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Neue Ära des Freihandels Die Briten träumen wieder vom Empire

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Koloniale Unterdrückung statt Freihandel

Wie deutlich die Briten mit ihren Avancen scheitern könnten, zeigt schon der Blick nach Indien, dem neben Großbritannien bedeutendsten Land im Commonwealth. Hier steht „Great Britain“ bis heute nicht als Synonym für den Freihandel, sondern für koloniale Unterdrückung. Seit ihrer Ankunft im Jahr 1600 hatten die Briten das Land systematisch ausgebeutet, zunächst nur ökonomisch, später übernahmen sie auch die politische Kontrolle. Kolkatta, die Hauptstadt des British Raj, statteten sie mit einem gigantischen Marmortempel zum Andenken an Königin Victoria aus, mit der St. Paul’s Cathedral schufen sie eine nahezu identische Kopie der großen Kathedrale von Canterbury.

Der einheimischen Bevölkerung aber diktierten sie eiserne Regeln: An den Kriegen durften sie im Namen des Königreichs teilnehmen, ansonsten waren sie Bürger zweiter Klasse. Der Zeit des British Raj gedenken viele Inder heute vor allem als einer Serie schwerster Hungersnöte.

„Warum sollten wir ein Empire 2.0 befürworten, nachdem das Empire 1.0 schon so eine tolle Idee war?“, fragt Shashi Tharoor sarkastisch. Tharoor, der sich als Bestsellerautor in Indien und Großbritannien einen Namen gemacht hat und für die oppositionelle Kongresspartei im Parlament von Neu-Delhi sitzt, arbeitet sich darin an den Schandtaten der Briten während der Besatzungszeit ab. Ökonomisch ausgedrückt: „Als die East India Company gegründet wurde, steuerte Großbritannien ungefähr zwei Prozent zur Weltwirtschaft bei, Indien ungefähr 23“, sagt Tharoor. „300 Jahre später verließen sie ein Land, in dem 90 Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze lebten.“

So ist es wohl kein Zufall, dass Indiens Premierminister Narendra Modi ausgerechnet jetzt, im britischen Wahlkampf, nach Berlin kommt, um die Handelsbeziehungen mit der EU voranzutreiben, in London gerade aber eher kühl auftrat. Auf die Frage, warum Indien Mitglied im Commonwealth sei, hat ein indischer Diplomat mal geantwortet: So sparen wir die Botschaften in den kleinen Inselstaaten da draußen. Der Autor Tharoor glaubt dennoch, dass sein Land im Prinzip bereit wäre, die Streitigkeiten ruhen zu lassen: „Wenn die Briten an einer Partnerschaft auf Augenhöhe interessiert sind, würde Indien sich dem sicher nicht versperren.“ Bloß sieht es derzeit überhaupt nicht danach aus.

Die Furcht der britischen Wirtschaft

Denn auch wenn Theresa May nicht müde wird, die konservativen Überzeugungen ihrer Partei und das Ziel eines freien, globalen Britanniens in Einklang zu bringen: In Wahrheit spitzt sich dieser Widerspruch derzeit sogar zu. So haben die Tories im Wahlprogramm, dem „conservative manifesto“, nicht nur wiederholt betont, die Immigration solle zurückgehen, May selbst sprach von „wenigen 10.000“ Zuwanderern, die pro Jahr auf die Insel kommen könnten. Konkret soll die „Immigrationsabgabe“, die britische Arbeitgeber zahlen müssen, um ausländische Fachkräfte einzustellen, von 1000 auf 2000 Pfund steigen. Erstmals seit Langem sank die Nettozuwanderung im vergangenen Jahr auf unter 250.000.

Konsequenzen dieser konfusen Strategie zeigen sich auch in den Zahlen. Während die Wirtschaft in der Euro-Zone wieder wächst, Deutschland im ersten Quartal gar um 0,6 Prozent, unterbietet die britische derzeit die ohnehin schon mickrigen Schätzungen. Statt um 0,3 Prozent wuchs das BIP im ersten Quartal nur um 0,2 Prozent. „Wir haben nie gesagt, dass der Brexit in jedem Fall ein Erfolg wird“, bahnt sich Open-Europe-Ökonom Booth schon mal den rhetorischen Notausgang, „das setzt natürlich voraus, dass die Regierung sich ernsthaft zu Freihandel bekennt, so wie wir es seit Jahren fordern.“

Restaurantbetreiber Oli Khan hat den Glauben daran aufgegeben. „Johnson und May haben uns mit falschen Versprechen gelockt“, sagt er. „Nun wird es für uns sogar noch schwieriger als bisher, Personal zu finden.“ Denn nun könnten er und seine Kollegen sich nicht mal mehr mit Osteuropäern aushelfen. Khan will mit dem Brexit-Lager nichts mehr zu tun haben. Natürlich, sagt er, „weiß ich, dass diese Erkenntnis viel zu spät kommt“. Trotzdem legt er Wert darauf, es jetzt so gesagt zu haben. Schließlich ist er immer noch früher dran als ein großer Teil seiner Landsleute.



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