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Nachruf auf Helmut Schmidt Der Kompass

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Schmidt hat die SPD seinem Amt untergeordnet

Helmut Schmidt wusste sich Winston Churchill und Henry Kissinger verpflichtet, ihrer Eloquenz, ihrer Übersicht - einer „Realpolitik“, die in Einflusssphären, Interessen und Herrschaftsansprüchen dachte. Er verachtete mangelndes Abstraktionsvermögen und hatte schon gar nichts übrig für Menschen, die mit einer indifferenten Furcht vor dem Atomtod in den Kalten Krieg zogen, um ihn mit untergeharkter Solidarität und Tüten voller Cannabis zu beenden. Sein Vorbehalt gegen die Zausel mit den langen Haaren und Wollpullovern war aber auch die Allergiereaktion eines Hamburger Citoyen - ein bildungsbürgerlicher Affekt gegen den kulturellen Selbsthass der Postmodernen, die alle Werte ins Säurebad der Ironie tauchten, alle Autoritäten in Zweifel zogen, alle Normen in Sichtweisen auflösten und alle politischen Grundsätze durch Relativismus zersetzten - bis zuletzt die kommunistische Sowjetunion vielen Deutschen friedfertiger erschien als die demokratische USA. 

Es ist kein Zufall, dass Helmut Schmidt nie Vorsitzender der SPD war. Er war kein Visionär, der universale Perspektiven entwarf. Statt dessen riet er Menschen mit Visionen, einem berühmt gewordenen Bonmot zufolge, zum Arzt zu gehen. Der Bruch der Koalition im Herbst 1982, vordergründig ein wirtschaftspolitischer Zwist zwischen SPD und FDP, war vor allem ein Bruch der SPD mit sich selbst, genauer: mit Helmut Schmidts prinzipieller Realpolitik, die die Partei acht Jahre lang halb getragen, halb ertragen hatte. Auf einem Parteitag im November 1983 unterstützten nur noch 14 von 400 Delegierten Schmidts Nato-Doppelbeschluss. Der Ex-Kanzler war isoliert. Ein Paria in seiner Partei. Knapp drei Jahre später hielt er im Bundestag seine Abschiedsrede.

Helmut Schmidt hat die SPD seinem Amt untergeordnet, seiner Überzeugung - seiner Staatsräson. Er hat der Sozialdemokratie mit dem Nato-Doppelbeschluss ein außenpolitisches Godesberg abverlangt - weil sie ihm nicht gefolgt ist, war sie erneut anderthalb Jahrzehnte nicht mehrheitsfähig. Westbindung... Marktwirtschaft... Freundschaft mit den USA... Nur wenn's der Wirtschaft gut geht, geht’s dem Land gut... - für Helmut Schmidt gab es daran schon damals keinen Zweifel. Er verkörperte - und begründete - den Mythos einer hanseatischen  SPD, mit der ausdrücklich Staat zu machen ist. Eine SPD, die nicht kapitalismusmelancholisch und normativ verträumt in die Zukunft blickt, sondern der Gegenwart pragmatisch und tapfer ins Auge sieht. 

Das allerdings hat Helmut Schmidt bis zuletzt getan, in unzähligen Büchern, Filmen, Reden, Interviews - und in den Artikeln, die er als Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“ seit 1983 veröffentlicht hat. Kein anderer Kanzler hat der Nachwelt mehr Einschätzungen, Meinungen und Urteile hinterlassen; über keinen anderen Politiker kann man sich in Bild, Ton und Schrift ausführlicher informieren. Es gibt Dutzende von TV-Auftritten, sechs Biografien und jede Menge Teil- und Einzeldarstellungen, die Schmidts Verhältnis zu Willy Brandt und seine Freundschaft zum Schriftsteller Siegfried Lenz, die seine Bewunderung für China oder seine Vorliebe für Johann Sebastian Bach und die Maler des deutschen Expressionismus zum Gegenstand haben.

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Seine symbiotische Beziehung zu Ehefrau Loki (gestorben 2010) und seine unzeitgemäße Leidenschaft für das Rauchen, seine Bescheidenheit als Bildungsbürger, der reichlich genug hat am Komfort einer Doppelhaushälfte mit Garten und Jägerzaun, solange er nur Marc Aurel und Mozart um sich weiß, nicht zuletzt natürlich die schiere Länge seines nachpolitischen Lebens - das alles hat dazu geführt, dass Helmut Schmidt zuletzt Züge des „Alten Fritz“ annahm: ein aufgeklärter Absolutist wie dieser, kunstsinnig und literarisch ambitioniert, der die Abnahme seiner Kräfte fühlte und doch unermüdlich weitermachte, immer weiter. Ein politisches Faktotum, den die Deutschen als lebendes Denkmal verehrten. Ein Patriarch, dessen Wort galt, auch wenn man anderer Meinung war.

Helmut Schmidt ist sich treu geblieben, bis zuletzt - ein Ewiggestriger aus Leidenschaft gegen das, was er für lässliche Überempfindlichkeiten und strategisch-politische Denkschwächen postmoderner Gesellschaften hielt. Schmidt war ein entschiedener Freund der Kernkraft und warnte schon früh vor den Folgen von „Multikulti“. Er sprach sich für höhere Renteneintrittsalter und gegen Volksabstimmungen aus. Er hielt die anstehende Klimakatastrophe für ein mächtiges Gerücht und das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking für einen Zwischenfall, der seiner Bewunderung für China nicht den geringsten Abbruch tat. Auch die EU-Politik gegenüber Putin verurteilte Schmidt zuletzt schärfer als Putin selbst.

Es wäre töricht, daraus zu schließen, der Politiker Helmut Schmidt sei ein herzloser Mensch gewesen. Er hatte nur, zeit seines Lebens, das Schlimmste, Nazismus und Weltkrieg, immer schon hinter sich.

Seine Politik war der lebenslange Versuch, dass es dabei bleibt.

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