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Neue Studie Wenn die Polizisten gehen, kommen die Einbrecher

Ein Einbrecher dringt durch ein zerborstenes Fenster in ein Haus ein. Quelle: imago images

Eine noch unveröffentlichte Studie untersucht, welche Folgen der Abbau ländlicher Polizeidienststellen auf die Kriminalität hat. Ergebnis: Manche Kriminelle orientieren sich gewinnmaximierend um. Sie klauen weniger Fahrräder - und brechen dafür lieber in Wohnungen ein.

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Sebastian Blesse ist zuletzt viel rumgekommen. Der 29-jährige Volkswirt, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim, trat auf einer Konferenz junger Ökonomen in Spanien auf, zudem reiste er zu einer wissenschaftlichen Tagung nach Helsinki. Beide Male im Gepäck: eine noch unveröffentlichte Studie, deren Kernergebnisse Blesse seinen Fachkollegen vortrug. Das zusammen mit André Diegmann vom Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erstellte Working Paper hat der Ökonom mittlerweile bei mehreren wissenschaftlichen Journals eingereicht. Die Studie trägt die Überschrift „Police reorganization and crime: Evidence from police station closures“ und behandelt ein ziemlich lebensnahes Thema: Wie reagieren Verbrecher, wenn in ihrem beruflichen Dunstkreis Polizeidienststellen aufgelöst werden?

Die beiden Volkswirte stützten sich bei ihrer Arbeit auf Daten der Polizeireform in Baden-Württemberg. Dort wurden nach dem Jahr 2004 von 578 Polizeistationen rund 210 geschlossen und stattdessen größere Einheiten an weniger Orten gebildet. Die Wissenschaftler verglichen nun in umfangreichen Regressionsanalysen die Kriminalstatistik in den Orten, die ihr Polizeirevier verloren, mit jenen Ortschaften, in denen die Ordnungshüter vor Ort blieben.

Auf den ersten Blick überraschend: Wo sich die Polizei verabschiedete, sanken die Fahrraddiebstähle im Zeitverlauf um zwölf bis 13 Prozent, obwohl die Aufklärungsquote schon vorher bei unter zehn Prozent lag. Gleichzeitig stiegen jedoch die Motorraddiebstähle um rund acht Prozent, die Zahl der Kellereinbrüche ebenfalls um gut acht Prozent. Wohnungseinbrüche nahmen um über zehn Prozent zu, der Autoklau sogar um 16 bis 17 Prozent. „Die Schließung von Polizeidienststellen bietet Kriminellen den Anreiz, auf den Diebstahl höherwertiger Güter umzusteigen“, heißt es in der Studie. Ökonomisch ausgedrückt:  Es kommt offenbar wegen der geringeren Abschreckung zu einer Substitution von Delikten. „Potenzielle Diebe schwenken auf teurere Güter um, wenn sie wissen, dass die nächste Polizeistation weiter weg ist“, erklärt Ökonom Blesse. 

Damit lehnen sich die Wissenschaftler an die Erkenntnisse des amerikanischen Ökonomie-Nobelpreisträgers Gary Becker an. Dieser gilt als Wegbereiter der Ökonomischen Theorie des Verbrechens. Nach seiner Ansicht strebt jeder Mensch danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies auch bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie der Kriminalität. Demnach vergleicht ein potenzieller Verbrecher rational die möglichen Erträge einer Tat mit den „Opportunitätskosten“, also der Gefahr des Erwischtwerdens und der drohenden Strafe. 

Laut Blesse sind die Ergebnisse in der Testregion Baden-Württemberg „sehr robust“ und durchaus auf andere Regionen übertragbar. Mit diversen wissenschaftlichen Checks und Bereinigungsverfahren hatten die Wissenschaftler ausgeschlossen, dass soziostrukturelle Faktoren die Ergebnisse verzerren. In einem so genannten Matchingverfahren stellten die Ökonomen sicher, dass nur Kommunen miteinander verglichen wurden, die sich bei Bevölkerungszahl, Ausländeranteil, Altersstruktur, Kaufkraft und Arbeitsmarktlage nicht übermäßig unterschieden.

Allerdings sind die Ergebnisse laut Blesse nur auf ländliche Gebiete übertragbar, nicht auf größere Städte. In urbanen Regionen folge die Kriminalität anderen Gesetzmäßigkeiten. Wichtig auch: Die Schließung von Polizeidienststellen ermuntert laut Studie insgesamt „nicht mehr Menschen, kriminell zu werden“, sondern berührt nur bereits aktive Kriminelle. Auch Hinweise, dass Dienstellenschließungen die Zahl der Schwerverbrechen wie Morde und Vergewaltigungen vor Ort beeinflussen, brachte die Studie nicht. So weit geht das rationale Kalkül der Kriminellen zum Glück dann offenbar doch nicht.

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