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NRW-Integrationsminister Laschet "Die Herkunft darf keinen Unterschied machen"

Wirtschaft und Gesellschaft sind angesichts von Fachkräftemangel und demografischem Wandel auf Migranten angewiesen. Doch deren Integration bleibt schwierig. NRW-Integrationsminister Armin Laschet (CDU) über Erfolge und Herausforderungen von Migrationspolitik.

Armin Laschet, Minister für Quelle: dpa

wiwo.de: Herr Minister, wie sieht Ihr Ideal einer gelungenen Integrationspolitik aus?

Armin Laschet: Unser Ziel ist, jedem den Aufstieg zu ermöglichen, unabhängig von der Herkunft der Eltern. Und das geht in erster Linie über ein Bildungssystem, das allen die gleichen Startchancen gibt.

Nordrhein-Westfalen gilt als Vorreiter in der Integrationspolitik, stellt mit Ihnen den bundesweit ersten Integrationsminister. Sind Sie Ihrer Idealvorstellung bereits näher gekommen?

Ja. Wir haben die Betreuung der unter Dreijährigen ausgebaut, so dass die Kinder früher in das Bildungssystem hinein kommen. Dann gibt es in Nordrhein-Westfalen einen verpflichtenden Sprachtest für Vierjährige, mit dem wir auch die Kinder erreichen, die nicht in den Kindergarten gehen. Der erste Jahrgang, der den Sprachtest durchlaufen hat, ist 2009 eingeschult worden und es hat sich gezeigt, dass die Sprachkenntnisse der Kinder besser sind. Dadurch haben wir die Startbedingungen für Kinder mit Zuwanderungsgeschichte verbessert.

Den Jugendlichen, die jetzt vor dem Eintritt ins Berufsleben stehen, nutzt die frühkindliche Förderung wenig. Gehören sie zu einer verlorenen Generation der Migranten?

Wir müssen alles tun, damit sie nicht zur verlorenen Generation werden. Die Gefahr ist groß. Jeder einzelne, den wir nicht erreichen, bedeutet eine zigfache Anstrengung gegenüber dem, was wir im frühkindlichen Bereich machen. Insofern ist das der mühevollste Teil der Integrationspolitik.

Was kann denn für diese Jugendlichen getan werden?

Wir brauchen auch an den weiterführenden Schulen mehr Ganztagsangebote. Das heißt aber nicht, dass die Jugendlichen den ganzen Tag in der Schule verbringen müssen. Wir müssen auch die musische und künstlerische Bildung und das ehrenamtliche Engagement fördern. Diese außerschulische Bildung wichtig, weil sie viele Fertigkeiten vermittelt, die im Berufsleben wichtig sind: Motivation, Teamgeist, Führungsqualitäten. Dieser erweiterte Bildungsbegriff muss sich im Schulsystem niederschlagen. 

Dadurch bekommen die Jugendlichen aber noch keinen Ausbildungsplatz. Selbst junge Migranten mit guten Abschlüssen können nur schwer auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen.

Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist für Jugendliche, bei denen man eine andere Herkunft erkennen kann, immer noch erschwert. Es darf bei gleichen Qualifikationen aber keinen Unterschied machen, ob jemand Öztürk oder Schmidt heißt. Das ist aber eine gesamtgesellschaftliche Frage, bei der Politik wenig ausrichten kann. Unser Land hat noch nicht erkannt – auch die Wirtschaft nicht –, dass man um jeden werben muss. Wenn heute junge, gut ausgebildete Türken, die hier geboren sind, in das Land ihrer Großeltern zurückgehen, weil sie dort bessere Jobchancen haben, dann ist das ein Alarmsignal.  

Was kann Politik denn leisten?

Wie gesagt: Wenig. Wir können nur versuchen zu erklären. Da hilft auch kein Antidiskriminierungsgesetz. Das Klima in diesem Land muss sich ändern. Wir sind eine älter werdende Gesellschaft. Vergangenes Jahr waren in Nordrhein-Westfalen erstmals mehr Menschen über 60 als unter 20. Bald werden die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Wir müssen um jeden gut ausgebildeten jungen Menschen werben, sonst werden die das Land verlassen.

Grund genug dafür zu sorgen, dass auch die Jugendlichen mit schlechten Schulleistungen eine Chance bekommen. Einige Unternehmen machen bereits Nägel mit Köpfen und qualifizieren ihre Azubis selbst nach. Ist das ein Vorbild oder wird die Politik damit aus ihrer Verantwortung entlassen?

Es ist gut, dass es das gibt, aber auch die Schulen müssen sich stärker öffnen. Es gibt ja bereits Kooperationen zwischen Schulen und Unternehmen, bei denen gezielt berufliche Praxis schon in der siebten und achten Klasse vermittelt wird. Vorreiter ist das Handwerk. Schon jetzt finden Handwerksbetriebe in bestimmten Berufen keine Lehrlinge mehr. Die Unternehmen werben daher ganz gezielt auch um Jugendliche mit Zuwanderungsgeschichte. Nicht umsonst heißt es in der Studie des Zentralverbandes des deutschen Handwerks: Der Meister der Zukunft ist ein Türke.

Gerade bei türkischen Jugendlichen steht der Handwerksberuf aber nicht hoch im Kurs. Braucht es auch mehr Aufklärungsarbeit in den Schulen?

Ich denke, hier ist vor allem die Wirtschaft gefragt. Es ist Aufgabe derer, die Nachwuchs suchen, dafür zu sorgen, dass sie ihn überall suchen. Der demografische Wandel zeigt ja bereits Wirkung. Ich eröffne in letzter Zeit sehr viele Betriebskindergärten, weil die Unternehmen erkannt haben, dass sie durch Familienfreundlichkeit für Arbeitnehmer attraktiver werden. Das war vor zehn Jahren noch überhaupt kein Thema. Der nächste Schritt ist, dass sie sich um die zugewanderten Jugendlichen kümmern.

Der Staat als Arbeitgeber hat das bereits erkannt. Sie sprechen Sie sich dafür aus, den Anteil von Migranten im öffentlichen Dienst zu erhöhen. Wie wollen Sie das umsetzen?

Das geht nur, wenn es berufsbezogen gemacht wird. Ich halte überhaupt nichts von einer allgemeinen Quote, denn sie hilft nicht. Wenn es nicht genug Lehrer mit Zuwanderungsgeschichte gibt, kann ich die auch nicht über eine Quote herbeizaubern. Also müssen wir zunächst dafür werben, dass sich mehr junge Menschen für ein Lehramtsstudium entscheiden. Auch im Polizeidienst brauchen wir mehr Polizisten, die beispielsweise deutsch und türkisch sprechen, ebenso in der öffentlichen Verwaltung. Aber das geht nicht von Heute auf Morgen. 

Sie machen sich auch für bundesweite Reformen stark. Ein ungelöstes Problem ist immer noch die Anerkennung ausländischer Qualifikationen. Wie geht es damit voran?

Das ist in der Tat ein Riesenproblem. Hier fahren Feststoffphysiker Taxi, weil wir ihre Qualifikationen nicht anerkennen. Gleiches gilt für Ingenieure und Ärzte. Überall da, wo wir einen Mangel haben, sind die Menschen da, wir lassen sie nur nicht. Das Bundeskabinett hat dazu ein Eckpunkte-Papier verabschiedet, im Bundesbildungsministerium wird jetzt der Gesetzesentwurf erarbeitet, der bis Ende des Jahres kommen soll.

Wie soll eine solche Überprüfung denn funktionieren?

Zunächst einmal erhält jeder einen Rechtsanspruch auf eine Überprüfung. Das gibt es bislang nicht. Ziel des Gesetzes wird sein, ein geregeltes Prüfverfahren zu haben. Prüfausschüsse sollen dann anhand von berufsbezogenen Kriterien die Abschlüsse vergleichen und eine Aussage treffen, welche Nachqualifizierung notwendig ist, um auch in Deutschland in einem bestimmten Beruf arbeiten zu können.

Kann die Politik die Versäumnisse in der Integrationspolitik der vergangenen Jahrzehnte überhaupt aufholen?

Es bleibt uns gar nichts anderes übrig. Natürlich wäre es besser gewesen, wenn wir zum Beispiel schon vor zehn Jahren mit der Sprachförderung angefangen hätten. Aber wir können ja die Zeit nicht zurückdrehen. Ich glaube nicht, dass es zu spät für Integration ist. Die Voraussetzungen sind gut, mittlerweile gibt es auch politisch kaum noch Streit um dieses Thema. Denn als älter werdende Gesellschaft liegt es in unserem Interesse, dass Integration gelingt. 

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