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Nach Bayern auch Mecklenburg-Vorpommern Sputnik V: Bestellt jetzt jedes Bundesland für sich alleine?

Mecklenburg-Vorpommern sichert sich über einen Vertrag eine Million Impfdosen von Sputnik V, der Bund soll dafür zehn Millionen Euro zahlen. Quelle: dpa

Nach Bayern kündigt auch Mecklenburg-Vorpommern einen Alleingang seines Landes an. Über einen Vertrag sichert sich Mecklenburg-Vorpommern eine Millionen Impfdosen von Sputnik V. Die Kritik an den Sonderwegen wächst.

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„Wir sind interessiert an langfristigen Kooperationen mit Russland“, begründet Mecklenburg-Vorpommerns Landesgesundheitsminister Harry Glawe (CDU) den umstrittenen Schritt. Deswegen wolle man nun auch prüfen, ob in Mecklenburg-Vorpommern ansässige Firmen den Impfstoff sogar abfüllen können. Nach Bayern kündigte am Donnerstag damit das zweite Bundesland einen Alleingang in Sachen Sputnik-V an. Das Land sichert sich über einen Vertrag eine Million Impfdosen des russischen Vakzins. Der Bund solle dafür zehn Millionen Euro zahlen, bestätigte das Wirtschaftsministerium in Schwerin. Durch die Debatte rund um einen Einsatz des russischen Covid-19-Impfstoffs scheint nicht nur in Europa, sondern nun sogar in den deutschen Bundesländer ein immer größerer Flickenteppich zu entstehen.

Mecklenburg-Vorpommern selbst sieht in der Entscheidung kein Problem: Man müsse auch eigene Wege, um das Tempo und die Planbarkeit der Impfungen zu verbessern. „Wir sind aktuell noch in einer Phase, wo es große Abhängigkeiten von noch zu wenigen Herstellern gibt“, begründete Glawe den Vorstoß.

Doch Kritik ist schon vorprogrammiert. Die musste schon gestern Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) für seine Ankündigung einstecken, dass Bayern selbst einen Vertrag für die Lieferung von 2,5 Millionen Impfdosen Sputnik V für den Freistaat abschließe. Niedersachsen werde nicht im Alleingang vorgehen, betonte dagegen etwa Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) im ZDF. „Wir halten uns an das vereinbarten Verfahren. Dass das ausgerechnet derjenige Kollege macht, der ansonsten mit markigen Worten immer ein betont einheitliches Verhalten in der Pandemie-Bekämpfung fordert, das spricht doch für sich“, fügte Weil hinzu. Auch der Vorsitzende der ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, äußert Kritik im ZDF an dem bayerischen Alleingang.

Spahn will Vertrag für Deutschland

Ob die Ankündigung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Donnerstag einen größeren Streit abwenden kann, bleibt abzuwarten. Er kündigte an, dass Deutschland einen Vertrag mit dem Hersteller des russischen Impfstoffs Sputnik V abschließen will. Gegenüber dem WDR 5 bestätigte Spahn damit einen Reuters-Bericht von Mittwochabend. Eingesetzt werden soll der Impfstoff aber erst nach einer Zulassung durch die europäische Arzneimittelbehörde EMA. „Das ist der richtige Weg, ich begrüße das Vorgehen des Bundes“, sagte Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff der Nachrichtenagentur Reuters.



Spahn hatte das deutsche Vorgehen am Mittwochabend im Kreis der EU-Gesundheitsminister bekanntgegeben, nachdem die EU-Kommission erneut kein Interesse an einem Vorvertrag zu Sputnik V signalisiert hatte. Nun müsse man darüber reden, wann überhaupt welche Mengen kommen könnten, sagte der CDU-Politiker im WDR 5.

„Wissen Sie, im vierten Quartal oder 2022 kann man auch noch Sputnik V vielleicht brauchen, aber um wirklich einen Unterschied zu machen, in unserer aktuellen Lage, müsste die Lieferung schon in den nächsten zwei bis vier-fünf Monaten kommen, ansonsten haben wir so oder so mehr als genug Impfstoff“, sagte Spahn. Er erwarte eine verbindliche Aussage, wann welche Menge konkret nach einer Zulassung auch Deutschland erreichen könnte.

Nach Informationen von Reuters wird die Taskforce Impfstoffproduktion der Bundesregierung nun Gespräche mit dem Hersteller des russischen Impfstoffs Sputnik V führen. Dabei gehe es auch um weitere Produktionsstätten in Deutschland, hieß es in Regierungskreisen. Der Taskforce gehören Vertreter des Gesundheits-, Wirtschafts- und Finanzministeriums an.

„Wir haben absolut keinen Bedarf an Sputnik V“

Ob Deutschland und Europa aber überhaupt den russischen Impfstoff Sputnik V brauchen ist umstritten. Je nachdem, wann eine Zulassung erfolgt könnte er wohl keinen großen Einfluss mehr auf die Impfkampagne haben. Thierry Breton, der zuständige EU-Kommissar für Binnenmarkt und Dienstleistungen und Leiter der Impfstoff Task-Force der EU, erklärte jüngst gegenüber dem französischen Fernsehsender TF1: „Wir haben absolut keinen Bedarf an Sputnik V“. Allein mit den in Europa hergestellten Impfdosen, die er auf 300 bis 350 Millionen beziffert, könne schon bis zum 14. Juli eine „Herdenimmunität“ auf dem gesamten Kontinent erreicht werden. Aus Sicht von Breton sollte die EU europäischen Impfstoffen den Vorrang geben. Einer Produktion des russischen Vakzins in Europa stehe er allerdings aufgeschlossen gegenüber.

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Die Reaktion der russischen Impfstoff-Hersteller ließ dann allerdings nicht lange auf sich warten. Via Twitter warfen der Russian Direct Investment Fund und das Gamaleya National Center, das den Impfstoff entwickelt hat, Breton Voreingenommenheit gegenüber Russland vor. Der russische Impfstoff sei „wirksamer und sicherer“ als einige der in der EU zugelassenen Impfstoffe. Europäer würden sich eine Auswahl an sicheren und effizienten Impfstoffen wünschen, die die EU bislang nicht liefern würde.

Mehr zum Thema: Ein Investment-Profi mit US-Erfahrung und ein alter Fuchs der sowjetischen Wissenschaft sind die beiden Gesichter von Sputnik V in Russland. Sie könnten unterschiedlicher kaum sein.

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