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NSA Deutschland macht es der NSA leicht

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Unternehmen im Visier

Alexander Huber, Professor an der Beuth Hochschule für Technik in Berlin, sieht das ähnlich: „Gegen gezielte Angriffe von Nachrichtendiensten sind Unternehmen chancenlos, sich davor schützen zu wollen würde immense Ressourcen binden.“ Es gehe eher darum, die Hürden für Angreifer möglichst hoch zu setzen und Lücken zu schließen, „die vielerorts groß und scheunentorweit offen stehen“.

Wie weit die deutsche Wirtschaft dieses Ziel erreicht hat, ist schwer zu sagen. „Viele Großunternehmen verfügen über eigene Sicherheitsabteilungen, aber der Mittelstand ist bisher insgesamt zu wenig sensibilisiert“, fürchtet Matthias Wachter, Abteilungsleiter Sicherheit und Rohstoffe beim BDI. „Wo Dax-Konzerne eine eigene Einheit für die Cyber-Sicherheit haben, liest das Gros des deutschen Mittelstands von diesen Themen häufig nur in der Zeitung.“ Selbst die mittelständischen Hidden Champions, Weltmarktführer in ihren Nischen, glaubten, ihnen könne nichts passieren, weil sie so hoch spezialisiert sind. Diese Sicht sei „eine der größten Herausforderungen“, sagt Wachter. Gerade China und Osteuropa hätten die Vorzeigeunternehmen des deutschen Mittelstands im Visier.

Nicht mal das Bekanntwerden der NSA-Praktiken ist für die Insider in den großen Unternehmen neu. „Wir wissen seit Jahren, unter anderem aus Interviews in der Washington Post, dass amerikanischen Unternehmen aus der Fernmeldeaufklärung gewonnene Informationen über europäische Firmen zur Verfügung gestellt werden“, sagt Reinhard Ploss, Vorstandsvorsitzender beim Chiphersteller Infineon. Dennoch sei es bedenklich, dass nicht nur Wettbewerber Industriespionage betreiben, sondern auch offizielle Behörden mit Milliardenbudgets.

Die möglichen Angriffspunkte sind vielfältig. Dass etwa Telefone und normale Handys ohne großen Aufwand abgehört werden können, ist nicht erst seit dem US-Lauschangriff auf die Kanzlerin bekannt. Als besonders problematisch gelten schnurlose Telefone, die nach dem gängigen DECT-Standard arbeiten. „Die abzuhören ist ein Kinderspiel, den Bausatz bekommen Sie für 27 Euro im Elektroniksupermarkt“, sagt Hochschullehrer Huber.

Abhörsichere Telefone für Unternehmen

In Politik und Behörden gibt es beim Telefonieren klare Vorgaben. Wer etwa mit Kollegen am Telefon über vertrauliche Dokumente spricht, muss ein Gerät mit Verschlüsselungstechnik benutzen, das für die jeweilige Vertraulichkeitsstufe zugelassen ist. Dafür ist das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zuständig. Dessen Auftrag erstreckt sich aber vor allem auf die öffentliche Verwaltung und die rund 2400 geheimschutzbetreuten Konzerne, die etwa die Bundeswehr mit Rüstungsgütern beliefern.

In den deutschen Großunternehmen haben die IT-Sicherheitsexperten die Schwachstelle Telefon längst auf dem Schirm. Wenn vertrauliche Dinge auf der Tagesordnung stehen, werden bei Siemens oder Linde Blackberrys oder Smartphones mit Verschlüsselungstechnik benutzt – von allen Teilnehmern, sonst nützt die Verschlüsselung nichts. Auch bei Telefonkonferenzen mit Problemländern wie China sind die mit Kryptotechnik ausgestatteten Geräte Standard, trotz teilweise schlechterer Tonqualität.

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