Müller soll Berlin regieren Totgesagte leben länger

Ein alter Weggefährte tritt in die Fußstapfen von Berlins Regierungschef Klaus Wowereit. Michael Müller gilt als Arbeiter unter den Politikern. Beim Glamourfaktor muss er noch nachholen.

Er war schon abgesägt, doch jetzt ist er in Berlin oben auf: Michael Müller. Quelle: REUTERS

Diesen Triumph hatte Michael Müller zwischendurch wohl schon längst abgeschrieben – nach all den Niederlagen. Als SPD-Chef abgesägt, den Volksentscheid zum Flughafen Tempelhof krachend verloren, in der Partei scheinbar auf dem Abstellgleis. Doch jetzt ist er zurück. Endlich ein Sieg, und dann auch noch bei einer Abstimmung, die wichtiger ist als alle zuvor: Der 49 Jahre alte Müller soll Berlins neuer Regierender Bürgermeister werden.

Noch vor einem halben Jahr hätte das keiner für möglich gehalten. Zwar stand Müller Wowereit politisch und menschlich schon immer sehr nah. Und vor Jahren schien sein Weg ins Rote Rathaus durchaus vorgezeichnet. Doch das alles hatte sich 2012 prinzipiell erledigt, als Müller das Amt des SPD-Landesvorsitzenden verlor.

Zwar leitete er danach mit der Stadtentwicklung weiter das größte Ressort im rot-schwarzen Berliner Senat. Doch auch das brachte ihm mehr Probleme als Applaus. Vielen galt er als führungsschwach, Parteilinken war er zu pragmatisch.

Müller steckte die Niederlage weg, wie so viele danach auch. Statt sich beleidigt zurückzuziehen, vergrub er sich tapfer in der Arbeit: Wohnungsbau, günstige Mieten, die S-Bahn. Jetzt schließt sich ein Kreis. Denn der künftige Regierungschef triumphiert ausgerechnet über den Mann, der ihn damals von der SPD-Spitze und ins Abseits drängte: SPD-Landeschef Jan Stöß.

Noch immer hat der gebürtige Berliner Müller den Ruf, zwar freundlich und fachlich hervorragend zu sein, aber blass in der Öffentlichkeit. Einfach zu wenig „Typ“. Ausgerechnet dieses Biedermann-Image aber wusste er im Wahlkampf um die Wowereit-Nachfolge geschickt zu nutzen. Berlin brauche nach den aufregenden Wowi-Jahren etwas Ruhe, sagte er – und gab selbstkritisch zu, beim Glamourfaktor „noch Luft nach oben“ zu haben. Das zog.

Mit seiner Kandidatur hatte sich Müller anders als die anderen nach Wowereits Rücktrittsankündigung mehrere Tage Zeit gelassen. „Es gab keinen Grund, innerhalb weniger Stunden auf alles eine Antwort zu geben“, sagte er. Erst einmal habe Wowereit das Recht gehabt, allein im Rampenlicht zu stehen. Auch diese Geste des Respekts kam bei der SPD-Basis an.

Doch der zweifache Vater hat auch mit sich gerungen. Das Regierungsamt wird den Alltag seiner Familie durcheinanderwirbeln. Seine Tochter dürfte in der Schule nun noch häufiger auf ihren Vater angesprochen werden – und wohl nicht immer nur positiv.

18 Jahre lang war Müller Abgeordneter, zehn Jahre Fraktionschef, acht Jahre Parteivorsitzender, der zweitmächtigste Mann in der damals rot-roten Koalition, und schließlich – bis Dezember – drei Jahre Senator. Nun krönt der Mann mit der großen runden Brille seine politische Karriere.

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