WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Neue Heimat Wirtschaftsgeschichte mit 1 DM

Seite 3/5

Die Liste der Gläubiger von damals liest sich wie ein imaginäres „Gesamtverzeichnis des deutschen Kreditwesens“: Die Deutsche Bank gehörte dazu, die WestLB, die Bremische Volksbank und auch die Kreissparkasse Kirchweyhe. Die Gewerkschaften beschlossen den Einstieg in den Ausstieg aus der Wohnungswirtschaft. Zunächst entwickelten die Funktionäre ihren gewerkschaftstypischen Reflex: Wenn der Markt nicht so will wie wir, soll die Politik uns retten. Um zu verstehen, welche Mechanismen damals greifen konnten und welche nicht, muss man sich die Bundesrepublik des Jahres 1986 bildlich vor Augen führen: Deutschland ist geteilt. Die Regierung im Westen besteht aus Politikern von CDU/CSU und FDP. Der Wohnungsbauminister heißt Oscar Schneider, CSU. Kanzler Helmut Kohl hat zu diesem Zeitpunkt schon einige Jahre Regierungsverantwortung hinter sich. Im Januar des folgenden Jahres wird sich Kohl erneut zur Wahl stellen. Sein Gegenkandidat von der SPD ist NRW-Ministerpräsident Johannes Rau. Es ist die Zeit des Vorwahlkampfs. Das Kalkül der Gewerkschaften, Hilfe bei der Bundesregierung zu suchen, geht nicht auf. Alfons Lappas, dem Chef der BGAG, gelingt es nicht, den Wohnungsbauminister auf seine Seite zu ziehen. Nun wird SPD-Politiker Franz Müntefering aktiv, damals wohnungspolitischer Sprecher seiner Partei. Am 23. April formuliert er einen offenen Brief an den „sehr geehrten Herrn Minister Dr. Schneider“. Es stelle sich die Frage, „ob Sie wirklich konstruktiv mitwirken wollen oder ob Sie nicht doch – wie andere in CDU/CSU/FDP – vor allem ein emotionalisiertes Wahlkampfthema suchen“. So wird die Neue Heimat Teil der politischen Auseinandersetzung. Im Juni setzt der Bundestag einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss ein, der die Vorgänge im Konzern untersuchen soll. All dies sind Rahmenbedingungen, die das Vertrauen der Kreditgeber in das Unternehmen weiter belasten. Die Verantwortlichen von BGAG und Neuer Heimat beschließen eine Doppelstrategie. Sie suchen nach Kapitalanlegern, die bereit sind, Wohnungen zu kaufen. Und sie verhandeln mit Landesregierungen über den Teilverkauf regionaler Gesellschaften. Erfolglos. Nur Hessen entschließt sich, die Neue Heimat Südwest zu kaufen. Parallel dazu finden erste Gespräche mit Schiesser statt. Anders als es die Medien zunächst berichten, war der Verkauf an den Berliner Bäcker also kein Schnellschuss, sondern das Ergebnis eines monatelangen Prozesses. Schon von Mai 1986 an verhandelte die BGAG mit dem potenziellen Käufer und seinen Beratern – mal in Berlin, mal in Frankfurt. Nur wenige Personen wussten davon. Solche Konstellationen sind immer Garant für die Bildung von Legenden. Joachim Tigges, heute Berater für die US-Investmentfirma Cerberus, saß damals als Sachbearbeiter für die BGAG am Verhandlungstisch. „Es ging zunächst nur um einzelne Regionalgesellschaften“, sagt Tigges heute. „Erst nach Wochen hat der Vorstand der BGAG Herrn Schiesser ernst genommen. Man glaubte nicht, dass er in der Lage wäre, ein solches Paket zu stemmen.“

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Das politische Umfeld beruhigt sich nicht bis es zum Eklat kommt.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%