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Nach Corona-Ausbruch auf Sylt „Ich glaube nicht, dass die Bundespolizei die Gäste empfangen sollte”

Sylts Bürgermeister Nikolas Häckel fordert engmaschigere Tests – auch für Gastronomie-Mitarbeiter. Quelle: PR

Der Sylter Bürgermeister Nikolas Häckel spricht im Interview über den Corona-Ausbruch in zwei Restaurants auf der Insel, die Kinderkrankheiten der Öffnung für Urlauber und die vermeintlichen Vorteile einer Insellage.

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Nikolas Häckel ist auf Sylt geboren und studierter Verwaltungswirt. Seit 2015 ist der parteilose Politiker Bürgermeister der Inselgemeinde.

WirtschaftsWoche: Herr Häckel, Sie haben im Interview mit der WirtschaftsWoche Anfang Mai eine positive Zwischenbilanz für das Modellprojekt auf Sylt gezogen. Vergangene Woche wurden dann sieben Mitarbeiter aus zwei Restaurants positiv auf das Coronavirus getestet. 29 Mitarbeiter und 55 Gäste mussten anschließend in Quarantäne, über 1000 Kontaktpersonen wurden ermittelt. Ist das Modellprojekt auf den letzten Metern noch gescheitert?
Nikolas Häckel: Die aktuellen Fälle sind nach dem Abschluss unseres Modellprojektes aufgetreten, im normalen Regelbetrieb nach der Landesverordnung in Schleswig-Holstein. Der Regelbetrieb ist in Sachen Teststrategie leider nicht so engmaschig, wie es unser Modellprojekt war. Jetzt kann man spekulieren, ob unser Modellprojekt sicher war und ob die jetzige Lockerung durch die Landesverordnung nicht dazu beigetragen hat, dass wir ein neues Infektionsgeschehen haben. Aber ich bin kein Spekulant. Das ist unsachlich. Ich bin der Meinung, dass zwei Tests pro Woche nicht engmaschig genug sind, und ich habe an alle Sylter und alle Gäste appelliert, sich öfter testen zu lassen. Ich selbst mache das täglich.

Sie haben es schon angesprochen: Am 17. Mai wurden die Modellregionen in eine Verordnung des Landes Schleswig-Holstein überführt. Im ganzen Bundesland gelten jetzt einheitliche Regeln. Sie sind mit dem Übergang also nicht zufrieden?
Zunächst war unser Konzept für die Modellregion schon strenger als das Konzept des Kreises Nordfriesland für die Modellregion. Da haben wir schon einen Schritt zurück gemacht bei der Sicherheit. Die Landesverordnung ist wieder ein kleines Stückchen weniger eng gefasst. Mir ist wichtig, dass sich die Gäste zu Hause testen und nur negativ-getestet anreisen. Damit wir auf der Insel mit unseren beschränkten Möglichkeiten, was die Bewältigung von schweren Verläufen angeht, die bestmögliche Sicherheit bieten.

Was lässt sich aus den Fällen im Restaurant für die Zukunft lernen?
Ich hoffe, dass die Menschen daraus lernen, sich engmaschiger testen zu lassen. Wir erwarten das ja auch von unseren Gästen, wenn sie in die Gastronomie wollen. Gastronomen müssen natürlich den Gästen die gleiche Sicherheit bieten und ihre Mitarbeiter öfter als zwei Mal die Woche testen lassen.

Einer der Restaurantbesitzer hat sich über die Öffnung für Urlauber beschwert und sich gefragt, warum Urlauber nicht direkt bei der Ankunft oder vor der Abfahrt getestet werden, sondern erst im Hotel einen Test vorlegen müssen...
Ich habe immer schon gefordert: Lassen Sie sich zu Hause testen und kommen Sie mit einem negativen Test auf die Insel. Es macht keinen Sinn, erst hier zu testen. Dann ist die Infektion ja schon auf der Insel. Das wurde in der Landesverordnung auch so übernommen. Die Menschen sollen mit einem negativen Test anreisen. Aber natürlich können wir die Kontrolle erst hier vor Ort machen, wenn die Gäste am Check-In sind. Und wenn da sauber geprüft wird, ob ein negatives Testergebnis vorliegt, sind wir sicher. Außerdem waren im Fall der beiden Gastronomen Mitarbeiter infiziert. Da frage ich mich eher: Warum haben die Gastronomen die Mitarbeiter nicht enger testen lassen?

Werden Sie künftig den Vorteil einer Insel stärker ausspielen
Wir können keinen Vorteil als Insel ausspielen, auch jetzt nicht in der Landesverordnung. Der einzige Moment, wo wir einen Vorteil durch die Insellage hatten, war im ersten Lockdown. Da haben wir die klare Ansage vom Kreis Nordfriesland erhalten, dass es ein Einreiseverbot auf die Insel gibt. Das war aber nur eine kurze Phase. Da hatten wir den Vorteil der Abgeschiedenheit, weil es keine Möglichkeit gab, auf die Insel zu kommen. Den Vorteil haben wir aber schon lange nicht mehr.



Wäre es nicht möglich die Tests direkt bei Einreise auf die Insel zu kontrollieren?
Im ersten Lockdown war die Bundespolizei im Einsatz, um den Zugang zur Insel zu kontrollieren. Ich glaube nicht, dass es vorteilhaft ist, mit der Bundespolizei die Gäste zu begrüßen und sich da das Testergebnis vorlegen zu lassen. Das schießt doch über das Ziel hinaus. Unsere Gastronomen und die Hotellerie sollten so ehrlich und verantwortungsvoll sein, dass sie die Tests gewissenhaft dokumentieren.

Bleibt es nach einem Monat bei der positiven Bilanz der Öffnung für Touristen?
Wir wurden ja geöffnet. Das haben wir nicht selbst gemacht. Wir haben mit einer sehr starken Präsenz von Polizei, Ordnungs- und Gesundheitsamt gearbeitet und so die Anfangsschwierigkeiten nach der Öffnung gut bewältigt haben. Wir brauchten Zeit uns einzugewöhnen. Aber wir haben keine größeren Ausbruchsgeschehen über die zwei Restaurants hinaus.

Was waren das für Anfangsschwierigkeiten?
Zum Beispiel, wenn die Abstände der Tische nicht ganz eingehalten wurden. Oder wenn die Plexiglaswände nicht hoch oder tief genug waren. Wenn es keine vorliegenden Hygienekonzepte gab oder ein Pissoir mal nicht abgeklebt war. Solche Kinderkrankheiten hatten wir natürlich.

Sie haben sicherlich jede Menge Rückmeldungen von Hotels, Gastronomie und allen anderen Syltern erhalten. Wo gibt es noch Verbesserungsbedarf?
Ganz klar bei der Impfung der Bevölkerung. Das ist immer noch sehr unbefriedigend. Wenn man viele Gäste aus ganz Deutschland empfängt, aber selbst nur eine geringe Impfquote hat, ist das frustrierend. Im Kreis sind wir gerade mal bei 15 Prozent geimpften Menschen. Das macht vielen Menschen selbstverständlich Angst.

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Wie geht es jetzt auf Sylt weiter?
Wir müssen der Landesverordnung folgen. Da haben wir auch gar keine anderen Möglichkeiten.

Was erhoffen Sie sich denn von der Sommer- und Herbstsaison?
Ich hoffe, dass sich alle an die gültigen Corona-Regeln halten und dass wir eine höhere Impfquote erreichen. Vor allem hoffe ich, dass wir sorgsam genug sind, um gut durch die Saison zu kommen.

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