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Nordrhein-Westfalen Kreativwirtschaft soll Ruhrgebiet zu neuer Stärke verhelfen

Das zersplitterte Ruhrgebiet will zu einem urbanen Kraftraum zusammenwachsen. Ausgerechnet die wuselige Kreativwirtschaft soll die postindustriellen Lücken füllen. Ein standortpolitischer Großversuch beginnt.

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Kulturmanager Gorny: Seht her, hier passiert was Quelle: Michael Dannenmann für WirtschaftsWoche

Plötzlich geht alles ganz schnell: Limousinen fahren vor, Türen klappen auf, und kaum sind die Herren in den dunklen Anzügen ausgestiegen, werden sie von Fotografen wie eine Herde Schafe für ein Gruppenbild zusammengetrieben. Einer der Männer, der niederländische Premierminister Jan Peter Balkenende, schaut sich neugierig um. Vor ihm erheben sich die wuchtigen Gebäude der Essener Zeche Zollverein. Rechts und links von ihm lächeln der nordrhein-westfälische Regierungschef Jürgen Rüttgers und sein oberster Kulturpolitiker Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff um die Wette in die Kameras.

Viel Zeit bleibt dem niederländischen Gast nicht, die Architektur im Bauhaus-Stil zu bewundern. Die Leute vom Protokoll mahnen zur Eile, im Laufschritt entert der Tross die historischen Hallen. 160 Jahre Bergbaugeschichte in zehn Minuten, das muss reichen. Denn heute soll es nicht um die Vergangenheit des Ruhrgebiets gehen, heute geht es um seine Zukunft.

Der Mann im Hintergrund

Der Mann, der für die Zukunft zuständig ist, steht abseits und wartet geduldig auf seinen Auftritt. Mit seiner Strubbelfrisur und dem bequemen Schuhwerk sieht er aus, als wäre er zufällig in das protokollarische Tamtam hineingestolpert. Doch der Eindruck täuscht. Der Mann heißt Dieter Gorny und hat das Treffen der Regierungschefs eingefädelt. Der Erfinder des Musiksenders Viva und heute wohl einflussreichste deutsche Kulturmanager hat einiges vor mit seiner Heimat, dem Ruhrgebiet. Er ist der Antreiber, Ideengeber und oberster Verkäufer eines ehrgeizigen strukturpolitischen Großversuchs. Und den will er dem niederländischen Premier jetzt vorstellen.

Gorny spricht wortgewaltig vom Übergang in die Wissensgesellschaft, von digitalen Leitmärkten, von der kreativen Ökonomie, die sich im strukturschwachen Ruhrgebiet ansiedeln solle, um die postindustriellen Lücken zu schließen. Von ehrgeizigen Bauprojekten, von Vernetzung, von Innovationen. „Wir werden Leuchttürme der Kreativität erschaffen“, ruft Gorny dem ranghohen Gast zu.

Dafür sorgen, dass was bleibt

Der nickt freundlich, verspricht ein enges Zusammengehen zwischen den niederländischen und nordrhein-westfälischen Behörden und kündigt eine finanzielle Beteiligung von 500.000 Euro an. Gorny ist zufrieden mit der Ausbeute des Tages. Wieder ein kleiner Erfolg, wieder eine Etappe geschafft auf dem mühseligen Weg, das kriselnde Ruhrgebiet in einen urbanen Kreativraum der Extraklasse zu verwandeln.

Heute Essen, morgen Rom, dann Brüssel oder Berlin. So geht das Woche für Woche. Bei dem Hochschulprofessor, Musiklobbyisten, Porschefahrer und Rüttgers-Unterstützer mit SPD-Parteibuch laufen im Moment die Fäden zusammen. Der 55-Jährige soll als Kreativdirektor der Festivalreihe „Kulturhauptstadt 2010“ im Ruhrgebiet dafür sorgen, dass das millionenschwere Spektakel mehr wird als nur Brot und Spiele. Dass Arbeitsplätze entstehen. Dass Unternehmen siedeln. Dass was bleibt.

Die eigens dafür komponierte strukturpolitische Melodie des Musikwissenschaftlers Gorny ist modern und naiv-romantisch zugleich: Kultur und Kommerz sollen zusammenfinden, statt sich zu bekämpfen. Kulturpolitik müsse ökonomisch denken, Wirtschaftspolitik die kulturelle Perspektive einnehmen.

Auf der nächsten Seite erfahren Sie, wie sich das Ruhrgebiet auf die Rolle als Kulturhauptstadt 2010 vorbereitet.

Kreative Kräfte (zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

Deshalb wollen Gorny und seine Leute im Ruhrgebiet einer Branche auf die Beine helfen, die bisher nur wenige auf der strukturpolitischen Rechnung hatten: der Kreativwirtschaft. Musiker, Spiele-Entwickler, Designer, Werbeleute, Fotografen, Filmmenschen – sie alle sollen in den Pott kommen und die alten Zechen, Lagerhallen, Lokschuppen oder Stahlhütten mit neuem Leben füllen, Jobs schaffen, Unternehmen gründen, andere Kreative anlocken, die ihrerseits wieder etwas Eigenes auf die Beine stellen.

Das Prinzip der urbanen Eroberung durch Künstler und Kreative hat schon in vielen Städten Problemvierteln zur Blüte verholfen. Die kulturelle Avantgarde, traditionell voller Ideen, aber knietief im Dispo, besiedelt der niedrigen Mieten wegen bevorzugt heruntergekommene Arbeiterstadtteile. Eine urbane Benutzeroberfläche mit Galerien, Clubs, Boutiquen und Cafés schält sich heraus, was wiederum besser verdienende Kulturfolger anlockt. So dauert es kein Jahrzehnt, bis eine Gegend sozioökonomisch aufsteigt, manchmal gar wie im New Yorker Meatpacking oder am Prenzlauer Berg in Berlin internationale Strahlkraft entwickelt.

Absolventen zieht es in andere Städte

Doch noch nirgendwo auf der Welt ist es gelungen, eine Region von der Größe des Ruhrgebiets mit seinen 53 Städten und fünfeinhalb Millionen Einwohnern zu drehen. Zehn Minuten in der Straßenbahn in Essen, Duisburg oder Dortmund genügen, um zu begreifen, wie weit der Pott von diesem Ziel entfernt ist. Die Schulen sind heruntergekommen, die Straßen in schlechtem Zustand, Autobahnen zerpflügen die Innenstädte, die Architektur ist geduckt und zweckmäßig, es mangelt an Geld, Ideen, Arbeitsplätzen und damit an Zukunft.

Energisch subventioniert Politik seit Jahrzehnten gegen das tiefe Loch an, das der Niedergang der Kohle- und Stahlindustrie hinterlassen hat. Flüsse werden renaturiert, Theater und Museen von Weltrang gebaut, Industriedenkmäler restauriert, hochklassige Hochschulen gegründet. Doch zum Ärger der Strukturpolitiker hauen deren Absolventen dennoch ab, nach Düsseldorf, München, Hamburg oder Berlin. Zurück bleiben die weniger Qualifizierten, die Arbeitslosen, die Alten.

Geschenk des Himmels

Das Kulturhauptstadtjahr sei da ein „Geschenk des Himmels“, sagt NRW-Landeschef Rüttgers. Zwar wissen viele Bürger auch sechs Monate vor Beginn der Feierlichkeiten nicht so recht, was sie eigentlich mit diesem politisch hochgejazzten Hybrid aus Hochkultur und Massenparty anfangen sollen. Doch zumindest so viel ist sicher: Die Projekte werden der Region weltweit Aufmerksamkeit bescheren.

Schon jetzt lassen sich ersten Signale nicht mehr ignorieren. Der Pott macht sich fein. In Dortmund etwa wird das Gelände der Union-Brauerei, im Volksmund „Dortmunder U“ genannt, gerade mit 46 Millionen Euro aufwendig renoviert. Die Ruine soll zu einem Zentrum der Kreativwirtschaft und Avantgarde-Kunst von internationalem Rang aufsteigen. Das metergroße U auf dem Dach des Turms haben sie mit einer Blattgoldschicht überzogen, es leuchtet jetzt kilometerweit im Sonnenlicht, als wolle es sagen: Seht her, hier passiert was!

Nur wenige Kilometer weiter nördlich wird das leer stehende Aussiedler-Quartier in Unna-Massen bald kreativen Gründern ein Dach über dem Kopf bieten und mit aufwendiger Lasertechnik atmosphärisch veredelt werden. Ein großer Campus könnte entstehen, mit einer Summer-School für ein internationales Publikum.

Lesen Sie auf der dritten Seite, warum sich viele Kreative für das Ruhrgebiet als Standort entscheiden.

Werber Przechowski (lins) mit einem Kollegen: Das Revier zur Marke machen

Darüber hinaus soll eine Kreativitätswirtschaftsmesse zum jährlichen Branchentreff heranwachsen. Die staatliche NRW.BANK bietet Eigenkapitalhilfen für innovative Unternehmen an. Gornys Truppe will zudem ungenutzte Hinterhöfe oder Fabrikhallen aufspüren und an interessierte Kreative vermitteln. „Wir fördern keine Schein-Ökonomie“, sagt Gorny, „sondern investieren in einen nachhaltigen Wirtschaftszweig.“

Ein Forschungsbericht des Bundeswirtschaftsministeriums gibt ihm Hoffnung: Betrachtet man die Bruttowertschöpfung, liegen die Kreativen hinter dem Maschinenbau und der Autoindustrie auf Platz drei, noch vor der Chemie- und Energiebranche. Die Branche bietet mit 719.000 Beschäftigten fast so viele sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze wie die Automobilindustrie.

Engagement statt teure Lage

Nur muckeln die deutschlandweit 238.000 Unternehmen der Branche still und heimlich vor sich hin. Keine protzigen Bürotürme, großen Werkhallen, anfassbaren Produkte bezeugen ihre Existenz. Fabriziert werden Ideen und Gedanken, oft genügen dazu ein Büroraum, ein Internetanschluss und eine Handvoll engagierte Mitarbeiter.

Das junge Unternehmen djtunes.com ist so ein Beispiel. An der Bochumer Kohlenstraße, in einem erstaunlich hässlichen Zweckbau, hat ein musikbegeistertes Gründertrio eine englischsprachige Internet-Plattform für elektronische Musik am Markt etabliert. Profi-DJs und Clubgänger aus jedem Winkel der Erde können aus einem Repertoire von 800.000 Songs ihre Favoriten gegen Geld herunterladen. Einige Titel sind Eigenproduktionen, andere werden ein- und weiterverkauft. Das Unternehmen erhält Unterstützung von Kapitalgebern, unter anderem vom Ilmenauer Medientechnik-Professor und Mathematiker Karlheinz Brandenburg, dem wissenschaftlichen Wegbereiter des MP3-Formats.

Ökonomie geht vor

Ausschlaggebend bei der Standortwahl waren jedoch nicht emotional-künstlerische, sondern knallhart-ökonomische Gründe: Der Mietpreis von 3,50 Euro pro Quadratmeter etwa. „Für das Ruhrgebiet spricht außerdem, dass wir hier mühelos ein multinationales Team zusammenstellen konnten“, sagt Timo Becker, einer der Gründer. Das sei wichtig, schließlich bediene man ein weltweites Publikum.

Vom Ruhrgebiet als Melting Pot(t) schwärmt auch ein Dutzend Kilometer weiter nordwestlich der Werber Franz Przechowski. Er hat sich mit seiner Agentur Look Up ausgerechnet in Gelsenkirchen niedergelassen, einer vom Strukturwandel besonders gebeutelten Stadt. Natürlich, der Standort sei immer ein Thema, vor allem bei der Suche nach Personal. „Es ist überhaupt kein Problem, jemanden aus England ins Ruhrgebiet zu holen, nur die Absolventen aus Bielefeld oder Stuttgart rümpfen die Nase“, sagt Przechowski.

Der Schalke-Fan machte sich vor 20 Jahren selbstständig, als es den Begriff Kreativwirtschaft noch gar nicht gab. Jetzt beschäftigt er mehr als 100 Mitarbeiter aus vielen Ländern, zählt zu den Etablierten der Branche. Przechowski ist weit gereist und vielleicht deshalb so heimatverbunden – wenn er auch bisweilen mit der Mentalität der Menschen im Pott hadert. Die hingen sehr an ihrer industriellen Vergangenheit. „Und wir schaffen es nicht, aus dem Ruhrgebiet eine Marke zu machen, einen homogenen Auftritt hinzulegen.“

Auf der letzten Seite erfahren Sie, was Kabarettist und Buchautor Frank Goosen über sein Heimat-Revier denkt.

Ob daran das Kulturhauptstadtjahr etwas ändern kann? Der drittgrößte Ballungsraum Europas begreift sich nicht als Metropole, so energisch die Politik dies auch herbeireden will. Nicht einmal auf einheitliche Spurweiten für Straßenbahnen können sich die Städte einigen. Es gibt kein Zentrum, kein Wir-Gefühl, stattdessen einen kleinsten gemeinsamen Identitätsnenner irgendwo zwischen Fußball-Leidenschaft und trotziger Verherrlichung des Malocher-Images.

Einer, der hauptberuflich die kulturellen Besonderheiten des Reviers herausarbeitet, hat gerade 37 Kilo abgenommen und ist bester Dinge, weil sein VfL Bochum auch in der kommenden Saison in der ersten Liga kicken darf. Frank Goosen, Buchautor („Liegen lernen“), Heimat-Kabarettist („Wir sind Strukturwandel“), nach Bekunden seiner Eltern auf einer Bochumer Abraumhalde gezeugt, porträtiert das Seelenleben des Durchschnitts-Ruhrpöttlers so herrlich direkt, dass sich die Zuschauer biegen vor Lachen.

Selbstbewusstsein fehlt

An solchen Abenden beobachtet Goosen die quasi-therapeutische Verarbeitung eines tief sitzenden Minderwertigkeitskomplexes. Zugegeben – eine Gegend, „die ihren wichtigsten Literaturpreis an mich verleihen muss, hat ein Problem“, witzelt Goosen. Aber die Musikhäuser, Theater, Museen und Kleinkunstbühnen seien bundesligatauglich.

Dennoch machten sich die Menschen künstlich klein, es fehle an Selbstbewusstsein. Und dann immer diese Angst vor dem Klischee. Goosen schüttelt den Kopf. „Warum nicht dazu stehen? Warum nicht mal ,Glück auf!‘ sagen?“ Die Bayern tanzten schließlich auch wie selbstverständlich in Lederhosen rum.

Goosen hofft, dass es den Machern des Kulturhauptstadtjahres gelingt, dieses Selbstbewusstsein zu vermitteln, damit kreative Menschen angelockt und die Abwanderungswelle der Jugend gestoppt werden können. Wenn das alles nichts hilft, bleibt immer noch der Fatalismus à la Opa Goosen, der seinem Enkel einmal einflüsterte: „Woanders iss auch scheiße.“

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