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#MerkelStreichelt Die Kanzlerin und das Flüchtlingsmädchen

Als ein libanesisches Mädchen bei einem Treffen mit der Kanzlerin weint, weil sie Angst vor der Abschiebung hat, will Angela Merkel tröstende Worte finden. Doch der Versuch misslingt – findet die Twitter-Gemeinde.

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Ein libanesisches Mädchen weint, weil sie Angst vor der Abschiebung hat. Merkel versucht, tröstende Worte zu finden. Quelle: Screenshot Youtube

Frankfurt Politisches Kalkül oder authentische Reaktion? Bundeskanzlerin Angela Merkel ist bekannt für ihre kontrollierte Art, nie tanzt sie aus der Reihe, Emotionalität zeigt sie selten. Aktuell wird jedoch ein Video diskutiert, in dem Merkel mit einem Flüchtlingsmädchen spricht wie mit einem ausgesetzten Welpen.

Als es dazu kommt, ist Merkel zu Besuch in der Paul Friedrich Scheel-Schule in Rostock. Dort steht sie 30 Schülern Rede und Antwort, unter anderem geht es um Homosexualität und die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Ein NDR-Reporter war dabei und schildert in „NDR Aktuell“, dass die Schüler prinzipiell positiv auf die Kanzlerin reagiert haben. Im Internet sorgt Merkels Verhalten gegenüber einem jungen Teenager-Mädchen aus Palästina jedoch für Kritik.

Die junge Frau namens Reem sagt, sie habe Ziele wie jeder andere und wolle studieren. Das Leben genießen könne sie aber nicht, vermutlich aus Angst abgeschoben zu werden (derzeit sind lediglich Ausschnitte des Bürger-Talks öffentlich). Es folgen Standard-Antworten wie diese: Deutschland könne nun mal nicht jeden Flüchtling aus dem Libanon oder Afrika aufnehmen.

Doch plötzlich hält die Kanzlerin inne. „Och, komm.“ Ein Lächeln – Merkel geht auf das Mädchen zu. „Du hast das doch prima gemacht“, sagt sie zu dem schluchzenden Kind.

„Ich glaube nicht, Frau Bundeskanzlerin, dass es da ums prima machen geht, sondern dass es natürlich eine belastende Situation ist“, wirft der Moderator ein. „Das weiß ich, dass es eine belastende Situation ist“, sagt Merkel. Sie fühlt sich angegriffen, wendet sich wieder Reem zu: „Und deshalb möchte ich sie trotzdem einmal streicheln.“ Sie wolle junge Menschen nicht solche Situationen bringen. „Weil du es ja schwer hast und weil du ganz toll aber dargestellt hast für viele, viele andere, in welche Situation man kommen kann.“

Am Donnerstagmorgen geht das Video viral. Und wird stark kommentiert:

Allerdings zeigen beide Video-Ausschnitte, sowohl bei Youtube als auch beim NDR, nicht die ganze Situation. Tatsächlich spricht Merkel vorher bereits mit Reem über ihr Heimatland, den Libanon, in dem keine Bürgerkriegsähnlichen Zustände herrschen würden. Deshalb müssten Asylanträge aus anderen Ländern eher berücksichtigt werden. Zudem ist nicht hundertprozentig sicher, dass Reem und ihre Familie abgeschoben werden.

Das ganze Gespräch mit dem Palästina-Mädchen und der Bundeskanzlerin ist im offiziellen Video der Bundesregierung zu sehen. Auf Handelsblatt-Anfrage, wie Angela Merkel ihre Reaktion heute sieht und ob sie sich von der Netzgemeinde missverstanden fühle, gab es seitens Bundespresseamt keine Antwort.

Derweil versuchen wenige Twitter-Nutzer, neutral über das Video zu sprechen:

Es sind die Worte der Bundeskanzlerin, die auf die Wage gelegt werden. Mehrere Twitterer werfen ein, dass Merkel es tröstend gemeint, Mitgefühl gezeigt hat. Doch die Häme überwiegt, der Hashtag #merkelstreichelt ist aktuell auf Platz Eins der Trends in Deutschland.


„#merkelstreichelt die Griechen aus dem Euro“

Es werden Gifs (animierte Bilder oder Grafiken) aus dem Merkel-Video gemacht. Leute scherzen, wen Merkel noch alles streicheln würde, um die Probleme der Regierung zu lösen.

Es handelt sich um die typische Shitstorm-Welle: Angela Merkel hat in der Situation, als Reem angefangen hat, zu weinen, nicht konventionell, nicht regelkonform gehandelt. Sie hat sich angreifbar gemacht. Also wird sie kritisiert. Hätte sie es bei den Standard-Sätzen belassen und das Wort einer anderen Schülerin oder einem anderen Schüler übergeben, würde jetzt vermutlich ein anderer Hashtag trenden.

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