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Mitbestimmung Die neue Macht der Gewerkschaften

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Der IG-Metall-Chef Berthold Quelle: dpa

Huber beteuert zwar, es gebe in Sachen Kapitalbeteiligung „weder eine neue Linie der IG Metall noch ein Standardmodell“. Er sagt aber auch: „Wo sich Beschäftigte für ihr Unternehmen gerade in wirtschaftlich schwierigen Situationen engagieren, sollen die Belegschaften am Unternehmen beteiligt werden.“ Diese seien „im Gegensatz zu Heuschrecken an der nachhaltigen Entwicklung des Unternehmens interessierte Anteilseigner“.

Für Gewerkschaftsexperten wie Hagen Lesch vom Institut der deutschen Wirtschaft ist dies ein „erstaunlicher Paradigmenwechsel“. Auch NGG-Chef Möllenberg, der schon vor fünf Jahren vergeblich versuchte, das Thema im Gewerkschaftslager durchzusetzen, registriert, „dass in der IG Metall ein Umdenken einsetzt“. Zwar sind in Deutschland bereits rund 2,2 Millionen Arbeitnehmer in irgendeiner Form an ihrem Unternehmen beteiligt, insgesamt aber war die Mitarbeiterbeteiligung über Jahrzehnte ein Nischenphänomen. Die Gewerkschaften hängten das Thema tief, offiziell weil die Arbeitnehmer neben dem Jobrisiko nicht auch noch das Kapitalrisiko tragen sollten. In Wahrheit fürchteten viele Gewerkschaftsbosse, die Kampfkraft könne leiden, wenn sich Arbeitnehmer plötzlich auch als Eigentümer fühlen – wer streikt schon gerne gegen sich selbst.

Krise stärkt die Gewerkschaften

Das sei „eine Debatte von gestern“, sagt jetzt Oliver Burkhard, Chef des einflussreichen IG-Metall-Bezirks Nordrhein-Westfalen. Er bekennt offen: „Wir wollen mehr Einfluss auf die Strategie der Unternehmen.“ Dann werde man „als Anteilseigner der Kapitalseite in die Parade fahren, wenn diese maßlose Renditeziele auf Kosten der Jobs durchziehen will“.

Vor der Finanzkrise hätte man über solche Sätze milde gelächelt. Die Gewerkschaften waren am Boden, ihre Mitgliederstatistik machte ihnen über Jahre hinweg so viel Freude wie das Wirtschaftsprogramm der FDP. Seit der deutschen Einheit schrumpfte die Zahl der zahlenden Kunden von 11,8 Millionen auf 6,3 Millionen – ein Minus von fast 50 Prozent. Die Politik echauffierte sich über den Widerstand gegen die Agenda 2010 und kümmerte sich in der Ära Schröder nicht mehr groß um die Trillerpfeifen-Fraktion.

Die Not treibt Manager in die Arme der IG-Metall

Angela Merkel hingegen setzt auf die Nähe zu den Gewerkschaften und stört sich nicht daran, dass deren Analysen und Forderungen bisweilen wie eine versteckte Wahlempfehlung für die Linkspartei daherkommen. An der Basis ist zudem speziell bei der IG Metall vielerorts eine neue Riege junger Tarifmanager am Ruder, die zwar nichts zu verschenken hat, mit dem ideologischen Muff der alten Garde aber nichts zu tun haben will. Seit Huber 2007 das Chefamt vom Tarif-Fundi Jürgen Peters übernahm, seien „intern die Denkverbote gefallen“, sagt ein hoher IG-Metall-Funktionär. Dies gelte insbesondere für das Thema Kapitalbeteiligung.

Dass die Gewerkschaft als Krisenhelfer und die Mitarbeiter als Anteilseigner nun so gefragt sind, liegt gleichwohl kaum an plötzlicher Liebe der Arbeitgeber, sondern an der desolaten Lage vieler Unternehmen; es ist die pure Not, die viele Manager in die Arme der IG Metall treibt.

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