WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Mindestlohn Viele Studien, wenige Antworten

Seite 3/3

Steigende Ausgaben

Am Ende wird der Mindestlohn eine Glaubensfrage bleiben Quelle: dapd

Im aktuellen Gutachten für das Arbeitsministerium hat das Mannheimer ZEW nun den Arbeitsmarkt für Dachdecker untersucht. Es konnte nicht nachweisen, dass die Gesamtbeschäftigung gesunken ist – und die Mindestlohn-Verfechter sahen das mit Häme. Schließlich gehört ZEW-Chef Wolfgang Franz zu den heftigsten Kritikern des Mindestlohnes, weil dieser Langzeitarbeitslose ausgrenze. Wer genau hinsieht, erkennt für diese These in der neuen Untersuchung aber einen Beleg: Einige Tätigkeiten seien auf höher qualifizierte Mitarbeiter verlagert worden, heißt es dort.

Franz ist auch der Chef der fünf Wirtschaftsweisen, die mehrheitlich vor der Einführung von Mindestlöhnen warnen. Allerdings sind sich die Ökonomen nicht einig. In schöner Regelmäßigkeit gibt der Würzburger Professor Peter Bofinger ein Minderheitenvotum ab, in dem er Mindestlöhne fordert. Er rückte einst auf Vorschlag der Gewerkschaften in den Rat.

"Nix Mehreinnahmen"

So ist vieles eine Frage der Sichtweise: Die Wissenschaftler des Schweizer Forschungsunternehmens Prognos sehen den Mindestlohn gar als Mittel zur wundersamen Haushaltssanierung. Würde der Staat einen Mindestlohn von 8,50 Euro festschreiben, dann könnte er sich über einen Geldsegen von sieben Milliarden Euro freuen. Auftraggeber der Berechnung: die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung.

Der Haken: Prognos unterstellt, dass alle Arbeitnehmer ihren Job bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro behielten. Die Annahme lautet also: Arbeit ist unabhängig von ihrem Preis. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) konnte das so nicht stehen lassen. Sein Urteil: nix Mehreinnahmen. Durch einen Mindestlohn von 8,50 Euro könnte der Staat gar bis zu 6,6 Milliarden Euro verlieren, das IW prophezeit steigende Ausgaben und Steuereinbrüche. Schlimmstensfalls gingen zwei Millionen Jobs verloren.

"Einstiegslöhne"

Umstritten ist andersherum auch die Frage, ob der Niedriglohnsektor die Menschen überhaupt wieder in Arbeit bringt, wie viele Ökonomen vermuten. Ja, sagt die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), die vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall finanziert wird. 24,1 Prozent aller Geringverdiener stiegen innerhalb eines Jahres in eine normal bezahlte Beschäftigung auf und verdienten dann mehr als neun Euro in der Stunde.

Das Datenmaterial ist nicht angreifbar, schließlich haben die Forscher das Sozio-Ökonomische Panel des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) von 1994 bis 2009 ausgewertet. Doch lassen die Ergebnisse Raum für Interpretation. Wenn jeder vierte Billigjobber aufsteigt – ist das viel oder wenig? „Jeder Vierte schafft den Aufstieg“, jubelte die „Süddeutsche Zeitung“. „Niedriglohn – schlecht für Deutschland“, schimpfte die „Berliner Zeitung“. Der DGB erklärte den Niedriglohnsektor zur „Armutsfalle“, die INSM blieb bei ihrer These: Niedriglöhne seien „Einstiegslöhne“, Lohnuntergrenzen absolut schädlich.

Am Ende wird der Mindestlohn eine Glaubensfrage bleiben.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%