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Nachhaltiges Bauen in Stuttgart Wie der Gebäudesektor Klimaziele erreichen kann, ohne auf die Politik zu warten

Quelle: imago-images, Jürgen Pollak

Eine Stuttgarter Baugemeinschaft wollte beides: bezahlbaren und nachhaltigen Wohnraum. Also wählten sie nachwachsende Rohstoffe wie Holz. Das könnte Schule machen: Auch Gebäude müssen in Zukunft viel klimafreundlicher werden. Teil 5 von „Nächster Halt: Aufbruch“, unserer Serie zur Bundestagswahl.

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Klaus Schaeffer ist auf dem Holz-Weg. Er hat sich ganz bewusst dafür entschieden. Ärger habe er damit nicht, sagt Schaeffer. Nur, wenn die Nachbarskinder „den Fußball an die Decke schießen“, müsse man darüber reden. Ansonsten aber herrsche Harmonie in dem Haus im Stuttgarter Westen, in dem alles aus Holz ist. Hier wohnt Schaeffer seit gut zwei Jahren zusammen mit der Baugemeinschaft MaxAcht: eine WG, einige Paare, Einzelpersonen und fünf Familien mit Kindern.

Auch der Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss, ausgestattet mit einer Küche und bodentiefen Fenstern, besteht aus Holz. Kinderspielzeug liegt aufgeräumt in der Ecke, Schaeffer und Anni Endress, 69 und 67, beide von Anfang an dabei, sitzen an dem drei Meter langen Tisch und erklären, wie ihr Projekt gelungen ist. Immerhin umspannte es zwölf Jahre von der Idee bis zum Einzug, die Mitstreiter warteten lange auf ein Grundstück. Sie mussten sich mit dem Architekturbüro und Behörden abstimmen und natürlich 29 Bewohner mit unterschiedlichen Interessen vereinen. Letzteres habe tatsächlich ohne größeren Zoff geklappt.

Wie sie zusammenleben würden, sei den Bewohnern wichtig gewesen, sagt Endress, „und wir wollten nachhaltig bauen, das war klar.“ Inzwischen hat das Projekt etliche Preise gewonnen, weil es vereint, was in Deutschland oft kaum möglich scheint: Es bringt mehrere Generationen zusammen, ist mit weniger als 6000 Euro pro Quadratmeter Eigentum günstiger als andere Immobilien in der Nachbarschaft und besteht fast ausschließlich aus klimafreundlichem Holz. Wände und Decken sind leimfrei zusammengesetzt.

Solche Bauten werden in Deutschland dringend gebraucht: Gebäude verursachen etwa 35 Prozent des Energieverbrauchs und etwa 30 Prozent der CO2-Emissionen hierzulande. Der Gebäudesektor ist auch der einzige, der den Plan, 40 Prozent weniger Treibhausgase bis 2020 im Vergleich zu 1990 auszustoßen, verfehlt hat. Das zeigte ein Bericht von Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) im März.

Wann Deutschland klimaneutral wird, entscheidet sich also auch beim Bau und der Sanierung von Gebäuden. Im Wahlkampf findet das Thema allerdings nur am Rande statt. Dabei hatte die Bundesregierung Mitte Mai noch beschlossen, künftig auch die Vermieter mit CO2-Kosten ihrer Wohnungen zu belasten – und zwar zur Hälfte. Die Abgabe auf Treibhausgasemissionen beträgt seit Jahresbeginn 25 Euro pro Tonne und wird bis 2025 auf 55 Euro steigen.

Die CO2-Kosten schlagen sich also in den Wohnkosten nieder. Und die Mietpreise steigen in vielen Städten und Ballungsgebieten ohnehin seit Jahren. Stuttgart etwa hat mit im Schnitt 15 Euro pro Quadratmeter die dritthöchsten Mieten im nationalen Vergleich. Trotzdem habe keine Partei das Thema Bauen und Wohnen nach vorne gestellt, findet Klaus Grübnau. Er ist Partner bei dem Architekturbüro, das das Haus der Baugemeinschaft um Klaus Schaeffer gebaut hat. Grübnau sagt, er habe beobachtet, dass es weniger auf Parteizugehörigkeit als „auf die Dynamik innerhalb einer Stadt“ ankomme, ob dort alternative Bauprojekte angeschoben würden.



Grübnau und sein Kollege Arno Freudenberger haben sich auf Holz als Baustoff spezialisiert. Ein derzeit gefragtes Material: Verbände von Möbelherstellern, Dachdeckern und Baubetrieben warnten bereits, sie bekämen kein Holz mehr, zumindest nicht zu bezahlbaren Preisen. Wenn es so weitergehe, drohe Kurzarbeit.

Ist der Baustoff einfach zu teuer?

Die Architekten Grübnau und Freudenberger dagegen wollen von einem Holzmangel nichts wissen. Im Gegenteil: Es gebe „so viel Holz in Deutschland, dass man den kompletten Wohnungsbau jedes Jahr bedienen könnte“. Freudenberger hat ein Beispiel aus dem Schwarzwald parat: Allein mit dem jährlichen Holzzuwachs in den 3200 Hektar Wald in Freudenstadt könnten jedes Jahr 60 Häuser nach dem MaxAcht-Vorbild entstehen. Stattdessen sind laut Grübnau im vergangenen Jahr höchstens 20 Holzhäuser in diesem Stile gebaut worden – in ganz Deutschland.

Ist der Baustoff also einfach zu teuer? Auch dieses Argument weisen die beiden Architekten zurück. Wer Kunststofffenster einbaue und keine nachhaltigen Baustoffe verwende, bezahle natürlich weniger. Es werde dabei aber nicht eingerechnet, „wie viele Bauschäden ich mir anschaffe mit dem Billigzeug und wie schnell ich das ersetzen muss“, sagt Freudenberger.

Für ihn ist die Sache klar: Der politische Wille, den städtischen Wohnungsbau zu diversifizieren, sei zu gering. Die Stadt Stuttgart beispielsweise hat seit knapp fünf Jahren einen Wohnungsbaukoordinator. Doch Architekten und Oppositionspolitiker im Rat kritisieren, sie nähmen den Mann kaum wahr. Grübnau etwa sagt: „Wenn’s ihn gibt – man merkt es nicht. Da wird nichts beschleunigt.“



Eine Interviewanfrage lässt die Stadt unbeantwortet, sie verweist lediglich auf ein eigenes Projekt, das Fortschritt signalisiert: ein Holzhybridhaus im Neckarpark, in das sie 94 Millionen Euro investiert. Wohnungen entstehen dort zwar nicht, aber eine Grundschule, eine Sporthalle, eine Kita sowie Räume für die Volkshochschule.

Die elf Bauherren von MaxAcht sind vor gut zwei Jahren eingezogen. Sie sind Eigentümer und haben sich verpflichtet, das mindestens zehn Jahre zu bleiben. Von Grundschulkindern bis zu Rentnern sind alle Altersgruppen dabei. Immer wieder bekommen die Bewohner auch Besuch von potenziellen Nachahmerinnen. Die häufigsten Fragen, die Schaeffer und Endress gestellt bekommt: Wie gut sind Schall- und Wärmeisolierung, und wie funktioniert die Heizkostenabrechnung?

Nächster Halt: Aufbruch

Fahrt durch eine unterschätzte Republik

#btw2021


Ihre Antwort: „Sobald man die Fenster zumacht, ist nichts von draußen zu hören.“ Die Heizkosten liegen den Bewohnern zufolge seit Einzug vor zwei Jahren sogar 20 Prozent niedriger als berechnet. Ein Quadratmeter Eigentum im Nachbarhaus, das von einem Investoren gebaut worden sei, koste 30 Prozent mehr als bei ihnen.

Ein weiterer Vorteil: Das Haus benötigt nur 55 Prozent der Energie, die in der Energieeinsparverordnung für ein Referenzgebäude vorgesehen ist. Damit blieb während der Planung vor allem ein Problem: Stuttgart ist dicht bebaut, die Architekten mussten die Behörden erst überzeugen, dass der Brandschutz des Holzhauses taugt. Im Keller und im Treppenhaus ist daher auch Beton verbaut. Die Bauordnung schreibt für den wichtigsten Weg, über den Menschen sich retten müssten, nicht brennbares Material vor.



Das Haus steht, es wird bewohnt. Die Brandschutzmeister hat das Projekt also überzeugt. Trotzdem blieben das Bauamt und die städtische Wohnungsbaugesellschaft dem Holz gegenüber skeptisch, so nehmen es die Bewohner und Architekten wahr. Wenn er die Grünen in Stuttgart betrachte, werde ihm angst und bange, sagt einer von ihnen. Die Stadt sei „immer noch sehr träge“. Der Verwaltung fehlt eben noch der Mut, sich auf den Holz-Weg zu begeben.

Mehr zum Thema: Dieser Artikel gehört zu unserer Serie zur Bundestagswahl 2021. Wir folgen der längsten IC-Strecke Deutschlands – vom Südwesten bis in den Nordosten. Nächster Halt: Aufbruch – Fahrt durch eine unterschätzte Republik

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