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Maschinenbau-Verband "Baden-Württemberg taugt nicht für Revolutionen"

Der VDMA-Präsident Thomas Lindner warnt vor einer grün-roten Bildungswende in Baden-Württemberg – und fordert eine schnellere Umsetzung von Innovationen.

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Thomas Lindner Quelle: Dominik Butzmann für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Lindner, in Baden-Württemberg regieren bald die Grünen. Wie viele Unternehmer packen jetzt die Koffer?

Lindner: Man kann schlecht ein Unternehmen einfach einpacken und gehen. Meine Kollegen werden versuchen, mit der neuen Regierung sachlich und konstruktiv zusammenzuarbeiten. Ich bin da zuversichtlich, denn Baden-Württemberg taugt nicht für Revolutionen.

Wo hegt die Wirtschaft nun die größten Befürchtungen?

In der Bildungspolitik. Die funktioniert in Baden-Württemberg im Großen und ganzen. Mehr als jeder zweite Student kommt nicht direkt vom Gymnasium – das zeigt doch, dass wir ein offenes und durchlässiges System haben.

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    Sie sind skeptisch bei der zehnjährigen Basisschule, die die Grünen wollen?

    Das ist ein hochsensibler Bereich. Fehler würden wir erst in zehn Jahren spüren, dann wäre es für einen so bildungsabhängigen Wirtschaftsstandort aber zu spät. Qualifizierter Nachwuchs ist für uns so wichtig, dass mein Unternehmen beispielsweise gerade ein eigenes integriertes Kita- und Schulzentrum mit einer vierjährigen Grundschule aufbaut. Das kostet uns bis zu 500.000 Euro jährlich. Aber nur so kann eine High-Tech-Wirtschaft im Wettbewerb bestehen. Also bitte keine undurchdachten Experimente.

    Um eine grüne Energiepolitik machen Sie sich weniger Sorgen?

    Im Maschinenbau macht Energie durchschnittlich ein Prozent der Gesamtkosten aus. Andere sind härter betroffen. Aber auch wir brauchen eine gesicherte Versorgung für hochpräzise arbeitende Betriebe. Ein Stromausfall von nur einer Millisekunde kostet mein Unternehmen 20.000 Euro.

    Das spricht nicht für die schwankungsanfällige Wind- und Sonnenenergie.

    Ein einseitiger Ausbau der erneuerbaren Energien wäre verhängnisvoll für die Versorgungssicherheit. Wenn die Atomkraft ersetzt werden soll, brauchen wir einen Energiemix auf der Grundlage eines belastbaren gesamtgesellschaftlichen Konsenses, und dabei werden wir zum Beispiel auf Kohle nicht verzichten können. Und natürlich brauchen wir leistungsfähige Stromnetze, damit der Südwesten nicht von einer verlässlichen Energiezufuhr abgeschnitten wird.

    Irritieren Sie nicht die häufigen Schwenks in der Energiepolitik?

    Energiepolitik braucht wie Bildungspolitik Verlässlichkeit und lange Vorlaufzeiten. Schließlich muss die Wirtschaft viele ihrer Investitionen mit Laufzeiten über 20, 30 oder 40 Jahre tätigen. Da ist es nicht hilfreich, wenn sich die Energiepolitik nach jeder Wahl ändert.

    Das könnte auch für Stuttgart 21 gelten.

    Die baden-württembergische Infrastruktur ist seit Jahren überlastet. Stuttgart 21 ist ein Symbol dafür, dass die Politik in einem massiven Investitionsstau steckt. Das Projekt macht der Wirtschaft zudem Sorge, weil wir die Planungssicherheit insgesamt gefährdet sehen. Warum soll es morgen nicht den Bau einer Galvanikanlage treffen, wenn es Wutbürger so wollen? Klar, in einer Demokratie brauchen wir transparente Planungs- und Meinungsbildungsprozesse. Aber am Ende müssen die Bürger die Entscheidung mittragen.

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      Daheim die Grünen, draußen die Chinesen. Wie kann sich die Wirtschaft im internationalen Wettbewerb behaupten?

      Indien und China haben über Jahrhunderte bis zu 80 Prozent des Weltsozialproduktes erwirtschaftet. Was wir jetzt erleben, ist so gesehen nur die Rückkehr zu einer historischen Normalität. Da sehe ich erst mal gar nichts Negatives. Nicht der Titel Exportweltmeister ist entscheidend, sondern dass wir absolut nicht zurückfallen.

      Wo hinken wir den Chinesen hinterher?

      China ist immer noch das Land der billigen Löhne und hat damit einen nicht zu unterschätzenden Wettbewerbsvorteil. Was mich zudem beeindruckt, ist der Stellenwert von Bildung in der chinesischen Gesellschaft. Ich denke weniger an die teilweise übertrieben ehrgeizigen Methoden. Aber an die Grundeinstellung der Eltern, ihren Kindern die bestmögliche Ausbildung mitzugeben. Da hat Deutschland inzwischen Nachholbedarf. Und deshalb warne ich so eindringlich vor Experimenten, die unseren Bildungsstandort aufs Spiel setzen.

      400.000 Ingenieure verlassen pro Jahr die chinesischen Hochschulen, bei uns sind es 40.000. Ist das eine Gefahr?

      Da bin ich ganz entspannt, weil die Qualitätsunterschiede doch groß sind. Aber wir müssen technologisch immer einen Schritt voraus bleiben. Dazu brauchen wir neben Forschung und Entwicklung insbesondere deren rasche Umsetzung.

      Wie steht es damit in Deutschland?

      Nicht so gut. Während die Chinesen aufrüsten und die modernsten Maschinen und Anlagen kaufen...

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        ...und Ihre Branche daran verdient...

        ... arbeiten wir in Deutschland allzu oft noch mit alten Geräten. Das ist weniger eine Frage unserer langsamen demokratischen Entscheidungsprozesse, die es bei größeren Investitionen immer wieder gibt. Ich meine die vielen kleinen und mittleren Investitionen, die auch politisch ausgebremst werden, aber anders als etwa bei Stuttgart 21.

        Welche Schuld trägt die Politik hier?

        Ich meine die deutschen Abschreibungsregeln. Sie spiegeln in ihrer linearen Art nicht den tatsächlichen Wertverlust von neuen Anlagen wider. Dabei ist der Wertverlust doch – wie beim Auto – am Anfang am höchsten. Eine degressive Abschreibung entspräche deshalb der Realität und würde dem Unternehmer helfen, eher in neue Technologien zu investieren.

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