, als würde sie jede Nacht poliert. Kein Kaugummi klebt auf dem Boden. Spelunken, schummrige Ecken – gibt es nicht. Und würde es auf dem Fischmarkt nicht nach Meerestieren riechen, könnte man sich wie in einer Bibliothek fühlen, so leise unterhalten sich die Händler.

Wer Chiles Hauptstadt Santiago besucht, hat den Eindruck, Lateinamerika mit seinem Schlendrian, den krassen Gegensätzen von Reichtum und Armut verlassen zu haben. Die glitzernden Hochhaussilhouette der Businessviertel und die gepflegten Villensiedlungen sehen aus wie die in Australien, den USA oder Südfrankreich. Von allen Ländern Lateinamerikas hat sich Chile am besten entwickelt. Während Lateinamerikas Wirtschaft in diesem Jahr um vier Prozent wächst, legt Chile knapp sechs Prozent zu. Während die Inflation in Lateinamerika fast sechs Prozent beträgt, liegt sie in Chile nur bei gut drei Prozent. Während die lateinamerikanischen Regierungen dieses Jahr im Schnitt Schulden in Höhe von 1,5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts aufnehmen, erwirtschaftet Chile einen staatlichen Budgetüberschuss in Höhe von vier Prozent. So geht das nun schon seit fast zwei Jahrzehnten. Das liegt auch an den Unternehmern des Landes. Eine Erfolgsgeschichte ist die Privatisierung der staatlichen Fluglinie Lan Chile vor elf Jahren. Ihre Lage schien aussichtslos: ein Standort am Ende der Welt auf einem krisenanfälligen Kontinent; ein kleiner Binnenmarkt; schrottreife Flugzeuge und starke Konkurrenz. Heute fliegt Lan Airlines solide Gewinne ein. Während Konkurrenten inzwischen pleite sind oder vor dem Konkurs stehen, ist Lan zum regionalen Marktführer avanciert und ordert gerade 59 neue Maschinen bei Airbus. So könnte es weitergehen: Der Unternehmer und Milliardär Sebastián Piñera, dessen Familie unter anderem 40 Prozent von Lan gehören, hat gute Chancen, als Kandidat einer Mitte-rechts-Koalition der nächste Präsident Chiles zu werden. Bis vor Kurzem sah es so aus, als würde Michelle Bachelet, die Kandidatin der seit 1990 regierenden Mitte-Links-Koalition, die Wahl am kommenden Sonntag gewinnen. Doch inzwischen wird ein zweiter Wahlgang im Januar wahrscheinlich. Auf Börse und Finanzmärkte würde sich der politische Wechsel, im Gegensatz zu früher und zu den übrigen Ländern Südamerikas, kaum auswirken. Die Kandidaten unterscheiden sich weder in der Wirtschafts- noch in der Außenpolitik. „Alle wollen einen soliden Haushalt, Marktwirtschaft und die Integration in den Welthandel“, sagt Pablo Correa, politischer Analyst von Santander in Santiago. Alle wollen am „Modell Chile“ festhalten – wegen seines beispiellosen Erfolges. Nirgendwo sonst in Lateinamerika, wo in den nächsten zwölf Monaten zwölf Präsidentschaftswahlen anstehen, ist der Wahlkampf so wohltuend langweilig wie in Chile.

In der Tat hat sich Chile unabhängig von der jeweilig in Santiago regierenden Parteiencouleur zum marktwirtschaftlichen Musterland Südamerikas entwickelt. Gemessen am Grad der wirtschaftlichen Freiheit steht Chile im Ranking der Heritage Foundation, einem konservativen US-Institut, weltweit auf Platz 11 (Deutschland folgt auf Rang 18). Während viele Nachbarstaaten zu den korruptesten Nationen der Welt zählen, liegt Chile auf den Listen von Transparency International mit Japan auf Platz 21. Nach dem Wettbewerbsranking des World Economic Forum (WEF) liegt Chile weltweit auf Platz 22. Mexiko, das nächste Land Lateinamerikas, liegt 32 Ränge dahinter. „Chile spielt heute in einer Liga mit Neuseeland, Israel und Spanien“, sagt Augusto Lopez-Claros vom WEF. Unsere Politiker könnten von der Haushaltspolitik des Andenstaates lernen: In Chile sind die Staatsausgaben per Gesetz an die Einnahmen gekoppelt, ein Überschuss von ein Prozent im Staatsbudget ist jährliches Ziel. Nicht die Parteien, ein Konjunkturrat legt die jährlichen Ausgaben anhand der langfristig erwarteten Einnahmen fest. WEF-Experte Lopez-Claros: „Dadurch wird die Aufstellung des Budgets von den Wahlterminen entkoppelt.“ So hat die Regierung des Sozialisten Ricardo Lagos trotz der Rekordeinnahmen durch den Rohstoffboom nicht den Geldhahn für öffentliche Projekte aufgedreht, um ihre Kandidatin zu begünstigen – völlig üblich für Lateinamerika. Weil das Land seine Verschuldung von über 100 Prozent des Bruttoinlandsproduktes Mitte der Achtzigerjahre auf inzwischen elf Prozent gesenkt hat, bewerten Standard & Poor’s und Moody’s seine Anleihen – neben Mexiko – mit dem niedrigsten Risikograd des Doppelkontinents. Anstatt auf den Staat setzen die Chilenen auf Eigenvorsorge: Die staatliche Rentenversicherung nach dem Umlageverfahren haben sie schon in den Achtzigerjahren durch private Pensionsfonds nach dem Kapitaldeckungsverfahren ersetzt. Die Zentralbank ist schon lange autonom. Und seit 2002 hat Chile – weltweit ein Unikum – eine private Arbeitslosenversicherung. Wenige Länder weltweit sind in den vergangenen Jahren einen so konsequent marktwirtschaftlichen Kurs gefahren – auch im Außenhandel. Die Folge: In nur drei Jahren konnte Chile seine Exporte, angeheizt vom Rohstoffboom, fast verdoppeln. Nach Freihandelsabkommen mit den USA und Europa hat Santiago im November auch ein Abkommen mit China geschlossen, ähnliche Verträge mit Japan, Thailand, Malaysia und Indien sollen bald folgen.

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