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Mittelstandspräsident Ohoven „Viele Bewerber beherrschen nicht einmal die Grundrechenarten“

Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft, Unternehmerverband Deutschlands Quelle: imago images

Nachdem Tausende Abiturienten über das angeblich zu schwierige Mathematik-Abitur klagten, meldet sich jetzt die mittelständische Wirtschaft zu Wort. Die Mathekenntnisse der Schulabgänger seien zu schwach.

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Brauche ich das später überhaupt noch jemals? Die Frage, die sich viele Schüler stellen, wenn sie über Mathematik-Aufgaben brüten, dürfte für einen sehr großen Teil von ihnen eindeutig zu beantworten sein: Ja!  

„Im Zeitalter des digitalen Wandels sind fortgeschrittene Mathematikkenntnisse unverzichtbar“, sagt Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft. „Digitalkompetenzen und informatorische Kenntnisse haben durchgängig in fast allen Berufsbildern und allen Branchen an Bedeutung gewonnen“, sagt sagt Natalie Barkei, verantwortlich für das Projekt „Smart School“ bei Bitkom, dem Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche. Und mathematische Kenntnisse seien die Grundlage für Verständnis und Lernerfolg bei solchen Kompetenzen.

Aus Sicht der Unternehmen ist daher nicht der in den aktuellen Petitionen von Abiturienten angeprangerte Anspruch von Prüfungen zu beklagen, sondern vielmehr das abnehmende mathematische Bildungsniveau – und das nicht nur bei Abiturienten. „Die Mathematikkenntnisse der Schulabgänger haben sich eindeutig verschlechtert“, stellt Ohoven fest. „Das zeigt zum einen die Statistik. So sind laut Bildungsbericht 2018 die Kenntnisse in Mathematik seit der Erhebung im Jahr 2015 bei den 15-jährigen gesunken. Es wird uns aber auch durch Praxisberichte vieler Mitgliedsunternehmen bestätigt: Sie beklagen, dass die Mathematikkenntnisse der Bewerber oftmals nicht ausreichend seien. Ihre Azubis brauchten im Ergebnis mehr Unterstützung, um überhaupt den Berufsabschluss zu erreichen.“ Viele Bewerber beherrschen laut Ohoven „nicht einmal die Grundrechenarten“.

Andrew Taupitz, Inhaber einer gleichnamigen Firma für Laser- und Umformtechnik stellt außerdem seit einigen Jahren fest, dass generell die Zeugnis-Noten seiner Bewerber schlechter werden. „War vor zehn Jahren eine Durchschnittsnote zwischen 2 und 3 normal, so liegt der Durchschnitt jetzt bei 3 bis 4. Ich wehre mich allerdings gegen die Aussage, dass die jungen Leute grundsätzlich alle schlechtere Zensuren haben, denn es ist einfach so, dass diejenigen mit besseren Zeugnissen entweder Abitur machen und studieren oder als Facharbeiter in Konzerne gehen, wo sie mehr verdienen und bessere Sozialleistungen erwarten können. Da geraten wir als Mittelständler voll ins Hintertreffen.“

Schlechte Mathematik-Noten sind für Taupitz dabei ein besonderes Problem: „Tendenziell sind die mathematischen Anforderungen in unserem Unternehmen in den letzten zehn Jahren gleichgeblieben. Allerdings können wir Stellen zum Teil nicht besetzen, weil die Bewerber einfach zu schlecht sind. Mit einer 5 in Mathe kann ich keinen an einer CNC-Maschine arbeiten lassen.“

Die verstärkte Anwendungsorientierung, die in den letzten Jahren den Mathematik-Unterricht an Schulen verändert hat, sieht Ohoven eher kritisch: „Ich bin der Überzeugung, dass die Schule sich in erster Linie auf Mathematik und nicht auf deren Anwendung konzentrieren sollte.“

Um Schülern die potentielle Bedeutung von Mathematik für ihre berufliche Zukunft klarzumachen, schlägt Ohoven dagegen etwas anderes vor – und nimmt die Unternehmen dazu selbst in die Pflicht: „Generell halte ich es für sinnvoll, dass zum Beispiel mal ein Unternehmer aus der IT-Branche im Schulunterricht darüber informiert, welche mathematischen Kenntnisse in seinem Bereich unverzichtbar sind und wie sie konkret angewendet werden. Dazu ist der Mittelstand bereit.“

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