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Neuartige Studie Die komplizierte Suche nach den Vermögen der Reichen

Neue Studie nimmt Vermögen der Reichen unter die Lupe Quelle: imago images

Das Vermögen der Deutschen wurde schon bis ins Detail durchleuchtet. Nur eine Gruppe entzog sich bislang der Beobachtung: die Reichen und Superreichen. Eine neuartige Studie ändert das jetzt.

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Markus Grabka ist Senior Researcher und Direktoriumsmitglied des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) am Wirtschaftsforschungsinstitut DIW. Seine primären Forschungsinteressen liegen im Bereich der Einkommens- und Vermögensverteilung.

WirtschaftsWoche: Vermögen beschäftigt die Menschen wie kaum ein anderes Thema. Gleichzeitig kann man nur unzureichend darüber diskutieren, weil es kaum Informationen über die Vermögen der Reichen gibt.
Markus Grabka: Falsch.

Aha?
Das war einmal. Vor zwei Jahren haben wir eine Idee entwickelt, wie man den bis dato weißen Fleck des obersten Prozent der Vermögensverteilung in den Griff bekommen kann. Da haben wir einen Pilotversuch gestartet, um zu sehen, ob man über die Reichen nicht doch Daten erheben kann. Und das war so erfreulich, dass uns das Arbeitsministerium eine Finanzierung für eine großangelegte Studie gegeben hat. Deren Feldphase haben wir soeben abgeschlossen. Unser Ziel war, 2000 Haushalte zu befragen, die im obersten Vermögensbereich angesiedelt sind.

Wo beginnt der?
Vereinfacht kann man sagen, die obersten ein Prozent. Also Haushalte mit einer Million Euro Nettovermögen und mehr. Bislang war es so, dass die Fallzahlen in diesem Bereich ab einer Million Euro ausgesprochen dünn werden. Da konnte man keine tiefergehende Analyse machen. Zudem wussten wir stets, dass Multimillionäre in diesen Daten gar nicht vorhanden sind. Und Milliardäre schon gar nicht. Wir haben es jetzt geschafft, diese Datenlücke zu schließen. Es ist auch international nahezu einmalig, dass wir diesen obersten Rand auch mit nennenswerten Fallzahlen untersucht haben. Dabei haben wir den identischen Fragebogen verwendet, den wir auch sonst im Rahmen unseres Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) nutzen. Wir können also alle möglichen interessanten Strukturunterschiede zwischen dem Durchschnittsbürger und den Millionären untersuchen.

Gab es ein Ergebnis, das Sie besonders überrascht hat?
Darüber dürfen wir leider nicht sprechen, solange die Daten nicht veröffentlicht sind. Das wird im Herbst im Rahmen des sechsten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung geschehen. Wobei sich etwas Interessantes schon jetzt herauskristallisiert hat: Es sind häufig eher „Millionaires next Door“. Darauf hatten auch schon vorher Studien hingedeutet. Vielen dieser Menschen sieht man ihren Reichtum überhaupt nicht an. Die wohnen zum Beispiel hier in Kreuzberg. Unten wohnen die mit normalen Einkommen und im Dachgeschoss sitzt dann jemand, der zwar aussieht wie die anderen auch, der aber über nennenswertes Vermögen verfügt.

Wie haben Sie die denn gefunden?
Am Ende des Tages war es recht einfach. Wenn man sich die Vermögensverteilung in Deutschland ansieht, dann sind in der unteren Hälfte der Bevölkerung ohnehin keine nennenswerten Vermögen vorhanden. Die Menschen legen ihr Geld konservativ an, in Girokonto, Lebensversicherung oder Bausparverträge. Die Wohlhabenderen legen ihr Geld in Immobilien an, aber auch noch in Lebensversicherungen oder auch Geldvermögen. Und je höher wir kommen, desto mehr halten die Menschen auch Betriebsvermögen. Das heißt, wenn man sich die obersten ein Prozent ansieht, dann hat faktisch jeder von diesen zumindest einen Teil seines Vermögens in Betriebsvermögen angelegt. Von diesem Gedanken sind wir ausgegangen. Das bestätigt sich auch, wenn man sich Reichenlisten bei „Forbes“ oder ähnlichen ansieht. Als wir angefangen haben, gab es genau einen Reichen in diesen Listen, der sein Geld als Angestellter verdient hat. Das war Ralf Schumacher. Seit er aus dem Rennbetrieb ausgestiegen ist, gehört aber auch er zu der Liste derer mit Betriebsvermögen. Da ist eine ganz klare Struktur zu erkennen: Am allerobersten Rand ergibt es ab einem bestimmten Vermögen schlicht und einfach Sinn, in Betriebsvermögen anzulegen. Vor allem, weil es am Ende steuerliche Vorteile hat.

Wie hat Ihnen diese Erkenntnis weitergeholfen?
Wenn man das weiß, braucht man am Ende nur noch das Unternehmensregister. Darin werden sämtliche Namen und Adressen der Anteilseigner ausgewiesen. Zudem sind wir eine Kooperation mit einem Finanzdienstleister eingegangen, der Zugriff auf Unternehmensregister weltweit hat. Aus dieser riesigen Datenbank mit 270 Millionen Unternehmen haben wir eine Stichprobe gezogen mit denjenigen, die ihren Wohnsitz in Deutschland haben. Dann haben wir den obersten Rand noch überproportional gewichtet, um die Vermögen, um die es uns geht, dabei zu haben.

Wie viele Menschen bleiben da am Ende übrig?
Dreieinhalb Millionen Unternehmen und etwa 1,5 Millionen Anteilseigner.

Und die haben Sie alle angeschrieben?
Nein. Das Wichtige war, dass die Gruppe groß genug ist, um eine Zufallsstichprobe nehmen zu können. Wir haben etwa 60.000 Personen angeschrieben, um dann am Ende etwa 2000 erfolgreiche Interviews zu erhalten. Die Ausfallraten bei diesen Menschen sind relativ hoch.

Haben die 58.000 anderen abgesagt oder einfach gar nicht reagiert?
Es ist gar nicht unbedingt so, dass diese nicht mitmachen wollen. Viele haben gesagt: Warum wollt ihr mich noch befragen, ihr wisst doch schon alles über mich? Gerade die vermögendsten Personen sind in Reichenlisten enthalten, die wissen, was da über sie steht. Vor allem aber ist die Problematik, dass dieser Typus von Mensch dermaßen mobil ist, dass man ihn kaum zu Hause antrifft.

Wie haben Sie die Interviews geführt? Hat da jemand mit dem Fragebogen an der Villentür geklingelt?
Ganz genauso wie bei den normalen SOEP-Befragungen auch. Das heißt es gibt ein Anschreiben, in dem steht: „Sie sind per Zufallsverfahren ausgewählt worden. Wir würden gerne ein Interview mit Ihnen führen.“ Und der Interviewer klopft dann an der Tür und führt das Interview vor Ort und idealerweise auch mit den anderen Haushaltsmitgliedern. Wenn es nicht anders passt, kann das auch im Unternehmen geschehen.  Die Fragen sind identisch zu denen, die allen anderen auch gestellt werden.

Zum Beispiel?
„Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig, alles in allem, mit Ihrem Leben?“

Da sind wir gespannt auf die Ergebnisse.
Wir auch.

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