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Nachfolger in Berlin gesucht Wer ist der bessere Wowi?

Klaus Wowereit tritt zum Jahresende als Regierender Bürgermeister ab – Berlin sucht seinen Nachfolger. Wer kann den Job besser machen als er? Handelsblatt Online hat ein paar Vorschläge.

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Wowereit tritt ab, doch wer kommt nach? Und vor allem: Wer kann seinen Job besser als er?

Düsseldorf Nach der Rücktrittsankündigung von Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit hat der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) seine Partei aufgefordert, sich bei der Suche nach einem Nachfolger nicht auf den Berliner Landesverband zu beschränken. Der Nachfolger Wowereits dürfe „nicht in den Hinterzimmern einiger Politiker ausgehandelt werden“, sagte Thierse dem Tagesspiegel“ (Mittwochsausgabe). „Ich rate meiner Landespartei, nicht hektisch zu werden.“

Die Berliner SPD solle „die Zeit bis Dezember nutzen, um auch ausdrücklich den Blick über den landespolitischen Tellerrand hinaus zu heben", forderte Thierse. Dort gebe es „eine Menge guter Politiker“, fügte der Berliner SPD-Politiker hinzu. Konkrete Namen wollte er nicht nennen. Ausdrücklich warnte Thierse vor einem erneuten „Zweikampf“ zwischen dem Berliner SPD-Landesvorsitzenden und dem Fraktionschef. „Das hat der SPD nicht gut getan.“

Vor dem Hintergrund von Flughafendesaster und wachsender innerparteilicher Kritik hatte Wowereit am Dienstag seinen Rücktritt vom Amt des Bürgermeisters der Hauptstadt zum 11. Dezember angekündigt. Die Mitglieder der Berliner SPD sollen in einer Urabstimmung über seine Nachfolge entscheiden. Ihre Kandidatur erklärten am Dienstag bereits SPD-Landeschef Jan Stöß und Fraktionschef Raed Saleh.

Doch sind das die besten Kandidaten? Handelsblatt Online stellt einige Alternativen vor.


Roland Koch

Die SPD hat mit Wowereit ihre Zeit gehabt, der Hauptstadt ihren Stempel aufzudrücken. Der Beginn des BER-Debakels vor zwei Jahren leitete zugleich den Niedergang der Sozialdemokraten ein. In der Wählergunst gibt es für die Partei nichts mehr zu gewinnen. Und Wowi ist vom Sympathie-Überflieger zur unerträglichen Last für die Belange der Metropole verkommen. Es ist daher höchste Zeit, dass nun mal die CDU das Regierungszepter in die Hand nimmt.

Ernstzunehmende Eigengewächse hat die Hauptstadt-Union allerdings nicht zu bieten. Das ist keine Schande. Denn grade erst hat mit Roland Koch ein gestandener Christdemokrat seinen Versuch beendet, in der Wirtschaft reich und glücklich zu werden. Koch wäre genau der Richtige für einen politischen Neuanfang in der Hauptstadt.

Er könnte endlich Schluss machen mit dem ewigen Party-Image, das der Landesregierung wegen Wowereit anhaftet. Stattdessen könnte er die eigentlich wichtigen Probleme der Stadt – Haushalt, Wirtschaftsförderung, Flughafen, Kriminalität – anpacken. Dass er das kann, hat Koch als Ministerpräsident in Hessen zur Genüge bewiesen.

Sicher, Koch hat mit seiner Klare-Kante-Politik und seinen Hardliner-Allüren viele Negativschlagzeilen produziert. Doch das hat Wowereit auch – mit dem Unterschied, dass Koch in seiner Regierungszeit mehr auf die Beine gestellt hat als Wowereit. Deswegen bin ich dafür: Koch soll es machen. Dann weht endlich ein anderer Wind in Berlin – und es geht wieder nach vorne.

Dietmar Neuerer


Hans-Christian Ströbele

Berlin braucht endlich wieder einen Mann des Volkes. Einen, der noch nah dran am Wähler ist, der sich auch mal gegen die parteiliche Ausrichtung stellt, der eine klare Kante zeigt. Zum Beispiel einen wie Hans-Christian Ströbele.

Seit nunmehr zwölf Jahren wählen die Bürger in Kreuzberg, dem Berliner Szeneviertel schlechthin, den Grünen direkt in den Bundestag. Der Politiker mit den buschigen Augenbrauen ist damit nicht nur der erste Politiker seiner Partei, der dies je schaffte. Er ist damit auch einer der wenigen, hinter dem die Berliner so überzeugt stehen.

Mit seiner undiplomatischen Ader ist das grüne Urgestein genau die Art von Politiker, die Berlin braucht. Jemand, der sich selbst mit Joschka Fischer anlegte – eines von Ströbeles Wahlplakaten zierte einst der Spruch „Ströbele wählen heißt Fischer quälen“ –, der traut sich auch, einen ewig nicht fertig werdenden Flughafen oder die tiefrote Finanzlage der Stadt zu thematisieren. Und vor allem: Auch etwas zu verändern.

Das gilt übrigens nicht nur für die nationale Ebene. Denn dass Ströbele mehr kann als Lokalpolitik, bewies er schon, als er nach Moskau flog, um als erster Politiker mit dem Whistleblower Edward Snowden zu reden. Sein Auftritt war sogar so überzeugend, dass ihn CNN gleich zum Außenminister machte. (http://twitter.com/MdB_Stroebele/status/396331702349729793)

Ströbele ist bodenständig, radelt immer noch durch seinen Wahlbezirk, als wäre er nur ein Berliner und nicht der Bundestagsabgeordnete des Stadtteils. Gleichzeitg steht er – anders als viele, viele andere Politiker – für eine Idee, eine Vision, eine Meinung. Damit hat einst auch der SPD-Politiker Willy Brandt die Stadt und später das ganze Land verändern sollen. Wenn einem das wieder gelingen kann, dann Hans-Christian Ströbele.

Lisa Hegemann


Gregor Gysi

Natürlich lässt sich über die Leistungen des scheidenden Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit nach Kräften streiten. Aber eines ist sicherlich unstrittig: Dieser Mann hat Ausstrahlung und Charisma. Etwas, das Deutschlands Hauptstadt unbedingt braucht. Eine graue Maus an der Spitze von Deutschlands einziger Metropole mit Weltruf, das wäre völlig fehl am Platze.

Wer sich jetzt jedoch innerhalb der Berliner SPD umsieht, der sucht vergeblich nach einem Kandidaten, der es mit Klaus Wowereit aufnehmen könnte. Biedere Kommunalpolitiker von der Stadtbezirksebene haben eben doch nichts auf dem Spitzenposten im Roten Rathaus zu suchen.

Deshalb sollte die SPD auch außerhalb der eigenen Reihen nach einem Wowereit-Nachfolger suchen. Ideologische Differenzen mag es das eine oder andere Mal geben, aber soweit sind SPD und Linke nun doch nicht voneinander entfernt. Warum also nicht Gregor Gysi, im Moment noch Oppositionsführer im Bundestag, der einem Wechsel in die Berliner Landespolitik sicherlich nicht abgeneigt wäre?

Gysi erfüllt schon einmal eine ganz wichtige Voraussetzung: Er ist Berliner. Zudem besitzt er die nötige Ausstrahlung, um das wichtige Amt des Bürgermeisters in Deutschlands größter Stadt auch angemessen auszufüllen. Gestählt von unzähligen öffentlichen Auftritten, hart geführten politischen und juristischen Auseinandersetzungen dürfte Gysi heute genau das richtige Format für Berlins Regierenden Bürgermeister besitzen. Er ist älter und erfahren, aber auch noch nicht zu alt, um der Nachfolger von Klaus Wowereit zu werden. In der Zwischenzeit könnte die SPD in aller Ruhe in den eigenen Reihen nach einem Kandidaten suchen. Und: Mit 66 Jahren dürfte Gysi auch nicht auf ewig Bürgermeister bleiben wollen und könnte in wenigen Jahren wieder einem SPD-Nachfolger Platz machen.

Gysi kennt die Sozialdemokraten bestens. Vor mehr als zehn Jahren bildete seine Partei eine Koalitionsregierung mit der Berliner SPD, damals geführt vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit. Gregor Gysi saß als Wirtschaftssenator und als (stellvertretender) Bürgermeister mit am Kabinettstisch. Damit sollte der Weg zum "Regierenden" eigentlich nicht mehr allzu weit sein.

Seit dem Fall der Mauer hat das vereinte Berlin stets nur Stadtoberhäupter aus dem Westen gehabt. Deshalb ist jetzt Zeit für einen Wechsel, Berlin braucht einen Bürgermeister aus dem früheren Ostteil, eben Gregor Gysi. Mit einer solchen Personalentscheidung wäre die Einheit auch endlich in der Hauptstadt vollendet. Wenn die Ostdeutschen heute problemlos den Bundeskanzler und den Bundespräsidenten stellen, dann muss das natürlich auch in der Bundeshauptstadt möglich sein.

Stefan Menzel


Petra Roth

Nach 13 Jahren schillernder „Arm, aber sexy“-Politik braucht die Bundeshauptstadt einen Macher. Oder eine Macherin. Kaum eine Politikerin ist dafür besser geeignet als die ehemalige Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth. Aus der „Sonnenkönigin vom Römerberg“ sollte eine „Sonnenkönigin des Roten Rathauses“ werden.

Roth hat aus Sicht der regierenden Berliner SPD zwar das falsche Parteibuch, aber das sollte in der vermeintlich weltoffensten Stadt Deutschlands keine Rolle spielen. Zumal es kaum eine wie Roth vermag, Brücken über politische Gräben zu bauen. Sie regierte in wechselnden Koalitionen mit SPD und FDP und etablierte erstmalig Schwarz-Grün in einer Landeshauptstadt als „Koalition des Realismus“, wie sie es nannte. Ein typischer Roth-Ausdruck, die sich vor Neuem nicht scheut und als souveräne Versöhnerin gilt. Sogar ihr Büro ließ sich damals von einem Grünen führen. Diese Fähigkeit politische Richtungen zusammenzubringen und sie daraus umsetzbare Politik zu machen, würde ihm im zerrissenen Berlin zugute kommen.

Außerdem ist Roth mit Leib und Seele Kommunalpolitikerin – ihr erstes Buch nannte sie „Aufstand der Städte“ – und steht daher nicht in der Gefahr, sich selbst zu überschätzen wie der Berliner Kollege Wowereit. Der machte nie einen Hehl daraus, dass er glaubte, eigentlich in die erste Garde zu gehören.

Roth gibt sich lieber pragmatisch, bürgernah und souverän in der Amtsführung. Inhaltlich scheute sie Konflikte nicht, sondern irritierte die eigene Partei oft mit konträren Ansichten, etwa zur Migrations- und Integrationsfragen und der Drogenpolitik: Sie setzte etwa den Einsatz ärztlich kontrollierter Heroinabgabe an Schwerstabhängige durch.

Mit einer Amtszeit von 17 Jahren regierte sie Frankfurt länger als Kanzler Kohl einst die Republik und war sogar als Bundespräsidentin und hessische Ministerpräsidentin im Gespräch. Zu alt ist sie mit ihren 70 Jahren für den Posten in Berlin bei weitem nicht. Ein wenig Altersweisheit würde der schillernden Metropole nach 13 Jahren Party-Bürgermeister gut tun.

Als Roth 2011 ihren Rücktritt für 2012 ankündigte, tat sie dies nur deshalb, um Platz zu machen für einen Nachfolger, da die Altersgrenze für den Frankfurter OB, ähnlich wie in München, bei 70 Jahren liegt. So etwas gibt es in Berlin nicht. Damals sagte Roth, sie „würde noch einmal antreten, wenn ich dürfte“. Schließlich sei sie „nicht krank, nicht amtsmüde und auch nicht lahmer geworden“.

Das einzige echte Problem für eine Roth im Roten Rathaus: Die 70-Jährige ist bekennende Frankfurterin – und glühende Anhängerin des 1. FFC Frankfurt. Doch sie wäre gewiss auch Staatsfrau genug, um dem Ruf aus Berlin zu folgen, sollte er ertönen.

Désirée Linde

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