Neue Schnellstrecke Wo der ICE Berlin-München nur langsam fährt

Die neue Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Erfurt und Nürnberg ist eröffnet. Züge zwischen München und Berlin sollen es in weniger als vier Stunden schaffen. Doch längst nicht alle Zugreisenden profitieren.

Quelle: REUTERS

Berufspendler zwischen Berlin und Frankfurt müssen jetzt ganz tapfer sein. Viele Manager nutzten den ICE-Sprinterzug am frühen Morgen, um von der Hauptstadt in die Finanzmetropole zu reisen. Wer bis vor kurzem um 6:04 Uhr in der Früh in den ICE gestiegen ist, ist schon um 9:44 Uhr in Frankfurt angekommen – quasi pünktlich zur Morgenkonferenz. 3:40 Stunden dauerte also die Fahrt, wenn alles glatt lief. Der Grund für die vergleichsweise schnelle Verbindung: Der Zug hielt nur einmal in Spandau, danach ging es ganz ohne Zwischenhalte durch Niedersachsen Richtung Süden.

Doch seit Sonntag ist damit Schluss. Die Deutsche Bahn hat auf einen neuen Fahrplan umgestellt. Erstmalig befahren die Züge die neue Schnellstrecke zwischen Nürnberg und Erfurt, die Reisezeiten zwischen Berlin und München in rund vier Stunden möglich macht – zwei Stunden schneller als heute. Für diese Verbindung von Berlin nach München ist die Fertigstellung des letzten Verkehrsprojektes Deutsche Einheit (VDE) ein mobiler Riesensprung. Doch Berufspendler zwischen Berlin nach Frankfurt haben das Nachsehen. Ihre Sprinter-Züge benötigen in Zukunft 3:52 Stunden und länger, also fast ein Plus von gut einer Viertelstunde im Vergleich zu heute.

Die Deutsche Bahn wird zwar in Zukunft mehr Sprinter-Züge einsetzen. Doch ab dem neuen Fahrplan leitet sie die ICE-Züge von der Hauptstadt in den Süden über die neue Strecke und die Stadt Erfurt um. In der thüringischen Landeshauptstadt entsteht gerade ein neuer Fernverkehrs-Hub auf der Schiene. 80 ICE halten dort jeden Tag – Umstiege in alle Ecken Deutschlands inklusive. Meistens halten die Sprinter-ICE dann auch noch in Halle. Bislang fahren die ICE-Züge zum Beispiel oft non-stop über Niedersachsen.

Zwölf Minuten mehr oder weniger mögen viele Leser als kleine Spitzfindigkeit abtun. Doch bei der Bahn fährt die Psychologie immer mit. Verbindungen, die 3:52 dauern, klingen für viele Reisende wie „fast vier Stunden“. Verbindungen, die 3:40 Stunden dauern, kratzen an „dreieinhalb Stunden“. De facto mag es nur um ein paar Minuten gehen, gefühlt geht es um eine kleine Ewigkeit.

Jena hat das Nachsehen

Auch andere Städte haben das Nachsehen. Das gilt vor allem für die Stadt Jena in Ostthüringen. Vor mehr als zehn Jahren wurde dort der Bahnhof Paradies für rund 21 Millionen Euro als ICE-Bahnhof ausgebaut. Bis zum Fahrplanwechsel am 10. Dezember hielten dort jeden Tag mehrere ICE mit Direktverbindungen nach München und Berlin. Nun müssen die Jenaer zuerst mit einem Regionalzug nach Erfurt gurken, um dort umzusteigen. Wirtschaft und Wissenschaft sind wütend. Nie zuvor hat sich mehr gezeigt, dass ein ICE-Halt für eine Region ein echter Wohlstandsfaktor ist.

Viele Pendler von Berlin nach Frankfurt, die bisher früh morgens in den Sprinter gestiegen sind, werden daher trauern. In keiner Stadt wohnen mehr Bahncard100-Inhaber als in diesen beiden Metropolen, zusammen knapp 5000 Menschen. Einigen von ihnen dürfte der neue Fahrplan gar nicht passen.

Den Nachteil spüren Reisende übrigens in beide Richtungen. Die Zwischenhalte in Erfurt und Halle verlangsamen jeden Sprinter-ICE. Und selbst wenn mal ein Zug durchfährt, dauert es länger. „Künftig gibt es nur noch eine non-stop Verbindung pro Tag“, heißt es bei der Bahn, nämlich morgens um 5:58 Uhr ab Frankfurt nach Berlin. Doch selbst dieser Sprinter-ICE braucht knapp vier Stunden im Vergleich zu 3:40 Stunden vor dem Fahrplanwechsel. Vermutlich fährt auch dieser Zug über die neue Schnellstrecke. Die neue Schnellstrecke verändert nämlich jede dritte Streckenführung im Fernverkehr.

Doch immerhin können Reisende aus Hessen und der Hauptstadt auf ein paar Pluspunkte hoffen. Laut Deutsche Bahn gibt es seit dem neuen Fahrplanwechsel am 10. Dezember „ein Drittel mehr Direktverbindungen zwischen Frankfurt und Berlin“. Mehr Reisende als heute kommen damit zwar nicht schneller zum Ziel, dafür aber ohne Umstieg. Dieser Vorteil lässt aufhorchen: Denn in Zeiten unpünktlicher Züge sind umsteigefreie Verbindungen oft mehr wert als die gesparten Minuten laut Fahrplan.

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