WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Nordrhein-Westfalen Kreativwirtschaft soll Ruhrgebiet zu neuer Stärke verhelfen

Seite 3/4

Werber Przechowski (lins) mit einem Kollegen: Das Revier zur Marke machen

Darüber hinaus soll eine Kreativitätswirtschaftsmesse zum jährlichen Branchentreff heranwachsen. Die staatliche NRW.BANK bietet Eigenkapitalhilfen für innovative Unternehmen an. Gornys Truppe will zudem ungenutzte Hinterhöfe oder Fabrikhallen aufspüren und an interessierte Kreative vermitteln. „Wir fördern keine Schein-Ökonomie“, sagt Gorny, „sondern investieren in einen nachhaltigen Wirtschaftszweig.“

Ein Forschungsbericht des Bundeswirtschaftsministeriums gibt ihm Hoffnung: Betrachtet man die Bruttowertschöpfung, liegen die Kreativen hinter dem Maschinenbau und der Autoindustrie auf Platz drei, noch vor der Chemie- und Energiebranche. Die Branche bietet mit 719.000 Beschäftigten fast so viele sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze wie die Automobilindustrie.

Engagement statt teure Lage

Nur muckeln die deutschlandweit 238.000 Unternehmen der Branche still und heimlich vor sich hin. Keine protzigen Bürotürme, großen Werkhallen, anfassbaren Produkte bezeugen ihre Existenz. Fabriziert werden Ideen und Gedanken, oft genügen dazu ein Büroraum, ein Internetanschluss und eine Handvoll engagierte Mitarbeiter.

Das junge Unternehmen djtunes.com ist so ein Beispiel. An der Bochumer Kohlenstraße, in einem erstaunlich hässlichen Zweckbau, hat ein musikbegeistertes Gründertrio eine englischsprachige Internet-Plattform für elektronische Musik am Markt etabliert. Profi-DJs und Clubgänger aus jedem Winkel der Erde können aus einem Repertoire von 800.000 Songs ihre Favoriten gegen Geld herunterladen. Einige Titel sind Eigenproduktionen, andere werden ein- und weiterverkauft. Das Unternehmen erhält Unterstützung von Kapitalgebern, unter anderem vom Ilmenauer Medientechnik-Professor und Mathematiker Karlheinz Brandenburg, dem wissenschaftlichen Wegbereiter des MP3-Formats.

Ökonomie geht vor

Ausschlaggebend bei der Standortwahl waren jedoch nicht emotional-künstlerische, sondern knallhart-ökonomische Gründe: Der Mietpreis von 3,50 Euro pro Quadratmeter etwa. „Für das Ruhrgebiet spricht außerdem, dass wir hier mühelos ein multinationales Team zusammenstellen konnten“, sagt Timo Becker, einer der Gründer. Das sei wichtig, schließlich bediene man ein weltweites Publikum.

Vom Ruhrgebiet als Melting Pot(t) schwärmt auch ein Dutzend Kilometer weiter nordwestlich der Werber Franz Przechowski. Er hat sich mit seiner Agentur Look Up ausgerechnet in Gelsenkirchen niedergelassen, einer vom Strukturwandel besonders gebeutelten Stadt. Natürlich, der Standort sei immer ein Thema, vor allem bei der Suche nach Personal. „Es ist überhaupt kein Problem, jemanden aus England ins Ruhrgebiet zu holen, nur die Absolventen aus Bielefeld oder Stuttgart rümpfen die Nase“, sagt Przechowski.

Der Schalke-Fan machte sich vor 20 Jahren selbstständig, als es den Begriff Kreativwirtschaft noch gar nicht gab. Jetzt beschäftigt er mehr als 100 Mitarbeiter aus vielen Ländern, zählt zu den Etablierten der Branche. Przechowski ist weit gereist und vielleicht deshalb so heimatverbunden – wenn er auch bisweilen mit der Mentalität der Menschen im Pott hadert. Die hingen sehr an ihrer industriellen Vergangenheit. „Und wir schaffen es nicht, aus dem Ruhrgebiet eine Marke zu machen, einen homogenen Auftritt hinzulegen.“

Auf der letzten Seite erfahren Sie, was Kabarettist und Buchautor Frank Goosen über sein Heimat-Revier denkt.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%