Ministerpräsidentenkonferenz Freiheit statt Freiheitstag!

Alle Regierungen, die ihr Volk bereits gemeinschaftlich das Ende von Corona zelebrieren ließen, mussten schon wenige Wochen später vor neuen Virusvarianten kapitulieren. Quelle: Imago

Die Regierenden haben beschlossen: Am 20. März ist Schluss mit Pandemie. Das ist kein Grund zur Freude, sondern der nächste Anlass für Frust und Enttäuschung. Besser wäre es, die Coronamaßnahmen still und leise zu beenden. Ein Kommentar.

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Genau am 20. März, so verkündet es der astronomische Kalender akkurat, beginnt der Frühling. An diesem Datum nämlich steht die Sonne genau über dem Äquator, ist die Nacht damit exakt so lang wie der Tag. Bloß: So klar die Sache astronomisch sein mag, so ungewiss ist sie meteorologisch betrachtet. Mal ist es schon Anfang März so warm wie im Sommer, mal werden noch Ende des Monats die Tulpen vom Schnee überrascht. Mit anderen Worten: Wer seine Wetterhoffnungen auf den 20. März richtet, der wird oftmals enttäuscht.

Da passt es gut, dass die Bundesregierung für ihren „Freedom Day“ ausgerechnet dieses Datum wählt. Schritt für Schritt, so hat es die Ministerpräsidentenkonferenz am Mittwoch beschlossen, sollen in den kommenden Tagen die Coronaschutzmaßnahmen entfallen, am 20. März dann ganz Schluss sein. Ende der Pandemie, Freiheit für alle – und Sonnenschein dazu.

Wer’s glaubt! Zwei Jahre Pandemie haben uns immer wieder gezeigt, dass man sich auf Prognosen aller Art bloß nicht verlassen sollte. Ständig mussten Einschränkungen verlängert oder sogar ausgeweitet werden, weil das Virus andere Pläne hatte als Einzelhändler oder Gastwirte. Und all jene Regierungen, die ihr Volk bereits gemeinschaftlich das Ende von Corona zelebrieren ließen, mussten schon wenige Wochen später vor neuen Virusvarianten kapitulieren.

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Aus der Verhaltensforschung ist die tückische Reaktion des menschlichen Gehirns auf Belohnungen bekannt. Wird eine solche verteilt, kommt es zu einem kurzzeitigen Ausstoß von Glückshormonen. Weit langwieriger aber halten die negativen Emotionen an, die ein späterer Entzug dieser Belohnungen mit sich bringt. Für die Politik bedeutet das: Bloß keinen Freiheitstag versprechen, auf den später vielleicht ein Tag der Unfreiheit folgt. Viel besser ist es, die gesamtgesellschaftliche Laune schleichend zu steigern, indem die Einschränkungen nach und nach einfach auslaufen, ohne dass darum allzu viel Aufhebens gemacht wird.

Umsetzen ließe sich das ganz einfach. Anstatt ein bundesweit gültiges Corona-Ende zu definieren könnten Regierung und Ministerpräsidenten sich zunächst darauf einigen, einige Maßnahmen gemeinsam fallen zu lassen. Alles weitere würde dann in den Händen der Bundesländer liegen, welche die Feinheiten von Abstandspflichten und Regeln zum Impf-, Test- oder Genesenenstatus selbst festlegen würden.

Irgendwann hieße es dann vielleicht in einer Randnotiz der Abendnachrichten: Heute ist im Saarland, dem letzten Bundesland, in dem es noch Einschränkungen wegen der Coronalage gab, die Maskenpflicht im Nahverkehr aufgehoben worden. Und, wer weiß, vielleicht scheint an diesem Tag dann sogar die Sonne.

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