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NRW-Wahl Ruhrgebiet als Sorgenkind und Hoffnungsträger

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Hoffnungszeichen

Denn das Ruhrgebiet wird alt. Und zwar älter als andere Gebiete Deutschlands. Während in Berlin rund 15 oder in Hamburg 17 Prozent der Bevölkerung älter als 65 sind, ist in Essen jeder Fünfte im Rentenalter. Und trotz des jüngsten Aufschwungs in der Einwohnerzahl, lässt sich nicht ausblenden: Seit Anfang der Sechzigerjahre hat die Stadt 20 Prozent ihrer Einwohner verloren. In den Nachbarstädten sieht es ähnlich aus. Damit sind die Kommunen im Ruhrgebiet zu groß für ihre Bevölkerung. Die Leerstände sind hoch, die Mieten niedrig, vieles wird unsaniert gelassen. „Viele Ältere fühlen sich nicht mehr sicher“, sagt Maschun. „Die erzählen sich Gerüchte über Ausländer, manche verlassen nicht mehr das Haus.“ Der Anteil an Zugewanderten ist hoch im Essener Norden. Doch Maschun will bleiben. Auch wenn seine 18-jährige Tochter bald wegziehen wird. Sie möchte ins Ausland. Oder nach Köln.

Plus. So wie Peter Buse hat lange keiner mehr auf den nördlichsten Rand des Ruhrgebiets geschaut, die wohl einzige Gegend Deutschlands, die ihren Namen einem Abwasserkanal verdankt. „Wir sehen die Emscherregion als Wachstumszentrum“, sagt Buse, Vorstandsmitglied bei Arvato, der Dienstleistungstochter des Bertelsmann-Konzerns. Von den insgesamt 116.000 Konzernmitarbeitern arbeiten 68.000 bei Arvato, und 1000 weitere dürften bald dazukommen, im neuen Logistikzentrum in Dorsten.

„Im Moment gibt es hier noch genügend Arbeitskräfte für solche Projekte, aber das dürfte sich bald ändern“, sagt Buse. Innerhalb von sieben Monaten hat Arvato den Stützpunkt erbaut, dessen Dimensionen sich eher in Braunkohletagebauten als in Fußballfeldern messen lassen können. Arvato steht damit an der Spitze eines Booms von fast allem, was irgendwie mit Logistik zu tun hat.

In Duisburg baut Daimler ein neues Verteilzentrum, 500 Arbeitsplätze. In Marl werden 1000 Jobs bei der Metro zentralisiert, in Dortmund bauen sowohl der französische Sporthändler Decathlon als auch Amazon im großen Stil, mehr als 2000 neue Jobs sollen bis Ende 2018 entstehen. Die Liste ließe sich lange fortsetzen, allein in Herne gehen in den nächsten Monaten vier große Logistikzentren mit höheren dreistelligen Mitarbeiterzahlen an den Start.

„Das nördliche Ruhrgebiet zeichnet sich genau durch die Kombination aus, die vor ein paar Jahren die Region Leipzig zur Logistikdrehscheibe gemacht hat: hervorragende Anbindung und günstige Arbeitskräfte“, sagt Arvato-Mann Buse. Und so hat sich ein Trend umgekehrt, der jahrelang gegen das Ruhrgebiet sprach: Die Bevölkerung wächst zumindest an manchen Orten wieder, nach zwei Jahrzehnten der Schrumpfung. So leben in Dortmund heute mehr als 600.000 Menschen – dabei hatte man vor 15 Jahren nur noch mit 530.000 Menschen für das Jahr 2015 gerechnet. In Essen sind es mehr als 590.000 statt 526 000. Auch in Bochum steigt die Einwohnerzahl bereits seit 2014 wieder, lange vor der Flüchtlingskrise.

Zwar gelten auch im Ruhrgebiet die gleichen Gesetze wie im Rest des Landes, aufwärts geht es vor allem da, wo die Universitäten und die hoch bezahlten Jobs sind. Doch nun tut sich sogar am nördlichen Rand der Region, wo die Arbeitslosigkeit am höchsten und Abwanderung am drastischsten war, plötzlich etwas.

Ein Hoffnungszeichen also, dass womöglich doch irgendwann gut wird, was für immer aussichtslos schien?

Die Emscher, dieser vor gut 70 Jahren zum Abwasserkanal umgewidmete Fluss, wird derzeit übrigens renaturiert.

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