Müller und Gröhe in Afrika Der Drängler und der Duldsame

Entwicklungsminister Gerd Müller und Gesundheitsminister Hermann Gröhe besuchen Westafrika. Bevor es ins von Ebola betroffene Liberia geht, machen sie im Nachbarland Ghana Station.

Gerd Müller und Hermann Gröhe unterhalten sich im Kofi Annan International Peacekeeping Training Centre mit Generalmajor Obed Akwa Quelle: dpa

Bundesentwicklungsminister Gerd Müller bringt den deutschen Botschafter in Ghana noch in der Lounge des Flughafens in Verlegenheit. Eigentlich ist der Minister in Westafrika, um sich über das tödliche Virus Ebola und die Folgen für die drei schwer betroffenen Nachbarländer zu informieren, will aber erst einmal zu einer Schrotthalde.

Denn am Rande der Hauptstadt Accra befindet sich die weltgrößte Halde mit Fernsehern, Computern und anderem Elektroschrott, der auch aus Deutschland nach Ghana verschifft wird. Dort schlachten Firmen, oft auch Kinder, die Geräte aus und versuchen Rohstoffe wiederzugewinnen. Gesund oder gar umweltschonend ist das nicht. Müller: "Das muss doch zu machen sein, dass wir auf dem Weg zum Termin jetzt da vorbei fahren. Schließlich ist das hier das Ende unseres Konsums ins Deutschland, da darf man nicht wegschauen."

Die schlimmsten Epidemien der Neuzeit
Schatten auf dem Röntgenbild der Lunge: Nach Angaben des Robert Koch-Instituts ist die Tuberkulose (TB) trotz sinkender Todesfallraten – 1990 bis 2012 um 45 Prozent – noch die weltweit am häufigsten zum Tode führende heilbare Infektionskrankheit. Erreger sind Bakterien, die durch Tröpfchen in der Luft übertragen werden. Erkrankte leiden unter Kraftlosigkeit, Gewichtsabnahme und andauerndem Husten. Quelle: AP
Eine TB-erkrankte Patientin in einem Krankenhaus in Kampala, Uganda: In der Regel kann TB mit Antibiotika behandelt werden. Tuberkulose tritt heute vor allem in Ländern mit einer schlechten medizinischen Versorgung, Kriegs- und Krisenregionen auf – besonders in Staaten südlich der Sahara und in Südostasien. 2012 registrierte die WHO weltweit 8,8 Millionen Erkrankungen und 1,3 Millionen Todesfälle. Quelle: AP
Internationale Aids-Konferenz in Melbourne: Das Humane Immunschwächevirus (HIV) wird vor allem durch ungeschützten Geschlechtsverkehr und infizierte Injektionsnadeln übertragen. Der Erreger legt unter anderem bestimmte Immunzellen lahm. Nach einer erkannten HIV-Infektion lassen sich Ausbruch und Symptome von Aids (Acquired Immune Deficiency Syndrome, Erworbenes Immunschwäche-Syndrom) heute mit Medikamenten bekämpfen. Quelle: REUTERS
Eine Heilung von Aids ist aber nicht möglich. Nach UN-Angaben waren 2013 weltweit rund 35 Millionen Menschen mit HIV infiziert. Nach Daten des UN-Programms zur Aids-Bekämpfung UNAIDS starben etwa 1,5 Millionen Menschen daran. Besonders stark betroffen ist Afrika. Quelle: dpa
Anopheles-Mücke: Malaria wird durch ihren Stick übertragen. Die lebensbedrohliche Infektionskrankheit kann geheilt werden, viele Erkrankte sterben aber wegen mangelnder medizinischer Versorgung. Laut WHO erreichte Malaria ihren Höhepunkt 2004 mit 232 Millionen Erkrankten und 1,2 Millionen Toten. Die meisten Fälle waren in Afrika südlich der Sahara und in Indien zu beobachten. Seitdem hat die Zahl der Malaria-Toten jedoch in vielen Ländern abgenommen. 2013 starben weltweit noch 855.000 Menschen an der Tropenkrankheit. Rund 90 Prozent davon sind Kinder unter fünf Jahren in Afrika. Quelle: dpa
Cholera: Die Durchfallerkrankung wird durch das Bakterium Vibrio cholerae ausgelöst, das im Darm ein Gift bildet. Ursachen sind Trinkwasser, das mit Fäkalien oder Erbrochenem von Erkrankten verschmutzt ist, und verunreinigte Lebensmittel. Etwa 80 Prozent der Infektionen verlaufen milde. In schweren Fällen können aber Flüssigkeits- und Salzverlust in Stunden zu Kreislaufkollaps, Muskelkrämpfen bis zum Schock und Tod führen. Quelle: dpa
Im 19. Jahrhundert hatte sich die Cholera vom Ganges-Delta in Indien über die ganze Welt ausgebreitet. Sechs Pandemien in Folge töteten Millionen Menschen. Die siebente Pandemie brach 1961 aus. Die WHO geht von jährlich drei bis fünf Millionen Erkrankungen und 100.000 bis 120.000 Todesfällen aus, vor allem in Afrika, Südamerika, Südostasien und im Westpazifik. Quelle: dpa Quelle: REUTERS

Ein typischer Müller - freundlich, aber drängelnd, und nur ein Minimum auf Etikette bedacht. Ohnehin war die Bundeswehrmaschine mit dem CSU-Politiker und Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) eine halbe Stunde zu früh gelandet, die Einreiseformalia unerwartet flott vorangegangen. Botschafter Rüdiger John windet sich sichtlich, meint, die Halde sei wohl zu weit draußen für einen Abstecher. Müller: "Wie heißt der Schrottplatz nochmal? Wir haben doch Zeit." John muss einräumen, dass er den Namen nicht kennt, wohl aber manchmal auf Accras Straßen die hoch mit Elektroschrott beladenen Lkw sieht. John hält solche Ortskenntnisse für Diplomaten womöglich für eher nebensächlich. Müller nicht.

Noch ist die Gefahr nicht gebannt

Der erste Termin geht dann doch wie geplant im Kofi Annan International Peacekeeping Training Centre (KAIPTC) los. Dort werden Militärs, Polizisten und Zivile aus Westafrika ausgebildet, nach Kriegen wieder Frieden zu schaffen und bei der Versöhnung zu helfen. Auch in den von Ebola betroffenen Nachbarländern haben Konflikte die Menschen beeinträchtigt. Die Folgen sind bis heute spürbar. Ghana ist für die Minister wichtig: Im Gegensatz zu Liberia, Sierra Leone und Guinea hat das Land ein recht ordentliches Gesundheitssystem. Daher könnte es beim Ausbruch ansteckender und unheilbarer Krankheiten künftig eine wichtige Rolle spielen. Zwischen 2014 und heute starben mehr als 10.000 Menschen an Ebola. Noch ist die Gefahr nicht gebannt.

Das ist das Ebola-Virus

Müller ist ein Fan von Gruppenfotos und stellt sich sogleich mit dem Leiter des Zentrums, dem ghanaischen Generalmajor Obed Boamah Akwa, vor das Bildnis des ehemaligen Uno-Generalsekretärs Annan, der aus Ghana stammt und Namensgeber ist. Etwas zögernd tritt auch Kabinettskollege Gröhe hinzu, doch die Bühne bespielt Müller, der mit dem Generalmajor schäkert. Ab und an schießt ein belehrender Zeigefinger Müllers nach oben. Der sehr umgängliche Generalmajor lässt es lächelnd geschehen.

Hinter dem Eingang stoßen die beiden Minister auf ein großes Foto des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, der hier vor gut zehn Jahren wohl bei der Eröffnung das Band durchschnitt. "Gerhard Schröder Hall" steht da, der Korridor vor dem großen Saal ist so benannt.

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