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"Mein Leben als Pirat" Piratenpartei streitet über WiWo-Bericht

Der WiWo-Bericht über das Innenleben der Piratenpartei hat eine emotionale Debatte über Machtstrukturen und den Umgang mit Neumitgliedern ausgelöst. Nicht alle Piraten waren begeistert.

Der Wiwo-Bericht

Die Piraten können nicht nur „Shitstorm“, sondern auch zivilisierte Debatte. Das belegen die Reaktionen auf den Artikel „Mein Leben als Pirat“ über das Innenleben der Partei, der in der aktuelles Ausgabe der WirtschaftsWoche zu lesen ist. Weit über hundert Piraten haben sich seit dem Erscheinen des Artikels in den Parteiforen dazu geäußert, rund zwanzig  Diskussionen drehen sich explizit um den Artikel. Doch wer darin die Aneinanderreihung von Rüpeleien erwartet, mit denen die Partei in den vergangenen Wochen einige Schlagzeilen machte, der sieht sich enttäuscht. Zwar empören sich einzelne Mitglieder, insbesondere aus dem im Artikel beschriebenen Arbeitskreis, über den Autor. Doch schlimmer als „FDP-U-Boot“, „dämlich“ oder „spinnert“ werden die Angriffe nicht, die Kritik bleibt ansonsten inhaltlich.

Die Werkzeuge der Piraten
PiratenpadEs ist der kollektive Notizblock der Piratenpartei: Im Piratenpad können gemeinsam Protokolle geschrieben oder Pressemitteilungen entworfen werden. Der Vorteil: In Echtzeit können mehrere Personen ein Dokument online bearbeiten, es wird farblich hervorgehoben, wer was geändert hat – das lässt sich damit unterscheiden. Technische Grundlage ist die inzwischen zu Google gehörende Software EtherPad, die auch Unternehmen nutzen können.
MumbleEines der wichtigsten internen Kommunikationswerkzeuge ist Mumble – eine Mischung aus Chat und Telefonkonferenz. Sogar viele Vorstandssitzungen werden hier abgehalten. Gegenüber klassischen Telefonkonferenzen gibt es mehrere Vorteile: Das Programm lässt sich leicht auf dem Computer installieren und über den Chat kann parallel kommuniziert werden – so können beispielsweise Links verschickt werden. Wenn jemand spricht wird das Mundsymbol neben dem Nutzernamen rot, dadurch kann man die Stimmen besser auseinanderhalten, als bei normalen Telefonkonferenzen. Ähnliche Funktionen bieten auch Skype oder TeamSpeak, dass vor allem von Online-Computerspielern zur Verständigung genutzt wird. Eine Institution bei den Piraten ist vor allem der „Dicke Engel“ (inzwischen umbenannt in ErzEngel). Jeden zweiten Donnerstag um 19:30 Uhr versammeln sich zahlreiche Piraten in diesem Mumble-Raum und diskutieren teils mit Gästen aktuelle Themen.
Liquid FeedbackEin zentrales Element ist das Computerprogramm Liquid Feedback (LQFB), eine Art Abstimmungstool, mit dem ermittelt werden soll, wie die Mehrheit der Partei zu bestimmten Positionen steht. Die Besonderheit: Das Programm gibt den Parteimitgliedern die Möglichkeit, ihre Stimme an eine andere Person zu delegieren, der sie mehr Kompetenz in bestimmten Fragen zutrauen. Allerdings ist Liquid Feedback so revolutionär wie umstritten. Während vor allem der Berliner Landesverband LQFB intensiv nutzte, waren andere Teile der Partei und auch der Bundesvorsitzende Sebastian Nerz lange skeptisch. Wie intensiv das Programm genutzt wird und welche Bedeutung den Entscheidungen zukommt ist daher noch in der Diskussion.
Wikis  Wikis sind der Klassiker, die meisten Webseiten nutzen eine Wiki-Software. Sie lassen sich leicht erstellen, erweitern und vor allem auch von vielen Beteiligten bearbeiten. Das Piratenwiki ist damit die zentrale Informations- und Koordinationsplattform.     Auch manche Unternehmen setzen inzwischen Wikis ein – vor allem für die interne Kommunikation. Das bekannteste Projekt ist Wikipedia.
Blogs   Auch Weblogs werden intensiv genutzt. Viele Piraten betreiben eigene Blogs, auf denen sie Debatten anstoßen oder bestimmte Dinge kommentieren. Auch die Piratenfraktion Berlin hat nach dem ersten Einzug in ein Landesparlament ein Blog gestartet, um über ihre Arbeit zu informieren.
Twitter   Der Kurznachrichtendienst ist der vielleicht beliebteste Kanal der öffentlichen Auseinandersetzung, kaum ein Tag vergeht an dem nicht irgendeine Äußerung oder ein echter oder vermeintlicher Fehltritt zum #Irgendwasgate und #epicfail ausgerufen werden. 
Diaspora   Auch andere soziale Netzwerke werden natürlich intensiv genutzt. Jedoch ist Facebook beispielsweise bei manchem Piraten schon wieder out. Julia Schramm beispielsweise, Herausforderin von Sebastian Nerz um den Parteivorsitz, hat sich wieder abgemeldet: „Es ist wie ein widerlicher Kaugummi.“ Stattdessen nutzt sie das alternative Netzwerk Diaspora.

Das System hinterfragen

Viele Piraten ziehen aus dem Artikel stattdessen konstruktive Schlüsse. Sie nehmen den Artikel zum Anlass, ihre parteiinternen Hierarchien zu hinterfragen. Im Forum der hessischen Landesliste ist man sich schnell einig darüber, man müsse „immer wieder unsere Systeme zu hinterfragen, ob das alles rund läuft und ob Verbesserungen möglich sind“. Einer schlägt als Konsequenz aus den beschriebenen Problemen vor, ein parteiinternes Mentoring-System zu schaffen, bei dem Neumitglieder von Erfahrenen an die Hand genommen werden sollen. Besonders selbstkritisch zeigen sich die Piraten aber in Bezug auf ihre Kommunikationskanäle. Auf der niedersächsischen Liste schreibt einer: „Ich weiß nicht wie oft wir bei uns im KV (Kreisverband) schon die Tools erklärt haben und es muss immer wieder gemacht werden damit neue überhaupt wissen wie wir kommunizieren. Da muss das für Neue und Interessierte unbedingt einfacher werden, sich zurecht zu finden.“  Auf der Liste zur Öffentlichkeitsarbeit in NRW berichtet eine von seiner Beobachtung, „dass viele Altpiraten einfach gar nicht realisieren, dass die Zugänglichkeit unserer Kommunikationsmedien für Neulinge -speziell digital immigrants - sehr schwer ist.“

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