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NRW-Wahl Ruhrgebiet als Sorgenkind und Hoffnungsträger

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Nur eine Frage der Perspektive

Wenn Hoffmeister seine Produkte erklärt, spricht er von euklidischen Algorithmen, ellyptischen Kurven oder diskreten Logarithmen. Einmal hat er einen kompletten Lehrstuhl mit einem Professor und sechs Doktoranden aus England eingestellt. Seine Firma steht für die neue Art der Unternehmen, die man im Ruhrgebiet haben will. Nur den Arbeitslosen im Ruhrgebiet bringt das nichts. Denn klar ist: In diesem Glasbau arbeiten nicht die Menschen, die in der Bürgerklause sitzen.

Plus. Mitten im nördlichen Ruhrgebiet, da wo die Probleme am größten sind, liegt Bottrop: 2006 betrug die Arbeitslosenquote hier 12,8 Prozent, im vergangenen Jahr waren es 7,6 Prozent. Das sind satte 40 Prozent weniger. Denn auch im Ruhrgebiet gibt es diese Leute wie André Kolanowski, die man eher im Schwäbischen vermutet. Seine Firma Doga fertigt Maschinen für die Industrieproduktion, die Kunden sind vor allem Automobilhersteller und ihre Zulieferer. Die Maschinen, mit denen zum Beispiel die automatische Kofferraumklappe hergestellt wird, sind derzeit so beliebt, das Kolanowski ein Problem hat, das man so gar nicht mit dem Ruhrgebiet verbindet: „Wir brauchen dringend Platz, um zu wachsen“, sagt er. In Bottrop war das schlicht nicht mehr möglich. Und so zieht Kolanowski mit seinen 40 Mitarbeitern gerade um, ins benachbarte Gladbeck, da hat er doppelt so viel Platz. Ein bisschen ärgerlich für den Bottroper Kämmerer, aber doch ein ziemlich gutes Zeichen für die Region insgesamt. Denn Geschichten wie diese gibt es hier inzwischen an verschiedensten Ecken. Und auch in Dortmund und Mülheim ist die Arbeitslosenquote seit 2006 um mehr als 30 Prozent gesunken. So ist auch die Arbeitslosigkeit im Ruhrgebiet nur eine Frage der Perspektive. Neben der Vollbeschäftigung in Oberbayern sieht die Gelsenkirchener Arbeitslosenquote von 14 Prozent nach Rustbelt aus – im Vergleich zu den 20,1 Prozent 2006 nach Hoffnung.

II. Bildung

Minus. Es war Mitte März, da versammelten sich die Lehrer in der Aula einer Gesamtschule im Norden Duisburgs und beschlossen, einen Brief an das örtliche Schulamt zu schicken. Das Schreiben endet mit drei Ausrufezeichen: „So, wie es momentan ist, kann es nicht weitergehen!!!“

Wie das Ruhrgebiet im Vergleich zum Rest Nordrhein-Westfalens abschneidet

Es gibt in Duisburg Viertel, in denen die Armut und der Migrationsanteil besonders hoch sind. Die dortigen Schulen sind unter Lehrern unbeliebt. Die Stadt hat 85 unbesetzte Stellen ausgeschrieben. „Wir gehen davon aus, dass wir weniger als ein Viertel der vakanten Stellen besetzen können“, sagt Rüdiger Wüllner von der Duisburger Bildungsgewerkschaft. Für die verbleibenden Lehrer bedeutet das: mehr Schüler, um die sie sich kümmern; mehr Probleme, die sie bewältigen. Und weil das so ist, bewirbt sich erst recht keiner. Meist sind es Idealisten wie Wüllner, die sich den Mehrfachstress freiwillig antun. Er schiebt sein Fahrrad am Zaun einer dieser Schulen vorbei, an denen niemand arbeiten will. Duisburg Innenstadt. Direkt gegenüber ist eine Einrichtung, in der sozial schwache Kinder ein Mittagessen bekommen. „Es fehlt bei vielen am Nötigsten. Viele kommen ohne Frühstück und haben nicht mal einen Stift dabei. Da kommen wir oft gar nicht zum eigentlichen Unterrichten“, sagt er.

Plus. Wer wissen will, wie man aus dem ganzen Mist rauskommt im Ruhrgebiet, der muss Turgay Tahtabas, 51, fragen. Tahtabas ist Müllmann, mit Dreck kennt er sich aus. Tahtabas ist 1987 aus der Türkei nach Essen-Karnap gekommen, als „Importbräutigam“, wie er sagt. Ohne Deutsch, ohne Job. Er hat dann bei der Stadtreinigung angefangen und seitdem alles getan, damit es seine Kinder mal besser haben. Da weder er noch seine Frau die Sprache schnell lernten, schickten sie die Kinder in den Hort. Dafür verzichteten sie auf ein neues Auto und alles, was sie nicht unbedingt brauchten.

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