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Neulich…in der Unfallchirurgie

Von Pontius zu Pilatus

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Ihr Bekannter, der Neurologe, setzt alles dran, dass Frau G. wieder stationär aufgenommen wird und einen schnelleren OP-Termin bekommt, doch vergeblich. Also fädelt er über private Kontakte ein, dass Frau G. am 7. Januar in Hannover operiert werden kann. Das dortige Krankenhaus entlässt sie nach der OP am 16. Januar in eine Reha-Klinik. Doch nach fünf Wochen Therapie ist Frau G. immer noch wackelig auf den Beinen. Ihre Krankenkasse lehnt ohne jede Vorwarnung eine Verlängerung der Reha einen Tag vor deren Ende ab - Frau G. muss wieder nach Hause.

Niemand fragt danach, sie sie dort versorgt wird oder wie es mit ihrer Therapie weiter gehen soll. Am 20. Februar wird Frau G. in ihrer Wohnung abgesetzt. Schon wenige Minuten später stürzt sie auf dem Weg zur Toilette. Sie robbt zum Telefon und ruft einen Pflegedienst an. Der wiederum ruft den Hausarzt. Der sagt ihr, sie komme wieder in die Reha, tatsächlich findet sie sich wenige Minuten später in der Unfallchirurgie der Universitätsklinik Göttingen wieder.

Stundenlang sitzt Frau G. dort im Wartezimmer herum, wird geröntgt und wieder nach Hause geschickt. Inzwischen ist Freitagnachmittag, der Hausarzt nicht zu erreichen, die Krankenkassenmitarbeiter sind bereits im Feierabend. Der Kühlschrank ist leer. Frau G. weiß nicht, wie sie das Wochenende überstehen soll.

In der vergangenen Woche haben der befreundete Neurologe und der Hausarzt erneut bei der Kasse um eine weitere Reha gebeten, doch die Kasse lehnt ab. Auf die zugesagte Schnelleinstufung des Pflegerates für Hilfen durch die Pflegeversicherung wartet Frau G. bis heute, Unterstützung bei der Beantragung einer Haushalthilfe über die Pflegeversicherung hat sie bisher auch nicht bekommen.

Das alles schildert der angesehene Neurologe aus Göttingen in seinem Brief an Ulla Schmidt, den die Ministerin ganz sicher nie zu sehen bekommen wird. Vermutlich wird ein Sachbearbeiter des Ministeriums eine knappe Standardantwort formulieren. Für den Neurologen indes ist klar, wohin das deutsche Gesundheitswesen steuert: „Wir sind auf dem Wege zu einer hoch technisierten, aber herzlosen Medizin, wo der Fürsorge-Gedanke vor allem eine Thema für Kongressvorträge ist", schreibt er am Ende seines Briefes an Ulla Schmidt, die seit über acht Jahren die politische Verantwortung für das hiesige Gesundheitssystem trägt.

Und man ist angesichts der Dramatik des Schicksals von Frau G. baff erstaunt, dass der Arzt noch einen so höflichen Schlusssatz formuliert: „Ich wäre sehr dankbar, wenn Sie darauf hin wirken könnten, dass den hier geschilderten Defiziten in der Gesundheitspolitik größere Aufmerksamkeit gewidmet wird."

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