Michael Sommer im Interview "Die Rente mit 67 ist falsch"

Der DGB-Vorsitzende ledert gegen die Regierung, will den Arbeitsmarkt reformieren – und hält kritische Distanz zu SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück.

DGB-Vorsitzender Michael Sommer Quelle: Werner Schüring für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Sommer, 2013 ist Bundestagswahl. Union und SPD treten für Mindestlöhne, neue Regeln für Zeitarbeiter und Konzepte gegen Altersarmut ein. Können Sie die Parteien noch auseinanderhalten?

Sommer: Das gelingt mir gut. Die großen Parteien versuchen, unsere Themen aufzunehmen – und ich hoffe, dass das auch für unsere Lösungen gilt. Inzwischen haben wir bei Themen wie Mindestlohn oder Leiharbeit die Hegemonie in den Köpfen erreicht. Selbst in der FDP vernehme ich Stimmen, die differenziert an den Mindestlohn herangehen. Entscheidend ist aber, was am Ende im Gesetzblatt steht.

Der DGB-Bundesvorstand hat sich gerade auf Prüfsteine für die kommende Bundestagswahl geeinigt. Woran werden Sie die Parteien 2013 messen?

Es gibt drei Hauptthemen für uns. Erstens wollen wir eine Politik für ein soziales Europa. Wir müssen die Euro-Krise auch mit sozialstaatlichen Mitteln und Konjunkturprogrammen überwinden...

Ob das bei Ihren Mitgliedern ankommt, die das mit Steuern bezahlen müssten?

Auch die profitieren von einem stabilen Europa, denn das sichert auch ihre Arbeitsplätze. Daran hängt das zweite und wichtigste Thema für uns: Gewerkschaften sind die Organisation der Arbeit. Nach 30 Jahren Deregulierung liegt der Arbeitsmarkt in totaler Unordnung, prekäre Beschäftigung und der Niedriglohnsektor nehmen zu. Wir wollen eine neue Ordnung der Arbeit – vom Mindestlohn bis zur Bekämpfung des Missbrauchs der Leiharbeit. Davon abgeleitet ist das dritte Thema: eine vernünftige Alterssicherung.

Damit ignorieren die Gewerkschaften aber viele andere Themen, die ihren Mitgliedern wichtig sind.

Das war eine bewusste Entscheidung. Natürlich können wir auch über Energiepolitik oder den Kampf gegen Nazis reden. Je mehr wir uns aber auf das Thema Arbeit konzentrieren, desto ernster werden wir genommen.

Wie das Einkommen das Wahlverhalten bestimmt
Die Anhänger dieser Partei würde wahrscheinlich diese Wahlkabinen nicht betreten - es ist die Partei der Nichtwähler. 18,5 Prozent der Nichtwähler verdienen weniger als 1.000 Euro pro Monat. Auch in der Einkommensgruppen über 2.500 pro Monat finden sich immer noch 26 Prozent der Nichtwählerpartei. Quelle: Abteilung Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie der Universität Leipzig Quelle: REUTERS
Die Linkspartei kommt nicht richtig bei den Armen an. Lediglich 6,8 Prozent ihrer Wähler verdienen weniger als 1.000 Euro - 30,8 Prozent der Linke-Wähler stehen hingegen mehr als 2.500 Euro zur Verfügung. Quelle: dpa
Anders als die Vermutung nahe legt, befindet sich auch die SPD bei den Personen, die weniger als 1.000 Euro verdient, klar in der Minderheit. Nur 6,1 Prozent der SPD-Wähler kommen aus dieser Schicht, während bei den Personen mit einem Einkommen von mehr als 2.500 Euro bereits 31,3-Prozent der Wähler stammt. Quelle: AP
Die Piratenpartei hat eine breite Basis an Anhängern. Sie überholt alle etablierten Parteien im Spektrum der Personen, die weniger als 1.000 Euro verdienen: Sie finden hier 10,8 Prozent ihrer Wähler. Und bei den großen Einkommen über 2.500 Euro vereinen die Freibeuter gleich 31,8 Prozent ihrer Wählerschaft. Quelle: dpa
Untentschlossene Wähler stammen zu 32,9 Prozent aus der Einkommensgruppe über 2.500 Euro. Sie sind auch in der Gruppe unter 1.000 Euro mit 11,4 Prozent vertreten. Quelle: ZB
31,8 Prozent der Wähler, die ihr Stimme der CDU/CSU geben, verdienen mehr als 2.500 Prozent. In der Einkommensgruppe von unter 1.000 Euro sind lediglich nur 5,7 Prozent der Wähler. Quelle: dpa/dpaweb
Gut in den allen Einkommensgruppen vertreten: Die Rechtsparteien. 15,8 Prozent ihrer Wähler verdienen weniger als 1.000 Euro; 35 Prozent mehr als 2.500 Euro. Quelle: dapd

Sie wollen für 2013 aber keine Wahlempfehlung abgeben. Trauen Sie sich nicht?

Wir sind parteipolitisch unabhängig. Außerdem haben wir die Erfahrung gemacht, dass die deutsche Gewerkschaftsbewegung viel mehr durchsetzen kann, wenn sie mit allen demokratischen Parteien konstruktive Dialoge führt. Ich lege Wert darauf, dass wir uns nicht als Vorhof bestimmter Parteien behandeln lassen. Wir sind weder der Vor- noch Hinterhof von irgendwem.

Sie spielen auf die Zeit der Agenda-Politik unter Gerhard Schröder an. Sie selbst sind seit 1981 SPD-Mitglied. Haben Sie schon mal aus Wut nicht SPD gewählt?

Ich nehme für mich das Wahlgeheimnis in Anspruch.

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