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Normungsprozesse „Viele kleine und mittelgroße Unternehmen schreckt der Mehraufwand ab“

Das Deutsche Institut für Normung hilft Unternehmen wie ECH beispielsweise internationale Märkte zu erschließen (Symbolbild). Quelle: imago images

Deutschland ist führend bei Standardisierung, aber kleine und mittelgroße Unternehmen beteiligen sich seltener an Normungsprozessen als Konzerne. Warum es sich trotzdem lohnt, erklärt ECH-Geschäftsführer Michael Hahn.

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ECH Elektrochemie Halle produziert Messgeräte, entwickelt Analyseverfahren und zählt zu seinen Kunden beispielsweise BASF, E.ON und Volkswagen. Das Unternehmen mit 25 Mitarbeitern setzt stark auf Normung, um seine Geräte zu vermarkten. Michael Hahn hat ECH 1992 mitgegründet und leitet es heute als Geschäftsführer.

WirtschaftsWoche: Herr Hahn, Deutschland ist führend bei Standardisierung, das Kürzel DIN beinahe so typisch deutsch wie das Reinheitsgebot. Warum normieren wir so gern?
Michael Hahn: Natürlich gehen wir auch auf Messen und betreiben direkte Akquise, wenn wir neue Produkte an Kunden bringen wollen. Aber eine weitere wichtige Möglichkeit, einen Markt zu erschließen, ist für uns die Normung – ob beim DIN…

…dem Deutschen Institut für Normung…
…genau, oder auch bei der US-Standardisierungsorganisation ASTM. Gerade international hilft es, Märkte zu erschließen, wenn man auf Normen verweisen kann. Potenzielle Kunden wissen dann, dass sie sich auf bestimmte Standards verlassen können.

Allerdings kann ein solcher Prozess Jahre dauern. Lohnt sich das wirklich?
Es lohnt sich, wenn künftig alle Laboratorien nach unserem Verfahren arbeiten. Die hohe Kunst ist natürlich, die Besonderheiten unserer Verfahren auch in den Prozess einzubringen. Es ist dabei ein Unterschied, ob Sie bei einer DIN-Arbeitsgruppe mitarbeiten, die es schon gibt – oder ob sie einen Arbeitskreis leiten. Letzteres ist wesentlich aufwendiger.

Inwiefern?
Es erfordert sehr viel persönliches Engagement. Zunächst brauchen Sie weitere Teilnehmer, die in einer Gruppe mitarbeiten. Das DIN ruft dazu öffentlich auf – aber ich spreche als Arbeitskreisleiter auch selbst Wettbewerber an.

Und wie ist es, wenn der Prozess einmal läuft?
Dann finden alle drei Monate Treffen statt. Wirklich aufwendig ist aber, sich darauf vorzubereiten, und sind auch die Hausaufgaben, die meine Mitarbeiter neben dem Tagesgeschäft abarbeiten müssen. Prüfungen zum Beispiel, ob Teile der geplanten Norm praktikabel sind. Zum Schluss müssen Sie noch ein Validierungsdokument erstellen. Das ist vergleichbar mit einer wissenschaftlichen Abhandlung, wie eine Promotion, in dem eine mehrjährige praktische Tätigkeit beschrieben werden muss.

Ihr Unternehmen beschäftigt 25 Mitarbeiter. Wie machen Sie das?
Indem wir uns trauen, den Mehraufwand in Kauf zu nehmen. Gerade beim DIN ist die Antragsphase schon sehr langwierig, im Vergleich zum Beispiel zum ASTM, wo man in einem Jahr zur fertigen Norm kommen kann. Große Unternehmen können das natürlich besser bewältigen. Ich kenne viele kleine und mittelgroße Unternehmen, die der Mehraufwand abschreckt. Die bringen neue Produkte dann eben langsamer auf den Markt, vor allem international.

Das Bundeswirtschaftsministerium hat gerade ein Förderprogramm ergänzt, das kleine und mittelgroße Unternehmen unterstützt, aktiv in Normungs- und Standardisierungsausschüssen mitzuarbeiten. Hilft Ihnen das?
Das Programm bezieht sich auf Projekte, bei denen die Unternehmen mit universitären oder öffentlich finanzierten außeruniversitären Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten. Aber was ist mit privaten Forschungseinrichtungen? Es hilft auch nicht dabei, zu einer Norm zu bringen, was wir Unternehmen selbst entwickelt haben. Da ist das Manko besonders groß.

Sie hätten, nicht ganz überraschend, lieber direkt Geld vom Staat.
Natürlich wäre das der einfachste Weg – und man könnte das ja durchaus erfolgsabhängig machen. Zumal das DIN seit vergangenem Jahr kleine und mittelgroße Unternehmen auffordert, zu bezahlen, wenn sie an einem Normungsprozess mitarbeiten. Bislang war das kostenfrei. Aber warum sollte ich mehrere tausend Euro im Jahr dafür bezahlen, dass ich ehrenamtlich etwas erarbeite?

Weil Ihr Unternehmen, wie Sie es ja beschrieben haben, von der Norm später profitiert?
Natürlich liegt das in meinem Interesse – primär hat aber auch das DIN etwas davon, das die Normen dann verkauft. Ein solches Verhalten wird jedenfalls kleine und mittlere Unternehmen nicht zusätzlich bewegen, an der Normung teilzunehmen.

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