WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Nürburgring ADAC muss sich hinten anstellen

Der Automobilclub schafft es vorerst nicht in die engere Auswahl der möglichen Käufer für den Nürburgring. Doch das ist nur eine Momentaufnahme – denn das Verkaufsverfahren hat noch einige Tücken.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Die größten Investitionsruinen Deutschlands
Flughafen ZweibrückenNach dem insolventen Nürburgring steht ein weiteres Projekt mit Steuergeld in Rheinland-Pfalz vor dem finanziellen Crash: Der Flughafen Zweibrücken in der Pfalz wird nach Ansicht von Verkehrsminister Roger Lewentz (SPD) Insolvenz anmelden müssen. Er rechne damit, dass die EU-Kommission die Rückzahlung von bis zu 56 Millionen Euro staatlicher Beihilfen fordern werde, sagte Lewentz. Der Flughafen Zweibrücken - wie der verschuldete Airport Frankfurt-Hahn ein früheres Militärgelände - hatte 2012 ein Minus von 4,6 Millionen Euro eingefahren, das er im vergangenen Jahr nach Ministeriumsangaben auf knapp 3 Millionen Euro drückte. Der Flughafen befindet sich zur Hälfte in Hand des Landes und zur Hälfte in kommunaler Hand. Er liegt nur rund 30 Kilometer vom Flughafen Saarbrücken entfernt. Die neuen Flugleitlinien der EU-Kommission verbieten Subventionen für zwei Airports, die weniger als 100 Kilometer auseinanderliegen. Quelle: dpa/dpaweb
Eine Maschine der Lufthansa überquert die Landebahn des Flughafens Leipzig/Halle Quelle: Uwe Schoßig
Freizeitpark am Nürburgring Quelle: dpa
Ein Transrapid TR 09 steht auf der Teststrecke im Emsland Quelle: dpa
Menschen verspeisen Kaffee und Kuchen im Reaktorhauptgebaeude des Kernkraftwerkes Kalkar Quelle: AP
Aussenansicht der Halle des Tropical Islands Resorts Quelle: dpa/dpaweb
Passanten vor dem Dortmunder U-Turm Quelle: PR

Die Verunsicherung ist groß bei der Nürburgring-Fangemeinde und in der Motorsportszene. In Online-Foren wird rauf und runter diskutiert, kommentiert, kritisiert. Der Favorit, aus dem Rennen? Der ADAC aus dem Bietverfahren ausgeschlossen, wie die BILD-Zeitung berichtet? Das Angebot mit rund 30 bis 40 Millionen Euro zu gering? Die Nachricht kam völlig überraschend. Dass der ADAC, nur weil er sich für die Rennstrecke interessiert, nicht automatisch den Zuschlag erhält, war klar. Aber dass er es nicht einmal in die engere Auswahl schafft, hatte kaum jemand erwartet. Auch nicht beim ADAC selbst.

ADAC-Chef Peter Meyer schoss entsprechend scharf gegen die Insolvenzverwalter Jens Lieser und Thomas Schmidt, die die Rennstrecke mit Unterstützung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG verkaufen. Meyer warf ihnen vor, es ginge ihnen um „kurzfristige Gewinnmaximierung, ohne an die Folgen für die Menschen in der Region zu denken.“ Doch im Hintergrund lauert der ADAC weiter auf seine Chance – denn aus dem Rennen ist der Club noch nicht. Zudem hat das Verkaufsverfahren noch diverse Tücken. Vor allen Dingen aber: Die Insolvenzverwalter haben noch kein einziges belastbares Angebot.

Bisher waren nur unverbindliche Offerten abzugeben. Anhand derer entscheiden die Insolvenzverwalter, wen sie in den so genannten Datenraum lassen. Dort kann der engere Kreis der Bieter Geschäftszahlen, Verträge, Grundbuchunterlagen und andere Dokumente einsehen. Zudem dürfen diese Bieter Einzelgespräche mit Führungskräften führen. Erst dann müssen sie ihre verbindlichen Angebote vorlegen.

Ob diese ähnlich hoch ausfallen werden wie die unverbindlichen? „Das wollen wir doch mal abwarten“, heißt es in ADAC-Kreisen. Ursprünglich lief die Frist für die unverbindlichen Angebote bis Mitte September, wurde dann bis Ende des Monats verlängert. Nach Informationen der WirtschaftsWoche sollen bis zu diesem Zeitpunkt sechs Angebote vorgelegen haben, von denen mindestens zwei nur auf einzelne Bereiche des Nürburgring-Komplexes geboten haben – neben den Rennstrecken stehen auch Hotels, Restaurants, eine Achterbahn und mehr zum Verkauf. Ein Sprecher der Insolvenzverwalter kommentierte die Zahl nicht.

Zu diesem Zeitpunkt Ende September war allerdings noch nicht bekannt, dass das Geschäftsjahr 2013 am Nürburgring deutlich schlechter läuft als bis dahin verbreitet. Die Insolvenzverwalter hatten mehrfach betont, mit einem positiven Ergebnis zu rechnen. Ein Geschäftsführer der Betriebsgesellschaft sprach in einem Interview sogar von acht Millionen Euro Gewinn. Doch dann mussten die Insolvenzverwalter in einem Pressegespräch öffentlich einräumen, dass sie 2013 gerade mal eine schwarze null schaffen werden.

Etappe Datenraum

Deutschlands sündhaft teure Prestigebauten
Die Elbphilharmonie ist das teuerste Kulturprojekt in Deutschland. Die Kostenexplosion und Bauverzögerung wird ein Fall für die Justiz. Die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt, ob Straftaten vorliegen. Laut Abschlussbericht sind eine unfertige Planung, mangelnde Kontrolle vonseiten der Politik und ein Chaos auf der Baustelle schuld am Desaster beim Bau. Die Kosten für den Steuerzahler bei dem Projekt sind von ursprünglich 77 Millionen auf 789 Millionen Euro gestiegen, die Eröffnung wurde von 2010 auf 2017 verschoben. Erstmals nennt der Abschlussbericht, der die Ereignisse bis Ende 2008 untersucht, auch die Namen der Verantwortlichen. Demnach ist die städtische Realisierungsgesellschaft (Rege) mit ihrem Chef Hartmut Wegener für wichtige Fehlentscheidungen verantwortlich. Die politisch Verantwortlichen, allen voran Hamburgs damaliger Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und sein Chef der Senatskanzlei Volkmar Schön (CDU), seien dagegen ihrer Aufsichtspflicht nicht gerecht geworden. Aber auch die Architekten Herzog & de Meuron und der Baukonzern Hochtief kommen in dem Bericht nicht gut weg. „Wenn wir konkrete Anhaltspunkte für eine verfolgbare Straftat finden würden, würden wir entweder einen Ermittlungsvorgang gegen einen bestimmten namentlich bekannten Beschuldigten oder mehrere einleiten oder wir würden ein Unbekannt-Verfahren einleiten, wenn wir noch nicht wüssten, wer der Beschuldigte ist“, erklärt die Sprecherin Nana Frombach. Quelle: dpa
Deutschlands teuerstes Kulturprojekt, die Hamburger Elbphilharmonie, wird die Steuerzahler laut Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) stolze 789 Millionen Euro kosten - und soll 2017 eröffnet werden. Das Prestigeprojekt würde damit gut zehnmal teurer als 2005 vom damaligen Bürgermeister Ole von Beust (CDU) veranschlagt. Damals war von rund 77 Millionen Euro die Rede. Auf der Baustelle im Hafen herrscht mittlerweile seit rund anderthalb Jahren Stillstand, weil sich die Vertragspartner lange nicht einigen konnten. Erst im März hatte Scholz mit Hochtief einen Vertrag geschlossen, wonach der Essener Baukonzern künftig sämtliche Risiken übernimmt und das Konzerthaus bis Ende Oktober 2016 zum „Globalpauschalfestpreis“ von 575 Millionen Euro zu Ende baut. Nicht berücksichtigt waren dabei jedoch unter anderem die Finanzierungs- und Baukosten für den kommerziellen Teil und die Vorplanungskosten. Nun geht aus dem vertraulichen zweiten Entwurfs des Abschlussberichts des Untersuchungsausschusses hervor, der Spiegel Online vorliegt. Die Schuldigen sollen die Projektkoordination, Bauunternehmer und Architekt, sowie auch der damalige Erster Oberbürgermeister, Ole von Beust, sein. Quelle: REUTERS
Die sogenannte 'Kanzlerbahn', die derzeit zwischen dem Hauptbahnhof, Kanzleramt und dem Brandenburger Tor verkehrt, soll um 92 Millionen Euro teurer werden. Laut Berliner Morgenpost beläuft sich das Gesamtvolumen künftig auf 525 Euro, die das Land und der Bund zahlen müssen. Quelle: dpa
In Schlangen winden sich Hunderte Besucher durch den Saal, bestaunen historische Exponate, erhaschen per Kurzfilm einen Einblick in die Arbeit der Bundestagsabgeordneten. In einem Miniplenarsaal mit originalgetreuen blauen Sesseln lauschen sie einer gespielten Debatte und ergreifen selbst das Wort. Dann geht es durch den unterirdischen Gang ins Reichstagsgebäude, hinauf in die gläserne Kuppel. Zum Abschluss noch ein Imbiss an einem der 16 Bistro-Tische, die die 16 Bundesländer repräsentieren. So soll es aussehen, das Besucher- und Informationszentrum des Bundestages (BIZ). Ursprünglich sollte es 200 Millionen Euro kosten. Im Januar dann lag der anvisierte Preis schon bei 330 Millionen Euro. "Ein Bau für 330 Millionen Euro, das wird nicht kommen", sagte damals Eduard Oswald, CSU-Bundestagsvizepräsident und Vorsitzender der inneren Kommission, gegenüber WirtschaftsWoche. Nun heißt es in einem Bericht der Welt, dass der Bau mit bis zu 500 Millionen Euro zu Buche schlagen werde. das gehe aus einem Bericht der 36-köpfigen "Reformkommission Bau von Großprojekten" der Bundesregierung hervor. Quelle: dpa
Die Stuttgarter waren nicht ohnmächtig: Stuttgart 21 steht für einen politischen Umbruch in Baden-Württemberg und den Einzug neuer Formulierungen in die deutsche Sprache, wie zum Beispiel das Wort „Wutbürger”. Der alte Kopfbahnhof soll zu einem Tunnelbahnhof umgebaut werden. Eine riesige Protestwelle überrollte die baden-württembergische Landeshauptstadt, seit der Abriss des alten Bahnhofs startete. In einer Abstimmung Ende 2011 sprach sich eine Mehrheit der Bevölkerung jedoch für das Projekt aus. Gestritten wird vor allem über die Kosten des Umbaus... Quelle: dpa
Immer wieder wurden die prognostizierten Baukosten nach oben korrigiert. Zwischenzeitlich sprach die Deutsche Bahn von 4,5 Milliarden Euro, mittlerweile hat sie die Zahlen um ganze zwei Milliarden erhöht.. Andere Experten veranschlagen Kosten von bis zu elf Milliarden Euro. Auch der Bundesrechnungshof hat diese Summe bereits vor drei Jahren als viel zu gering bezeichnet. Die DB hatte damals die Einschätzung zurückgewiesen. Inzwischen sind viele Dokumente ans Tageslicht gekommen, die beweisen, dass die Bahn hohe Mehrkosten vorsätzlich verschwiegen hat. Nicht zuletzt die mangelnde Transparenz bezüglich der Gesamtkosten des Projekts hat viele Bürger auf die Straße getrieben. Die ersten Züge werden wohl nicht vor 2022 im unterirdischen Bahnhof einfahren. Quelle: dpa
Eigentlich sollte die Erweiterung des Saarland-Museums und der Modernen Galerie in Saarbrücken ein Prestigeprojekt werden. Allerdings haben sich die veranschlagten Kosten mehr als verdreifacht. Ursprünglich sollte der Bau neun Millionen Euro kosten. Wie tief der Steuerzahler dafür in die Tasche greifen muss, ist noch offen. Bisher steht in bester Lage in Saarbrücken unweit des Staatstheaters ein hässlicher Betonklotz im Rohbau, dem ein Gutachten jetzt zahlreiche Mängel bescheinigt hat. Die Landesregierung will aber auf jeden Fall an dem schon weit vorangeschrittenen Projekt festhalten, obwohl viele vor einer „zweiten Elbphilharmonie“, wenn auch in sehr viel kleinerer Größenordnung, warnen. Quelle: dpa


Der ADAC hatte diese Information bereits, als er Anfang November sein Angebot nachlegte. Ob es weitere „Nachzügler“ neben dem ADAC gibt, ist unbekannt. Der Sprecher der Insolvenzverwalter äußerte sich auf Nachfrage nicht dazu. Alle früheren Bieter jedenfalls – deren Namen ebenfalls ein gut gehütetes Geheimnis sind – gingen offenbar noch von einem besseren Ergebnis des Nürburgrings aus. Spannend bleibt, wie viel sie nach einem Einblick in den Datenraum noch bereit sind zu zahlen.

Bevor die tatsächlichen Angebote vorliegen, lässt sich ein Favorit nicht ausmachen. Der Datenraum ist noch eine hohe Hürde. Hier muss die wirtschaftliche Situation des Nürburgrings geprüft werden, die bauliche Situation der Anlagen, die Verträge der Nürburgring GmbH. Die Arbeitsverhältnisse der Mitarbeiter, die der Käufer übernehmen soll. Ob wirklich alle Schimmelschäden behoben sind, wie die Insolvenzverwalter mitgeteilt haben. In welchem Zustand die vielen Brücken und Untertunnelungen sind, die zum Nürburgring gehören. Eine aufwändige Prüfung, die jeden Bieter nach Schätzungen eine bis eineinhalb Millionen Euro kosten dürfte.

Das Nürburgring-Desaster

Wie wichtig die Etappe Datenraum noch ist zeigt sich auch daran, dass der ADAC stets betont hat, sein unverbindliches Angebot diene nur dazu, Einblick in diese Zahlen zu bekommen – erst dann solle entschieden werden, ob es eine verbindliche Offerte gibt und wie diese aussieht. Hier muss sich der ADAC nun hinten anstellen, in den Datenraum kommen andere zuerst.

Komplett raus ist der Verband jedoch keineswegs. Denn, so teilte der Sprecher der Insolvenzverwalter mit, weitere unverbindliche Angebote sind immer noch möglich. Ebenso können weitere Bieter für den Datenraum zugelassen werden, wenn die bisherigen am Ende nicht genügend verbindliche Angebote abgeben.

Deutschland



Der ADAC allerdings will sein Angebot nicht nachbessern, wie die WirtschaftsWoche aus Verbandskreisen erfuhr. „Wir bleiben ganz entspannt und schauen, was passiert“, sagt ein Insider der WirtschaftsWoche. Sicher ist, dass der ADAC als Hauptnutzer des Nürburgrings nicht jeden künftigen Besitzer akzeptieren muss – er hat ein Sonderkündigungsrecht in seinen Veranstaltungsverträgen. Sollte der künftige Eigentümer für den ADAC inakzeptabel sein, könnte er die Verträge auflösen, der neue Besitzer hätte zwar eine Strecke, aber keine Veranstaltungen mehr.

Der Machtkampf am Nürburgring ist also noch nicht entschieden. Er geht in eine weitere Runde. Mit einem ADAC, so viel ist freilich klar, der sich derzeit hinten anstellen muss.

Dem Autor auf Twitter folgen:

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%