Nach der Bundestagswahl Kipping fordert zu Kampf für Mindestlohn auf

Die Linkspartei-Vorsitzende hat SPD und Grüne aufgefordert, die gemeinsame Mehrheit im Bundestag zu nutzen und einen gesetzlichen Mindestlohn zu beschließen. Derweil wirbt Fraktionschef Gregor Gysi weiter für rot-rot-grüne Koalitionsverhandlungen.

Die Vorsitzende der Partei Die Linke, Katja Kipping, und der Vorsitzende der Linke-Bundestagsfraktion Gregor Gysi. Quelle: dpa

Die Vorsitzende der Linkspartei, Katja Kipping, hat SPD und Grüne aufgefordert, die gemeinsame Mehrheit im Bundestag vor der Regierungsbildung zu nutzen und einen Mindestlohn durchzusetzen. „Ich prognostiziere, dass es lange bis zur Bildung einer Regierung dauern wird“, sagte sie der „Mitteldeutschen Zeitung“. „Damit entsteht ein Zeitfenster. Im Bundestag gibt es eine soziale Veränderungsmehrheit. Es steht zum Beispiel 319:311 für den Mindestlohn. Das müssen wir nutzen.“

Kipping fügte hinzu: „Wir werden jetzt schnell eine entsprechende Initiative für einen flächendeckenden Mindestlohn einbringen. Wir wollen, dass der Mindestlohn wie in Großbritannien von einer Kommission der Sozialpartner festgesetzt wird. Diesen Vorschlag werden wir noch vor dem 22. Oktober vorlegen.“ Sie sei „gespannt auf die Änderungsvorschläge von SPD und Grünen. Dann können wir in eine politische Diskussion kommen.“

In welchen Branchen Mindestlöhne bereits fällig sind
FleischindustrieDie Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) fordert einen bundesweiten Mindestlohn von 8,50 Euro für die deutsche Fleischindustrie. In der Branche arbeiten rund 80.000 Arbeitnehmer. Die Bezahlung der Mitarbeiter in der Branche ist bisher über einzelne Haus- oder regionale Tarife geregelt, die nur rund 27. 000 Beschäftigte erfasst. Nach Gewerkschaftsangaben wiesen die Arbeitgeber die Forderung zurück. Dies sei zwar für den Westen möglich, kurzfristig jedoch nicht für die ostdeutschen Bundesländer. Nach mehreren Stunden vertagten die Tarifparteien die Gespräche auf den 17. Dezember. Die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns in Deutschland ist auch Ziel der SPD in ihren Koalitionsverhandlungen mit der CDU/CSU. Quelle: dpa
Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) warnt vor einem flächendeckenden Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro pro Stunde. Die Politik solle mit einer niedrigeren Lohnuntergrenze - beispielsweise bei sieben Euro - beginnen und sich langsam steigern. Insgesamt würden bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro 17 Prozent der Arbeitnehmer einen höheren Stundenlohn erhalten - die Lohnsumme würde jedoch nur um drei Prozent steigen, so das DIW. Schließlich gebe es viele Niedriglöhner, deren Partner gut verdienen. Das Plus werde dann von der Steuer gefressen. Auch Arbeitslose, die sich etwas dazu verdienen, hätten nichts vom höheren Lohn, da dieser mit den Sozialleistungen verrechnet werde. Der Mindestlohn von 8,50 Euro hätte dagegen zur Konsequenz, dass mehr Unternehmen auf Minijobs als auf Festangestellte setzen und letztlich die Preise bei den sogenannten konsumnahen Dienstleistungen steigen. Frisöre, Kleinst- und Gastronomiebetriebe würden die höheren Lohnkosten an die Kunden weitergeben. Quelle: dpa
In der Friseurbranche wird es ab August 2015 einen bundesweit einheitlichen Mindestlohn von 8,50 Euro geben. Dem Tarifvertrag wollen laut Angaben von Landesverbänden und der Gewerkschaft Verdi auch mehrere Friseurketten betreten. Bis Ende Juni soll der Vertrag von allen Seiten unterschrieben sein. Der flächendeckende Mindestlohn werde von August 2013 an in drei Stufen eingeführt. Der Osten startet mit 6,50 Euro Stundenlohn, der Westen mit 7,50 Euro. Diese verschiedenen Stufen waren nötig, weil bislang regional sehr unterschiedliche Tarifverträge existierten. In den neuen Bundesländern gab es zum Teil Ecklöhne von nur knapp mehr als drei Euro pro Stunde, wie Verdi-Verhandlungsführerin Ute Kittel sagte. Quelle: dpa
In welchen Branchen Mindestlöhne bereits fällig sindDie Zeitarbeit führt als elfte Branche in Deutschland ab dem 1. Januar 2012 Mindestlöhne ein. Festgelegt ist, dass dann bis zum 31.Oktober 7,89 Euro in Westdeutschland und 7,01 Euro in Ostdeutschland gezahlt werden müssen. Zwischen dem 1. November 2012 und dem 31. Oktober 2013 wird die Lohnuntergrenze dann auf 8,19 Euro in Westdeutschland und 7,50 Euro in Ostdeutschland angehoben. Quelle: Hans-Böckler-Stiftung Quelle: dpa
Im Wach- und Sicherheitsgewerbe gilt seit dem 1. Juni 2011 ein Mindestlohn von 6,53 Euro. Anders als in den meisten Branchen ist der Tarif hier deutschlandweit einheitlich. Zum 1. Januar 2013 sollen die Stundenlöhne steigen, die Beschäftigten können dann mit einem Tarif zwischen 7,50 Euro und 8,90 Euro rechnen. Foto: dpa   Quelle: Hans-Böckler-Stiftung
Wäschereien müssen ihren Beschäftigten im Osten 6,75 Euro die Stunde zahlen. Im Westen liegt der Mindestlohn über einen Euro höher, hier bekommen Angestellte mindestens 7,80 Euro. Quelle: dpa
Reinigungskräfte bekommen für den Innendienst einen Stundenlohn von sieben Euro (Ostdeutschland) und 8,55 Euro (Westdeutschland). Genau 2,78 Euro mehr pro Stunde… Foto: dpa
… bekommen Beschäftigte, die für die Glas- und Fassadenreinigung zuständig sind. Ihr Mindestlohn liegt bei 11,33 Euro/ Stunde. Im Osten müssen die Arbeitgeber mindestens 8,88 Euro zahlen. Foto: dpa
In der Pflegebranche erhalten knapp 600.000 Pflegekräfte seit dem 1. August 2010 einen gesetzlichen Mindestlohn. Als verbindliche Untergrenze gilt seitdem ein Stundenlohn von 8,50 Euro in Westdeutschland sowie von 7,50 Euro in den ostdeutschen Bundesländern. Im Januar 2012 und im Juli 2013 werden die Sätze noch einmal um jeweils 25 Cent angehoben. Foto: AP
Auch in der Abfallwirtschaft gelten gesetzliche Mindestlöhne. Deutschlandweit bekommen die Beschäftigten seit dem 1. November Minimum 8,33 Euro je Arbeitsstunde. Damit stiegt der Satz im Vergleich zum Vormonat um neun Cent. Foto: AP
Knapp unter zehn Euro bekommen die Beschäftigten im Elektrohandwerk. Hier liegt der Mindestlohn in den westdeutschen Bundesländern und Berlin bei 9,70 Euro. Ihre ostdeutschen Kollegen bekommen nur 8,40 Euro. Foto: AP
Ungelernte Maler und Lackierer bekommen deutschlandweit einen Stundenlohn von mindestens 9,75 Euro. Gesellen haben in Westdeutschland einen Anspruch auf einen Mindestlohn in Höhe von 11,25 Euro. Foto: ZB
Im Bauhauptgewerbe, das die Ausführung des Rohbaus in Hoch- und Tiefbau sowie Straßen- und Landschaftsbau umfasst, bekommen Hilfsarbeiter und Facharbeiter in Ostdeutschland 9,75 Euro. Zum ersten Januar steigt dieser Satz für Hilfsarbeiter auf zehn Euro. In Westdeutschland bekommen die Beschäftigten für die gleiche Tätigkeit bereits elf Euro. Angelernte und Facharbeiter verdienen in Berlin mindestens 12,85 Euro, in den westdeutschen Bundesländern 13 Euro. Foto: dpa
Dachdecker können bundesweit mit dem einheitlichen Mindestlohn in Höhe von 10,80 Euro rechnen. Die Mindestlohnverordnung läuft noch bis zum 31. Dezember. Foto: dpa

Die Linke fordert 10 Euro gesetzlichen Mindestlohn, die SPD 8,50 Euro. Die Union will Lohnuntergrenzen hingegen weiterhin von den Tarifparteien festsetzen lassen.

DIW dämpft Erwartungen an Mindestlohn

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) warnt derweil Arbeitnehmer und Politik davor, zu große Hoffnungen in einen einheitlichen Mindestlohn zu setzen. „Ein Mindestlohn wird nur sehr geringe Effekte auf Ungleichheit und Armut haben“, schreiben DIW-Präsident Marcel Fratzscher und Vorstand Gert G. Wagner in einem Beitrag für den „Tagesspiegel“. Das Steuer- und Transfersystem werde einen großen Teil des zusätzlichen Einkommens wieder wegnehmen. Außerdem könnte es zu Jobverlusten kommen. „Ein Mindestlohn verfehlt womöglich die gewünschten Ziele, wenn nicht zugleich prekäre Beschäftigung reduziert und die Ausbildung verbessert wird“, argumentieren die Forscher. Ihre Studie zu dem Thema soll am Mittwoch offiziell vorgestellt werden.

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Gysi wirbt für Rot-rot-grün

Nach der Bundestagswahl haben mehrere SPD-Spitzenpolitiker eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei noch einmal ausgeschlossen. Linken-Fraktionschef Gregor Gysi wirbt dennoch für die Aufnahme von rot-rot-grünen Koalitionsverhandlungen. "Wir bleiben offen für Gespräche. Für SPD und Grüne wäre es besser, sie würden sich auf einen Politikwechsel und auf Gespräche mit uns einlassen", sagte Gysi der "Passauer Neuen Presse". Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel werde es schwer haben, in den nächsten Wochen einen Koalitionspartner zu finden. "Warten wir ab, wie sich SPD und Grüne bewegen werden."

Eine Neuauflage der großen Koalition von Union und SPD bezeichnete Gysi als "schlecht für Deutschland". Es sei ein Fehler der SPD gewesen, eine Koalition mit den Grünen und der Linkspartei auszuschließen. "Die parlamentarische Mehrheit dafür ist da", sagte Gysi. Die Linkspartei stehe aber nicht für eine Tolerierung zur Verfügung. Seine Fraktion werde nur dann einen SPD-Kanzler mitwählen, wenn die Linke auch wirklich Teil einer Koalition sei, schränkte er ein.

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