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Netzwerk für Plurale Ökonomik Die VWL steckt in der Sinnkrise

In der Sommerakademie für Plurale Ökonomie tauschen sich Studenten aus Quelle: Lukas Böhm

Zehn Jahre nach der Subprime-Krise sind sich eigentlich alle einig: die VWL braucht einen Denkwechsel. In der Lehre hat sich bisher jedoch wenig getan. Nun nehmen Studierende die Reformierung in die Hand.

Neudietendorf im Landkreis Gotha in Thüringen wirkt im Sommer noch verträumter als sonst. Hier und da fläzt sich eine Katze auf den sonnenwarmen Pflastersteinen, Bienen surren um die geranienverzierten Fensterbänke. Aus dem Garten der Tagungsstätte Zinzendorffhaus schallen muntere Stimmen und wecken das Örtchen aus dem Sommerschlaf. Ein Paar junge Menschen, die man wohl eher in Berlin, Köln oder irgendeiner anderen Universitätsstadt verorten würde, sitzen unter dem langen Schatten eines Apfelbaums und tauschen sich aus. „Schon krass“, sagt einer, „bald habe ich einen Bachelorabschluss in VWL und von Marx oder Keynes trotzdem kaum eine Ahnung.“

In ihrem Studium wollten sie komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen, fragten nach dem großen Ganzen. Gelehrt wurden mathematische Modelle, die mit der Realität wenig zu tun haben. Jetzt reicht es ihnen. Die jungen Volkswirte vom Netzwerk für Plurale Ökonomik füllen die Lücken im Lehrplan nun selbst: mit einer Sommerakademie für Plurale Ökonomie. Bereits zum zweiten Mal zieht es knapp hundert Studierende in ihren Semesterferien nach Neudietendorf, um sich zu Themen wie Feministische Ökonomie, Institutionelle Ökonomie oder der Geschichte des ökonomischen Denkens weiterzubilden.

Angeboten werden die Kurse von Vertretern internationaler Institutionen, die sich für eine Neuorientierung der Ökonomie einsetzen: Das Institute for New Economic Thinking (Inet) wurde von Hedgefonds-Milliardär George Soros als Reaktion auf die globale Finanzkrise gegründet, das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung verfolgt in seiner Forschung keynesianische Ansätze. Mitveranstalter der Akademie ist die Evangelische Akademie Thüringen.

Auf dem Infostand neben der Rezeption stapeln sich bunte Sticker: „Was ist mit ökonomischen Inhalten, die nicht in Matheformeln passen?“ oder „Studiere ich VWL oder Neoklassik?“ steht auf ihnen geschrieben. Fragen, die sich auch Katharina Keil, Mitorganisatorin und Mitglied im Netzwerk, während ihres Liberal Arts Studiums an der Universität Maastricht stellte. Obwohl die Finanzkrise gerade die Weltwirtschaft erschütterte, änderte sich nichts an den einseitigen Inhalten der Ökonomieseminare. „Niemand kommt auf die Idee, Luhmans Systemtheorie zu lehren und zu behaupten, das sei die gesamte Soziologie“, sagt Keil. In der Ökonomie hingegen würden neoklassische Theorien und mathematische Modelle häufig stellvertretend für die gesamte Wirtschaftswissenschaft gelehrt.
Während es in anderen Fächern also selbstverständlich sei, verschiedene Methoden und Paradigmen zu betrachten und miteinander zu vergleichen, sei die ökonomische Lehre stark standarisiert, kritisiert Keil. Dabei würden gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge vernachlässigt. Gemeinsam mit Kommilitonen entwarf sie deswegen den Kurs „Economics and Society“, der an der Universität Maastricht zunächst als freiwilliges Seminar angeboten wurde. Nach einer erfolgreichen Testphase und einer langen Suche nach einem passenden Dozenten, ist der Kurs mittlerweile fester Bestandteil des Curriculums.

Auf dem Weg zu einer diversen volkswirtschaftlichen Lehre ist der Mangel an passendem Lehrpersonal eine der größten Hürden. Zum einen sind nur wenige Ökonomen und Ökonominnen interdisziplinär ausgebildet, zum anderen haben es jene, die es sind, deutlich schwerer an eine Professur zu kommen. Das prangert auch Claudius Gräbner an. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsinstitut für die Gesamtanalyse der Wirtschaft (ICAE) an der Johannes Kepler Universität in Linz und leitet auf der Sommerakademie den Workshop in Complexity Economics. „Die Fixierung des Wissenschaftsbetriebs auf die gängigen Rankingsysteme lässt Pluralität oft nicht zu“, sagt Gräbner.

In den Berufungsprozessen orientierten sich die Universitäten zum Großteil daran, wie die Journals, in denen die Kandidaten publiziert haben, bewertet werden. Oft ersetze ein Blick auf die Rangfolge damit eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Publikationen der Wissenschaftler. „Dabei sind Rankings als Maß für die Qualität des einzelnen Forschungsbeitrags sehr ungeeignet“, urteilt Gräbner. Bereits 2009 hatten einige mathematische und statistische Verbände und Institute (International Mathematical Union (IMU), International Council of Industrial and Applied Mathematics (ICIAM), Institute of Mathematical Statistics (IMS)) diese Unzulänglichkeit des Wissenschaftsbetriebs in einem offenen Brief kritisiert.

Es sind immer wieder dieselben Zeitschriften, die es auf die ersten Plätze in den Bewertungsskalen schaffen. Dort interdisziplinäre Arbeiten zu veröffentlichen ist schwer, der Bewegung werden immer noch Vorurteile entgegengebracht. „Pluralos“ würden die mathematischen Modelle nicht verstehen und wollten es sich mit dem interdisziplinären Ansatz einfach machen, heißt es von Kritikern. „Im Gegenteil“, sagt Svenja Flechtner, Junior-Professorin im Masterstudiengang Plurale Ökonomie, „plural zu forschen erfordert ein hohes analytisches Denkvermögen, weil mit unterschiedlichem Vokabular und unterschiedlichen Ansätzen umgegangen werden muss.“ Ihre Studierenden sind ausgelastet.

Im Modul „Wissenschaftstheoretische Grundlagen der Ökonomik“ lehrt sie Erkenntnistheorie, formal-mathematische Modelle genauso wie Poppers Kritischen Rationalismus. Damit entgegnet sie dem Vorbehalt, die Plurale Ökonomie sei nur ein Aufbegehren gegen die Neoklassik. Anders als zu ihren Anfängen in den Achtzigerjahren lehnt die Bewegung heute nicht grundsätzlich die vorherrschende Denkschule, sondern viel mehr jeglichen Mainstream ab. Es geht um die Koexistenz verschiedener Paradigmen, ohne das in richtig oder falsch kategorisiert wird. Wichtiger als die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Denkschule sollen Inhalte und Argumentationslinien sein. Flechtner: „Der Gedanke hinter der Pluralen Ökonomie ist eigentlich unspektakulär: Das beste Argument zählt.“

Im Chorsaal des Zinzendorffhauses herrscht erwartungsvolle Spannung. Die knarzenden Dielen erinnern an vergangene Zeiten, diskutiert wird heute Abend über Künftiges. Konkret: Die Zukunft der ökonomischen Lehre. Als Vertreter des Mainstreams führt Alexander Kriwoluzky vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) mit Stefan Panther (Cusanus Hochschule) und Studentin Julia Schmid eine Bestandsaufnahme der VWL durch. Wider Erwarten entfachen in diesen Abendstunden jedoch keine flammenden Plädoyers und Grundsatzdebatten. Kriwoluzky hat an der Forderung, dass auch plurale Ansätze in die akademische Ausbildung integriert werden, nichts auszusetzen. Er selbst habe nach der Finanzkrise gewisse Modelle aus seinen Lehrveranstaltungen an der Universität Halle-Wittenberg gestrichen. Und auch Hubert Temmeyer, Präsident der Deutschen Bundesbank in Sachsen und Thüringen und Gast im Panel am Mittwochabend, zeigt sich dem Konzept nicht grundsätzlich verschlossen.
Ob bald auch Wirtschaftsphilosophen im Vorstand der großen Banken sitzen werden? In Neudietendorf ist man sich einig: Ein bisschen Diversität und Selbstreflektion kann der Ökonomie nicht schaden.

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