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Neue Heimat Wirtschaftsgeschichte mit 1 DM

Für eine Mark kaufte Horst Schiesser im September 1986 die Neue Heimat, den größten Wohnungsbaukonzern Europas. Mit dem angeblichen Schnäppchen wollte der Bäckermeister sein bereits bunt gemischtes Portfolio erweitern. Glücklich wurde er damit nicht. Eine Handelsblatt-Reportage.

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Horst Schiesser (oben), Neue-Heimat-Hochhaus. Montage: HB

BERLIN. Es war eine anstrengende Nacht. Sechs Stunden lang hatte der Berliner Bäcker Horst Schiesser mit Gewerkschaftsvertretern verhandelt. Dann, im Morgengrauen des 18. September 1986, vollzog er einen folgenschweren Akt. Er setzte seine Unterschrift unter einen Vertrag, der ihn zum Eigentümer des größten Wohnungsbaukonzerns Europas machte. Gleichsam über Nacht entledigte sich die gewerkschaftseigene Gesellschaft BGAG ihres Problemkinds Neue Heimat. Es war der Anfang vom Ende der Gemeinwirtschaft in Deutschland. Der Vertragsschluss mit Schiesser war eine Blamage für die Gewerkschaften. Es war ein Rückschlag für die Idee, Firmen zu führen, die nicht nach Gewinn streben, sondern dem Gemeinwohl dienen. Wochenlang diskutierte die Republik über dieses Geschäft. Die entscheidende Information, die das Volk in Wallung brachte, stand in Paragraf 2 des komplizierten Vertragswerks: „Der Kaufpreis (...) beträgt 1 DM.“ Von solchen Geschichten träumen Journalisten: Unbekannter Bäcker kauft 190 000 Wohnungen – und zahlt dafür fast nichts. Ein „Hauptmann von Köpenick“ sei da am Werk, hieß es, und vom „Berliner Backwahn“ war die Rede. Der Wahn bestand vor allem darin, dass Schiesser nicht nur die Immobilien übernahm, sondern auch ein riesiges Schuldenpaket von 17 Milliarden D-Mark. Die Neue Heimat war wirtschaftlich am Ende. Der Konzern stand vor dem Zusammenbruch. Horst Schiesser, die zentrale Figur jener Tage, hat sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. „Er schottet sich ab“, sagt jemand, der ihn kennt. Eines seiner wenigen Interviews der jüngeren Vergangenheit gab er dem „Tagesspiegel“. Es sei viel Unsinn über ihn verbreitet worden, sagte der 76-Jährige dort. Auch Gewerkschafter winken ab: „Wenn jemand schuld war, dann die Politik“, sagt ein ranghoher Funktionär. Einer der wenigen, die über das Geschehene sprechen, ist Joachim Tigges. Er arbeitete damals für die BGAG und führte Verhandlungen mit Schiesser. „Ein einfach strukturierter Mann mit Berliner Dialekt.“ Es sei ein angenehmes Gesprächsklima gewesen. Schiesser und seine Berater seien nicht wie unterkühlte Manager aufgetreten. „Das waren keine angelsächsischen Kaufleute, keine Banker mit feinem Tüchlein“, sagt Tigges.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie die Neue Heimat dem Bankrott entgegensteuert.

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