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Neue Heimat Wirtschaftsgeschichte mit 1 DM

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Als Horst Schiesser die Neue Heimat kauft, ist er Mitte 50. Ein untersetzter, zupackender Mann. Sein Unternehmen Geschi-Brot ist Marktführer bei Backwaren. Sogar der Lebensmitteldiscounter Aldi zählt zu seinen Kunden. Aus der kleinen väterlichen Bäckerei, gegründet 1945 im Berliner Stadtteil Reinickendorf, hat Horst Schiesser ein Backimperium geformt. Umtriebig ist er, gründet weitere Firmen. Vermögensverwaltung, Unterhaltung, Autos – das Schiesser-Portfolio ist bunt wie das Leben. Und nun also Immobilien. Er entdeckt sein Interesse für die Neue Heimat, als das Unternehmen schon tief in der Krise steckt. Vier Jahre zuvor, am 8. Februar 1982, war die Schieflage des Unternehmens zum ersten Mal öffentlich geworden. Im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ erschien ein Bericht, der den damaligen Vorstandschef des Konzerns, Albert Vietor, schwer belastete. Gemeinsam mit weiteren Vorstandskollegen soll er sich persönlich bereichert haben. Er wurde fristlos entlassen. Die Neue Heimat bezifferte den Gesamtschaden auf mehr als 100 Millionen D-Mark. Das Unternehmen zog gegen den Ex-Manager vor Gericht. Zu einem Urteil kam es aber nicht mehr, weil Vietor zwei Jahre nach Bekanntwerden des Skandals an einem Herzinfarkt starb. Die Bürger hatten sich ihr Urteil ohnehin längst gebildet. Das Vertrauen in die Gemeinwirtschaft war zutiefst erschüttert. Nach dem Krieg hatten die Gewerkschaften ein veritables Wirtschaftsimperium aufgebaut. Einzelhandel (Coop), Finanzen (Bank für Gemeinschaft, BHW), Immobilien – es gab kaum eine Branche, in der die Arbeitnehmervertreter nicht aktiv waren. Aber sie wirtschafteten ohne nachhaltigen Erfolg. Bis heute hat die Gewerkschaftsholding BGAG fast alle namhaften Beteiligungen abgestoßen. Der letzte prominente Fall war der Verkauf der angeschlagenen Hypothekenbank AHBR an den US-Investor Lone Star im vergangenen Jahr. Die Gemeinwirtschaft hat den Schritt ins 21. Jahrhundert nicht geschafft. Und der erste große Rückschlag war der Skandal um die Neue Heimat – ein Sammelsurium von Firmen, die vornehmlich in der Baubranche aktiv waren. 1954 hatte der DGB beschlossen, alle eigenen Wohnungsunternehmen wirtschaftlich zusammenzufassen. So entstand ein Konzern, der billige Wohnungen baute, oftmals seelenlose Betonburgen am Rande der Großstädte. Das Unternehmen sollte gemeinnützig wirtschaften. Deshalb durfte die Neue Heimat nur vier Prozent des Gewinns an die Eigentümer ausschütten. Die Konzernführung unter Albert Vietor aber strebte nach Höherem. Sie gründete weitere Firmen, die gewinnorientiert arbeiten sollten. So entstand ein schier undurchschaubares Konglomerat, das über Jahre Verluste anhäufte, ohne dass die Öffentlichkeit dies bemerkte. Besonders heikel war der Einstieg ins Geschäft mit Eigentumswohnungen. Potenzielle Käufer hielten sich zurück. Große Teile der Wohnungen blieben leer. Eine fatale Entwicklung, war doch viel Kapital gebunden, das auch noch eine erdrückende Zinslast nach sich zog.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Verantwortlichen verfolgen eine Doppelstrategie, um die Neue Heimat zu sanieren.

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