Martin Patzelt "Wenn das Elend heranrückt, müssen wir teilen"

Martin Patzelt sitzt für die CDU im Bundestag. Vor zwei Monaten nahm er zwei Flüchtlinge in seinem Haus in Brandenburg auf – und trotzt Morddrohungen. Ein Gespräch über Politik als praktizierte Nächstenliebe.

Der Bundestagsabgeordnete Martin Patzelt und die beiden Flüchtlinge aus Eritrea Haben (links) und Awet. Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Patzelt, Sie haben Awet und Haben, zwei junge Asylbewerber aus Eritrea, bei sich aufgenommen. Wie kam es dazu?

Martin Patzelt: Wir waren immer schon eine Familie, die ein offenes Haus gepflegt hat. Wir haben stets Gäste willkommen geheißen, seien es Freunde oder auch ausländische Studenten der nahegelegen Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder. Insofern ist das keine neue Erfahrung für uns. Spätestens als ich vergangenes Jahr in einer Zeitung die Notiz las, dass Flüchtlinge in Deutschland nun in beheizten Zelten untergebracht werden müssen, war mir klar: Wir müssen etwas tun.

Zur Person

Und dann?

Ich habe die beiden jungen Männer, die nun bei uns wohnen, im Gottesdienst unserer Gemeinde kennengelernt. So fing es an. Die beiden wiederum haben sich im Erstaufnahmelager in Eisenhüttenstadt angefreundet. Sie sind vor dem brutalen Drill des Militärdienstes geflohen, dem sie bereits in ihrer schulischen Ausbildung massiv ausgesetzt waren. Sie wollten kein Kanonenfutter werden, sie wollten nicht als junge Menschen sterben.

Wie hat sich Ihr Leben dadurch verändert?

Gar nicht so sehr. Wir verbringen allerdings als Familie mehr Zeit miteinander, als das vorher der Fall war. Awet und Haben schätzen Rituale und geregelte Abläufe, also essen wir sehr oft gemeinsam, sprechen ein Tischgebet. Früher gab es vielleicht etwas mehr Raum für individuelle Muße, der wird nun eben anders gefüllt. Anders, wahrlich nicht schlechter.

Tausende Flüchtlinge erreichen Österreich
4./5. September, WienSie haben Tausende Kilometer hinter sich. In Ungarn schien Endstation. Doch nach Zusagen aus Österreich und Deutschland haben sich tausende Flüchtlinge auf dem Weg gemacht und am Samstagmorgen die österreichische Grenze erreicht. Die erschöpften Migranten wurden von den ungarischen Behörden mit Bussen zur Grenze gebracht, überquerten sie zu Fuß und wurden auf der österreichischen Seite von Helfern mit Wasser und Nahrungsmitteln empfangen. Nach Polizeiangaben kamen bis zum Morgen etwa 4000 Menschen an. Die Zahl könne sich aber im Laufe des Tages mehr als verdoppeln. Quelle: dpa
Ein Flüchtlingslager in Ungarn Quelle: REUTERS
Flüchtlinge in einem Zug im ungarischen Bicske Quelle: AP
Ein Flüchtling schaut aus einem Zug im Bahnhof Keleti in Budapest Quelle: dpa
3. September, Bodrum in der TürkeiFotos eines ertrunkenen Flüchtlingskindes haben in den sozialen Netzwerken große Betroffenheit ausgelöst. Eine an einem Strand im türkischen Bodrum entstandene Aufnahme zeigt den angespülten leblosen Körper des Jungen halb im Wasser liegend. Unter dem Hashtag „ #KiyiyaVuranInsanlik“ kursieren die Fotos auf Twitter. „Wenn dieses Bild die Welt nicht verändert, haben wir alle versagt“, schrieb eine Nutzerin. Der Junge gehörte einem Bericht der britischen Zeitung „The Guardian“ zufolge zu einer Gruppe von mindestens zwölf syrischen Flüchtlingen, die am Mittwoch vor der türkischen Küste ertrunken waren. Unseren Kommentar zum Thema, warum man das Bild nicht zeigen darf, finden Sie hier.
Flüchtlinge sind in Budapest am Bahnhof gestrandet Quelle: REUTERS
Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) Quelle: dpa

Fühlen Sie sich als Vorbild? Wollen Sie überhaupt eines sein?

Wir können nicht erwarten, dass viele Bürger willens und in der Lage sind, das zu tun, was wir tun. Ich will jedenfalls kein Beispiel geben, um anderem ein schlechtes Gewissen oder Druck zu machen. Ich hoffe nur, dass wir anderen Menschen Angst nehmen und stattdessen Hoffnung geben können. Auch ich habe mir keine Flüchtlinge in Deutschland gewünscht, allein aus dem Grund, weil kein Mensch zur Flucht aus seiner Heimat gezwungen sein sollte. Aber die Menschen kommen zu uns, ob wir es wollen oder nicht. Und ohne Hilfe aus der Gesellschaft wird es die Politik nicht bewältigen können.

Bund, Länder und Kommunen investieren doch gerade Milliarden und mobilisieren alle Kräfte. Das reicht nicht?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Die gegenwärtige Flüchtlingswelle ist eine gewaltige logistische, finanzielle und auch eine mentale Herausforderung für Deutschland, die wir meistern können. Nur: Ein Bett, fließendes Wasser und ausreichend Essen sind das eine, das andere sind die seelischen Grundbedürfnisse der Flüchtlinge. Auch die müssen gestillt werden. Wenn das Elend so nah an unser Land heranrückt, will ich teilen. Ich kann jedenfalls mit meinen Enkeln nicht an einer Flüchtlingsunterkunft vorbeigehen und danach unerschüttert mein komfortables Leben einfach weiterführen.

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