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Nach den Übergriffen von Köln

#Medienkrise

Meinungsmanagement auf der Basis von Vorurteilen - der Journalismus stellt sich mit der Berichterstattung über ausländische Sexhooligans in Köln ein schlimmes Zeugnis aus. Was tun? Blöde Frage. Zurück zu den Fakten natürlich! Eine Kolumne.

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Silvester-Übergriffe in Köln Quelle: dpa Picture-Alliance

Zu den größten Illusionen, die sich so mancher Ü-30-Leser noch immer von den digitalen Medien macht, gehört die altmodische Vorstellung, ein Ereignis müsse seiner journalistischen Bewertung vorausgehen. Das ist erkennbar nicht mehr der Fall. Vielmehr ist es so, dass die Bewertung eines Ereignisses in Redaktionen und Textwerkstätten heute wortwörtlich „auf Taste“ liegt, das heißt: Der in der ständigen Gegenwart des Nachrichtenflusses arretierte Online-Redakteur oder Blogger greift nicht mehr bei Bedarf in den Schrank sorgfältig ausgesuchter Argumente, sondern streut seine Vorurteile auf Verdacht aus, wann immer er seinen Meinungsvorrat übers Internet mit der Welt kurzschließt und dabei versehentlich den Copy-and-Paste-Modus aktiviert.

So jedenfalls steht es entweder in seinem Arbeitsvertrag - oder so jedenfalls sieht es sein Selbstverständnis vor. Nachgereicht wird dem Leser allenfalls die Schilderung eines Ereignisses, dessen aktivistische Bewertung und Einordnung längst vorgenommen wurde. Anders gesagt: Was Kriminalisten die Verheißung eines Predictive-Crime-Managements im Wege datengestützter Wahrscheinlichkeitsrechnung ist, ist Echtzeit-Journalisten die Realität eines Preemptive-News-Managements auf der Basis prästabilierter Engstirnigkeit.

Die Berichterstattung über die systematische sexuelle Belästigung und Nötigung vieler Frauen rund um den Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht bietet Beispiele zuhauf für diesen bestürzenden Befund. Während Politiker die Gewaltsamkeiten wie üblich reflexhaft und wortreich befloskelten („Mit der vollen Härte des Gesetzes“… „wird in keiner Weise toleriert“… „wird konsequent zur Rechenschaft gezogen“…) und in einen Überbietungswettbewerb der realpolitisch so sinn- wie folgenlosen Sofortreaktion einstiegen (schnellere Abschiebung, noch schnellere Ausweisung…), stürzten sich viele Journalisten sogleich in die aktivismuspublizistische Ausbeutung der Ereignisse: in vergleichende Verharmlosung und akademische Relativierung, in xenophobe Zuspitzung und giftige Generalisierung - ganz so, als wären die Gewalttaten und Leiden der Opfer ohne ihre standrechtliche Auslegung nicht der Rede wert.

Was hat man nicht alles für einen Stuss gelesen in den vergangenen Tagen? Einige hielten es für angebracht, an Vergewaltigungen während des Oktoberfests zu erinnern: Ja mei, trinken, grapschen, schänden - ist halt eine Universalie… Andere wiesen auf deutsche Männer hin, die ihr Erspartes gerne im Puff verjubeln: Schweine auch sie, sollen jetzt bloß nicht moralisch tun… Und natürlich musste Verleger Jakob Augstein mal wieder eilig darauf hinweisen, dass seiner Meinung nach „ein paar grapschende Ausländer“ reichen, damit in Deutschland „der Firnis der Zivilisation“ reißt: „Jeder wollte sofort daran glauben“, so Augstein, dass in Köln „1000 Nordafrikaner“ ihr Unwesen getrieben haben, weil „der triebhafte Araber eine Erfindung des Westens“ und „der Orient seit jeher der Ort“ für unsere „sexuellen Projektionen“ sei.

Man fragt sich wirklich, wie weltentrückt und empathiearm, wie gefangen in theroriestabilen Weltbildern, wie goldgekettet an seinen Kolumnisten-Schreibtisch man eigentlich sein muss, um Opfer sexueller Gewalt mit Balzac-Lektüren und Serail-Fantasien zu behelligen. Man sollte Augstein dazu verdonnern, Aug’ in Aug’ mit den verunsicherten Frauen aus Köln, Hamburg, Düsseldorf über „Erfindungen“ und „Projektionen“ zu sprechen.

Eine vergeistigt-subtilen Weltblindheit

Vollends deprimierend ist, dass Augsteins kultureller Selbsthass unter feministischen Vorzeichen noch steigerungsfähig ist. In der aktuellen Ausgabe des „Philosophie-Magazins“ etwa antwortet die Münchener Literatur-Professorin Barbara Vinken auf die Frage, ob der hohe Anteil (muslimischer) Männer unter den Flüchtlingen aus feministischer Sicht eine Herausforderung darstelle: „Der Diskurs über den Orient und seine so vielversprechende wie bedrohliche Sexualität scheint mir, kurz gesagt, Symptom von Kastrationsangst… Sollten wir nicht hoffen, dass die neuen Männer, seien es Syrer oder Araber, ihren Frauenkult mitbringen und altdeutsche Ängste beschämen?“ Offen gestanden, Frau Vinken: Vielleicht sollten wir das eher nicht hoffen. Nun sei zugestanden, dass Barbara Vinken das Stück ganz sicher vor den Ereignissen in Köln geschrieben hat. Allein: Das macht es nicht besser. In welche Multikulti-Träume oder literarische Gegenwelten muss man versponnen sein, um mit Blick auf den heutigen Oman oder Kuwait an den „Frauenkult der Araber“ zu denken?

Der vergeistigt-subtilen Weltblindheit auf der gefühlslinken Seite steht die rhetorisch robuste Ideologie der nationalbürgerlichen Rechten gegenüber, die ganz bewusst Vokabeln der Vorgeschichtlichkeit und Barbarei („Jagd“, „Horde“, „Freiwild“) benutzt, um in den Köpfen der Menschen eine unüberbrückbare Kluft zwischen „kultivierten Deutschen“ und „arabischen Wüstlingen“ herzustellen: Nicht mit ihrer Berichterstattung an sich, wohl aber mit ihrer Wortwahl instrumentalisieren sie die schlimmen Ereignisse in Köln, um die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin zu korrigieren. Das ist vor allem deshalb leicht zu durchschauen, weil der Wille zu Einäugigkeit bei den einschlägigen Autoren (etwa auf dem Portal des ehemaligen WiWo-Chefredakteurs Roland Tichy) nachweislich ausgeprägt ist.

Wer in selbstheroischer Absicht von sich annimmt, das Nachrichten- und Meinungswesen in Deutschland werde von linksgrünen „Gutmenschen“ beherrscht, in deren Köpfen lauter Scheren klappern (eine Polemik dazu hier) wer sich in Szene setzt als unbequeme Stimme, die dem sozialdemokratisierten „Mainstream“ den Spiegel seiner systemkongruenten Verlogenheit vorhält, wer von sich annimmt, das aus „politischer Korrektheit“ kartellhaft Beschwiegene öffentlich machen zu müssen, kurz: wer sich imaginiert als eine Art Freiheits- und Wahrheitspartisan im Kampf gegen die Übermacht der „Lügenpresse“, der bringt bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu wenig Unverständnis auf für den Sittenverfall auf Seiten „besorgter Bürger“.

Das Ergebnis ist nicht nur eine peinlich polare, sondern auch eine peinlich beschädigte Medienlandschaft. Das ZDF zum Beispiel meinte vergangene Woche allen Ernstes eine Entschuldigung veröffentlichen zu müssen: Sie war der Meinung, über die Ereignisse in Köln zu spät berichtet zu haben. Was soll das? Fängt das Gift des „Lügenpresse“-Vorwurfs tatsächlich schon zu wirken an? Wie ist es um das Selbstbewusstsein einer Branche bestellt, die nicht die Souveränität besitzt, einen milden Shitstorm von twitternden Verirrten auszuhalten, die Parallelen zwischen der deutschen und neupolnischen (oder russischen) Presselandschaft ziehen?

Die rhetorische Zündelei "besorgter Bürger"

Wenn es ein Problem im Journalismus gibt, dann doch wohl nicht deshalb, weil Dinge zwei Tage später ans Licht kommen, sondern weil zwei Tage vorher über Dinge geurteilt wird, die noch nicht bekannt sind. Und wenn es ein zweites, vielleicht noch schwerer wiegendes Problem gibt, dann doch wohl dies: Dass zwischen der emo-juvenilen Hayalisierung der Nachrichten einerseits, in denen das „Gute“ mit einer Überdosis mentalem Positivismus tatsächlich zum politpublizistischen Programm geworden ist, in dem beispielsweise der „Wir-schaffen-das“-Optimismus des Kanzleramts medial nachgespurt wird, und der rhetorischen Zündelei „besorgter Bürger“ auf Facebook und Twitter andererseits, die sich der Kultivierung ihrer Ressentiments gewidmet und in einen Fundamentalwiderstand zum System halluziniert haben, der Platz erschreckend eng geworden ist für das publizistische Brot-und-Butter-Geschäft: Berichten, was ist. Einordnen, was war. Streiten über, was sein soll (mehr zu den Problemen im Journalismus hier).

Zu den Bedingungen und Voraussetzungen dieses neuen, kontraaufklärerischen Zugangs zur Welt gehören nicht nur die digitale Entmaterialisierung von Information. Nicht nur der dadurch noch einmal gestiegene Beschleunigungs- und Exklusivitätsdruck der Medien. Nicht nur die wachsende Konkurrenz des digitalisierten Nachrichtengeschäfts mit Unterhaltungsformaten auf Tablet und Smartphone.

Nicht nur die deutlich höhere Attraktivität und Netz-Resonanz (!) von Meinungsbeiträgen gegenüber ausgenüchterter Sachberichterstattung (Klickzahlen). Und auch nicht nur die branchentypische Neigung zur Selbstverbilligung ihrer Produkte (Kostenlos-Kultur), die das Berufsbild des Journalisten aldisiert hat. Sondern vor allem die Allgegegenwart der asozialen Medien, das heißt: die jedem Facebook-Nutzer heutzutage offen stehende Möglichkeit, seine Gedanken in Echtzeit duplizieren, seine Wahrnehmung der Welt kommentierend verdoppeln - sich als semiprofessioneller Journalist produzieren zu können.

Apologeten des Fortschritts haben das als Gewinn an Rückkopplung und informationeller Selbstbestimmung, ja als technologische Durchsetzung eines herrschaftsfreien Diskurses begrüßt: Es gibt keine elitären Türwächter von Nachrichten mehr, keine Kuratoren, die darüber befinden können, was relevant ist und was nicht. Zu den Kehrseiten der Entwicklung allerdings gehört die Zerstörung eines geteilten öffentlichen Raumes, in dem Argumente geprüft und gewogen werden, Meinungen sich bewähren und gegen Widerspruch durchsetzen müssen.

Nichts beschönigen. Nichts weglassen. Einordnen.

Der völkisch gesinnte Dorffaschist, der beim Sonntagsfrühschoppen vor dreißig Jahren noch ganz allein an der Theke saß, um sein Ressentiment ins sechste Pils zu rülpsen, darf sich heute der Anerkennung aller Dorffaschisten Deutschlands erfreuen, die sich mit ihm rund um die Uhr zum Deutschland-Club der Dorffaschisten verbünden. Seine Meinung muss sich nicht mehr im argumentativen Wettstreit bewähren und sein „Argument“ kann so stumpf, hohl und leer sein, wie es will - der Dorffaschist von heute macht die beglückende Erfahrung, dass seine Meinung buchstäblich zählt (von Mitgliedern der Peer-Group geliked wird).

Was tun? Blöde Frage. Zurück zu den Fakten natürlich, auf den Tisch damit. Nichts beschönigen. Nichts aufrechnen. Nichts weglassen. Nichts relativieren. Zurück zu den Argumenten, auf den Tisch damit. Einordnen. Vergleichen. Kommentieren. Diskutieren. Mehr Fragen, weniger Antworten - und möglichst keine Ausrufezeichen. Zurück zu den Selbstverständlichkeiten auch. Sich mit nichts und niemandem gemein machen, mit keiner „schlechten“ Sache, mit keiner „guten“ Sache.

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Sich selbst gegenüber wachsam bleiben, nein: sich stets verdächtig sein, das vor allem. Der Medienphilosoph Norbert Bolz hat vollkommen Recht, wenn er in einem bemerkenswerten Interview mit der WirtschaftsWoche sagt: „Wir leben in einem Land, in dem es so viel formale Freiheit gibt wie noch nie zuvor in der Geschichte“ - und zugleich „in einem derartigen Einschüchterungsklima, dass wir uns nicht mehr trauen, die einfachsten Sachverhalte naiv auszusprechen“.

Anders gesagt: Worauf es ankommt, ist nicht nur eine Entgiftung des öffentlichen Raumes, sondern auch seine erneute Öffnung. Der öffentliche Raum ist nicht nur in die Hände von Interessierten geraten, von Aktivisten und Propagandisten mit einer politischen Agenda. Sondern in ihm ist auch längst nicht mehr das Selbstverständliche selbstverständlich. Welchen Journalisten oder Facebooker das auch immer besorgt - er sollte sich weniger „Sorgen“ machen.

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