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Mitbestimmung Die neue Macht der Gewerkschaften

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Mitarbeiterbeteiligung in Deutschland 2009

Auch beim Busbauer Neoplan, bei Conti und ThyssenKrupp werde über Beteiligungsmodelle nachgedacht, bestätigen IG-Metall-Kreise. Und das ist noch lange nicht das Ende. „In den kommenden zwölf Monaten wird es einen deutlichen Anstieg von Mitarbeiterbeteiligungen geben – nicht nur bei großen Konzernen, sondern auch im Mittelstand“, prophezeit Metaller Burkhard. Die Kapitalbeteiligung sei dabei „die Königsdisziplin“, denkbar seien aber auch andere Formen, zum Beispiel „ein Beirat in Betrieben ohne Aufsichtsrat, der Beschäftigte an strategischen Entscheidungen beteiligt“.

In aller Stille verhandeln IG-Metall- Emissäre und Betriebsräte bereits mit einer Reihe von mittelständischen Betrieben. Kreditklemme und Eigenkapitalprobleme haben viele Firmen so in die Defensive getrieben, dass sie zu weitreichenden Zugeständnissen bereit sind. Bei einem namhaften Mittelständler im Siegerland etwa setzte die IG Metall im Juli einen Tarifvertrag durch, der bis Ende 2011 Produktionsverlagerungen verbietet, die mit Jobverlusten an deutschen Standorten einhergehen. Betriebsbedingte Kündigungen bedürfen ab sofort „der Zustimmung der jeweils zuständigen IG-Metall-Verwaltungsstelle“.

Beteiligung auch im Mittelstand

Die rund 2000 Beschäftigten verzichten auf Lohnbestandteile von 4,6 Millionen Euro. Dafür erhalten sie einen „Besserungsschein“; laufen die Geschäfte wieder besser, gibt es das Geld 2010 und 2011 peu à peu zurück. Kann das Unternehmen nicht zahlen, verwandeln sich die Forderungen der Mitarbeiter in Genussrechte, die mit vier Prozent verzinst werden. Die Genussscheine gibt es aber nur für „gewerkschaftlich organisierte Mitglieder“. Derartige Bonusregeln für ihre Klientel praktiziert die IG Metall mittlerweile in über 150 Firmen.

Auch bei Hörmann Automotive im hessischen Gustavsburg will die IG Metall in die erste Reihe. Die Gewerkschaft fordert im Gegenzug zu einem millionenschweren Lohnverzicht eine Jobgarantie bis 2016 – und will nicht ausgezahlte Gehaltsbestandteile in eine „dauerhafte Kapitalbeteiligung“ umgewandelt sehen. Spätestens ab 2011 sollen die 900 Mitarbeiter dafür Erträge kassieren. Und im Aufsichtsrat soll alsbald die paritätische Mitbestimmung eingeführt werden.

Tarifpolitik verlagert sich in die Betriebe

Mehr Einfluss in den Betrieben ist für die Gewerkschaften auch organisationspolitisch wichtig. Sie sehen sich mit strukturellen Problemen konfrontiert, die ihre Machtbasis langfristig zu untergraben drohen. „Seit Mitte der Neunzigerjahre befindet sich das Tarifvertragssystem in einem schleichenden Erosionsprozess, bei dem die tarifvertragsschwachen und -freien Zonen größer werden“, heißt es in einer Analyse des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI).

In Westdeutschland unterliegen nur noch 36 Prozent der Betriebe und 56 Prozent der Beschäftigten dem Flächentarif, im Osten noch weniger. Stattdessen verlagert sich die Tarifpolitik immer stärker aus der Fläche in die Betriebe. Die Zahl der Firmentarifverträge ist in den vergangenen zehn Jahren von 5800 auf rund 9300 in die Höhe geschossen. Weil die Gewerkschaften zudem eine Flexibilisierung des Flächentarifs akzeptierten, können die Betriebsräte vor Ort heute weit mehr entscheiden als früher. Wenn sie nicht an Einfluss verlieren wollen, brauchen die Gewerkschaften also mehr denn je eine logistische und personelle Verankerung in den Betrieben.

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