Nachhaltigkeit Was die Welt zusammenhält

Ökonomen suchen die Formel für Wohlstand, die sozialen und gesellschaftlichen Fortschritt besser misst, als es das Bruttoinlandsprodukt kann. Wachstum allein reicht nicht mehr.

Bundesumweltminister Norbert Quelle: dpa

Das Symbol der vergangenen Wirtschaftskrise war die Schrottpresse. 1000-fach schrumpften Quetschmaschinen ältere Autos zu handlichen Würfeln. Der Staat belohnte die Groß-vernichtung funktionstüchtiger Fahrzeuge mit Prämien, um Neukäufe und damit die Konjunktur anzukurbeln. Fünf Milliarden Euro schüttete die Bundesregierung dafür aus.

Wie erhofft bewahrte das zerstörerische Werk das Bruttoinlandsprodukt (BIP) mitten in der Rezession vor einem noch tieferen Absturz. Doch ist es wirklich ein Fortschritt, massenweise intakte Autos zu vernichten, nur um die Konjunktur anzukurbeln? Ohne den Ressourcenverbrauch für die Produktion der Neuwagen gegenzurechnen, ganz zu schweigen von den Umweltschäden, die wachsende Schrottberge und Altöllager verursachen?

BIP misst nur quantitativ

Nicht nur wegen der Abwrackaktion wächst die Schar der BIP-Skeptiker. Sie bezweifeln, ob die populäre Kennzahl der richtige Maßstab ist, um Wachstum, Wohlstand und wirtschaftlichen Erfolg zu messen. Der Hauptkritikpunkt lautet: Das BIP misst rein quantitativ ein Mehr an Gütern und Dienstleistungen, ohne etwas über die Umstände der Entstehung und die Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft auszusagen.

Das führt zu abstrusen Ergebnissen: Stehen Autofahrer im Stau, verdienen die Tankstellen daran, und das BIP steigt. Repariert der Ölmulti BP mit Milliardenausgaben die Schäden, die nach der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko entstanden sind, erhöht auch das scheinbar den Wohlstand. Teilen sich dagegen mehrere Großstädter ein Auto, sinkt mit dem Verzicht auf ein eigenes Fahrzeug das Volkseinkommen. Doch was soll schlecht daran sein, wenn die Straßen leerer werden und die Luft besser wird?

Kompass für die Politik

Die beiden Ökonomie-Nobelpreisträger, der Amerikaner Joseph Stiglitz und der Inder Amartya Sen, fordern angesichts solcher Ungereimtheiten eine neue Wohlstandsformel. Sie soll beantworten, welche Art von Wachstum den Menschen wirklichen Fortschritt bringt. Sie berücksichtigt dabei Kategorien wie Einkommensverteilung, Gesundheit und Umweltqualität. Wachstum könne zum Beispiel nicht nachhaltig sein, warnt Stiglitz, wenn es auf übermäßigem Ressourcenverbrauch basiere.

Die Starökonomen wollen der Politik mit den neuen Messinstrumenten einen „verlässlicheren Kompass für ihren Kurs“ an die Hand geben. Die Fixierung auf das BIP, so die Kritik, führt zu falschen Prioritäten. Würde die Industrie eines Landes etwa alle Kraft darauf verwenden, ihre Güter mit einem Drittel weniger Energie und Rohstoffen zu erzeugen, schrumpfte zunächst das Volkseinkommen. Tatsächlich wäre das aber eine riesige Leistung, die Umwelt und Mensch zugutekäme.

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