NRW-Wahl Die Anti-Helden der FDP greifen an

Die FDP geht mit Spitzenkandidat Christian Lindner in den NRW-Wahlkampf – und mit streitbaren Thesen zu Schlecker und Opel, zum Landeshaushalt und zu den Piraten.

Aufstieg und Fall des "Wunderkinds"
Die Politkarriere des „ Wunderkinds“ beginnt rasant. 1979 in Wuppertal geboren, studiert er Politikwissenschaften, Öffentliches Recht und Philosophie in Bonn. Quelle: dapd
Zunächst versucht er sich als Unternehmer: Er gründet 1997 eine Kommunikationsagentur für Unternehmen, 2000 folgt dann ein Startup, das jedoch erfloglos bleibt. Lindner verlässt es schon ein Jahr später, bald darauf geht es pleite. Quelle: dapd
Fortan verschreibt sich Lindner ganz der Politik und arbeitet sich schnell in die obersten Sphären seiner Partei vor. 2000 wird er jüngster Landtagsabgeordneter in Nordrhein-Westfalen, schon vier Jahre später Generalsekretär der Landespartei. Quelle: dapd
Christian Lindner, Guido Westerwelle Quelle: dpa
Die Ambitionen des Duos sind hoch, gemeinsam rufen sie 2010 eine „geistig-politische Wende“ für Deutschland aus. Lindner soll der Partei neu Züge verpassen und ein neues Grundsatzprogramm ausarbeiten. Er wird Hoffnungsträger der FDP, Galionsfigur eines „ mitfühlenden Liberalismus“. Quelle: dapd
Doch die liberale Welt gerät schon bald aus den Fugen: Zweifelhafte Auslandsreisen von Westerwelle und die Mövenpickaffäre setzen der FDP zu, 2011 fliegen die Liberalen reihenweise aus Landtagen.  Die 14,6 Prozent, mit denen die Partei mit starker Brust in die Regierung zog, schmelzen in Umfragen auf zwei Prozent. Quelle: dapd
Ins Visier gerät nicht er, sonder der damalige Parteivorsitzender Westerwelle. Lindner stellt sich zwar loyal hinter ihn, dennoch gibt Westerwelle seinen Vorsitz nach langem Gezerre ab. Quelle: dapd
Er hinterlässt ein Machtvakuum, das Phillipp Rösler als sein Nachfolger ausfüllen soll. Zusammen mit Lindner sollen die „ jungen Wilden“ die Partei radikal aufräumen und sie aus den miesen Umfragewerten holen – bislang glücklos. Quelle: Reuters
Zumindest offiziell war das kein Grund für Lindners Rücktritt als Generalsekretär. Er begründete ihn mit der massiven Kritik der Parteibasis an der Organisation des Mitgliederentscheids zum europäischen Rettungsschirm. Quelle: dpa

Anbiedern will sich die FDP bei der Mehrheit der Bürger nicht. Auch in Nordrhein-Westfalen nicht. Das machten die Liberalen beim außerordentlichen Landes-Parteitag in Duisburg deutlich. Schlecker dürfe nicht gerettet werden, Opel auch nicht – und die Wiedereinführung der Studiengebühren müsse bedenkt werden: Mit ihrem Programm setzt die FDP auf streitbare Thesen. Thesen, die nicht zum Heldenstatus taugen und auch nicht die Mehrheit der Bürger ansprechen – vielleicht aber ehemalige, marktliberale FDP-Wähler, die der Partei in den vergangenen Monaten den Rücken zugewendet haben.

„Die FDP wird gebraucht. Wir glauben nicht, dass die Politik verhindern kann, was die Kunden schon längst entschieden haben, nämlich das Schlecker keine Zukunft hat“, gab Daniel Bahr, Bundesgesundheitsminister und Landesvorsitzender der nordrhein-westfälischen FDP, zu Beginn der Veranstaltung den Ton vor. Die wirtschaftliche Vernunft dürfe nicht ausgeblendet werden. „Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer.“

Lindner bringt die Basis zum Johlen

Das gelt auch beim kriselnden Autobauer Opel. Es sei richtig gewesen, dass Berlin im Sommer 2009 Staatshilfen verweigert habe. Einen Kommentar zur aktuellen Lage des Bochum-Werks vermeidet Bahr zwar, doch durch den Kontext der Rede ist jedem der 400 Delegierten klar: Die Haltung der FDP ist unverändert, der Bund darf keine Bürgschaften für die GM-Tochter übernehmen.

Für seine klaren Worte erhielt Bahr von den gut 400 Delegierten lauten Beifall. Euphorisch wurde die Stimmung im Saal allerdings erst, als Christian Lindner die Bühne betrat. Der Ex-Generalsekretär, der im Dezember das Handtuch warf, ist der vielleicht letzte Hoffnungsträger der Liberalen. In Berlin, wie im Bund. Denn der Spitzenkandidat der NRW-FDP – der bei seiner Wahl 394 von 395 Stimmen erhielt – bewies, dass er zumindest die eigenen Leute mitreißen kann – trotz Umfragewerte von um die vier Prozent.

„Ich empfehle, bis zum Wahlkampf keine Umfragen mehr zu lesen“, appellierte Lindner an seine Partei. Entscheidend sei, welches Ergebnis die Liberalen bei der Wahl am 13. Mai erreichen würden. Um den Einzug in den Landtag zu schaffen, will er seriöse Politik betrieben und Alternativen aufzeigen. „Die Karriereplanung von Röttgen lässt mich kalt, Widersprüche von Kraft sind mir egal. Attacken der Grünen gegen meine Person sind mir egal. Wir wollen über Themen sprechen“, sagt Lindner – und erntet tosenden Applaus.

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