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Migration Die Mär vom einwandernden Wachstumsbringer

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Verbindung von Moral und Nutzenkalkül

Dass heutige Wirtschaftsjournalisten und Ökonomen Sombart nicht erwähnen, mag an Sombarts konservativer Distanz zum Kapitalismus liegen, und an seiner Überzeugung, dass dieser nur eine historische Episode mit vorbestimmtem Ende sein werde. Oder, was wohl am wahrscheinlichsten ist, einfach an der Tatsache, dass spätestens nach Kriegsende die amerikanisch dominierte Ökonomie und mit ihr auch der Wirtschaftsjournalismus aktiv die alten Nationalökonomen der „historischen Schule“ aus dem Kanon tilgten. Die Ökonomie hat, wie Geoffrey Hodgson feststellt, im Laufe des 20. Jahrhunderts aktiv die Geschichte vergessen und dafür Rechnen gelernt („How Economics Forgot History“, 2001).

Die These von der besonderen Eignung Eingewanderter für die kapitalistische Wirtschaftsweise hat Sombarts Marginalisierung jedenfalls überstanden und ist von heutigen Ökonomen neu aufgelegt worden, zum Beispiel vom früheren Weltbank-Vizepräsidenten und Oxforder Ökonom Ian Goldin („Außergewöhnliche Menschen“, 2011). Im Wirtschaftsjournalismus ist daraus ein Narrativ geworden, eine bestimmte Art und Weise also, wie man Einwanderung erzählt und damit bestimmte Annahmen wirksam verbreitet:  „Mit ihren Ideen, mit Gründergeist oder ihrer Ausbildung treiben die Zuwanderer das Wirtschafts­wachstum häufig mit an“, schreibt ZEIT-Redakteur Axel Hansen 2014.

Ähnlich schreibt auch Spiegel-Online-Kolumnist Henrik Müller: „Der Zuzug mobiler, leistungsfähiger Ausländer birgt für die sesshaften Einheimischen einen erheblichen Nutzen, erst recht in einer alternden, müden Gesell­schaft wie der deutschen. … Wachstum beginnt mit dem Willen, ein besseres Leben führen zu wollen. Migranten beweisen eindrucksvoll, dass sie ebendies wollen: Sie verlassen ihre Heimat, um in der Frem­de ein besseres Leben zu führen. … Leistungsfähige und Leistungswillige werden gebraucht: Akademi­ker, Fachleute mit Biss, Unternehmertypen, die in Deutschland Firmen gründen wollen.“

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    Besondere Überzeugungskraft gewinnt dieses Narrativ vom Wanderer als Wachstumsbringer dadurch, dass es oft moralisch unterfüttert wird. Die beiden Stränge der  Debatte um Einwanderung und „Flüchtlinge“ sind auf seltsame Weise miteinander verwoben. Moralische, humanitäre Appelle zur Hilfsbereitschaft werden im selben Atemzug mit der Aussicht auf ökonomische Gewinne, also künftiges Wirtschaftswachstum genannt. „Das ist nicht nur moralisch geboten. Es nützt auch uns allen“, begrüßen Bollmann und Schipper die Öffnung der deutschen Grenze für Flüchtlinge der Balkan-Route. Die Flüchtlinge erscheinen in vielen Artikeln als die fleischgewordene Win-Win-Situation von Kommerz und Moral. Einwanderung scheint den Traum des modernen Menschen wahr werden zu lassen, und seine beiden widersprüchlichen Begierden zu versöhnen: Gutes tun und dabei noch reicher werden.

    Die Wirtschaftsjournalisten der 1960er Jahre waren noch nüchterner. Die ersten Einwanderer der Nachkriegsgeschichte, die damals so genannten Gastarbeiter wurden in der Wirtschaftspresse keineswegs begeistert begrüßt. Ihre Anwerbung wurde allenfalls als ökonomisch unumgänglich hingenommen. „Das Wandern von Arbeitern über Staatsgrenzen hinweg ist gewiss keine Ideallösung … . Es ist eine Vernunftehe, ziemlich dicht am Rand einer Notlösung“, schrieb 1966 FAZ-Herausgeber Jürgen Eick. In der zweiten Phase der Einwanderungsgeschichte seit den 1980er Jahren, gekennzeichnet durch die starke Zunahme der Asylbewerberzahlen, standen dann vor allem moralische Gründe für die Aufnah­me im Vordergrund der Berichterstattung, während Wachstumshoffnungen angesichts Millionen einheimischer Arbeitsloser keine Rolle spielten. Seit wenigen Jahren, besonders aber in der so genannten „Flüchtlingskrise“ treten nun beide Argumente, humanitäres Mitleid und Nutzenkalkül, gemein­sam auf.

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